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Ein Bild mit Symbolcharakter: Tom Lüthi hängt das Renndress an den Nagel.
Ein Bild mit Symbolcharakter: Tom Lüthi hängt das Renndress an den Nagel.
Bild: keystone

Tom Lüthi wie Bernhard Russi? «Das wäre wirklich cool…»

Tom Lüthi erklärt auf seinem Bauernhof in Linden, warum er Ende Saison aufhört und wie es dann weitergeht. Seine Reise mit dem GP-Zirkus rund um den Globus ist noch lange nicht zu Ende.
19.08.2021, 18:00

Das schmale Strässchen führt vom 1300-Seelen-Dorf Linden einem zu einem kleinen bäuerlichen Anwesen in Hanglage auf einer Meereshöhe von etwas mehr als 900 Metern. So stellen wir uns die Heimat eines Kranzschwingers vor.

Aber Tom Lüthi war nie ein Schwinger. Von hier aus ist er vor 20 Jahren losgezogen, um die Töffwelt zu erobern. Seit 2017 wohnt er wieder hier. Und nun erklärt er in idyllischer Gotthelf-Umgebung die Gründe für den Karriere-Schluss per Ende Saison.

Tom Lüthi in Zahlen
6. September 1986.
Grösse: 172 cm.
Gewicht: 64 Kilo.
Zivilstand: ledig, aber in festen Händen.
Wohnort: Linden.

Erster GP: 21. Juli 2002 Sachsenring
Erster WM-Punkt: 8. September 2002 Estoril
Anzahl GP: 311 (67 125 ccm, 47 250 ccm, 178/Moto2, 18/MotoGP). Nur Valentino Rossi hat mehr GP bestritten.
GP-Siege: 17 (5 125 ccm, 12 Moto2). Die Nummer 3 der Schweiz hinter Luigi Taveri (30 GP-Siege) und Stefan Dörflinger (18).
Erster GP-Sieg: 15. Mai 2005, Le Mans.
Letzter GP-Sieg: 14. April 2019, Austin.
Anzahl Podestplätze: 65 (10 125 ccm, 2 250 ccm. 53 Moto2)
Erster Podestplatz: 15. Juni 2003, Barcelona
Letzter Podestplatz: 17. November 2019, Valencia
Sportler des Jahres 2005 vor Roger Federer.

Die Saisons:
2002 WM-27. 125 ccm
2003 WM-15. 125 ccm
2004 WM-25. 125 ccm
2005 Weltmeister 125 ccm (4)**
2006 WM-8. 125 ccm (1)
2007 WM-8. 250 ccm
2008 WM-11. 250 ccm
2009 WM-7. 250 ccm
2010 WM-4. Moto 2
2011 WM-5. Moto2 (1)
2012 WM-4. Moto2 (1)
2013 WM-6. Moto2
2014 WM-4. Moto2 (2)
2015 WM-5. Moto2 (1)
2016 WM-2. Moto2 (4)
2017 WM-2. Moto2 (2)
2018 WM-29. MotoGP*
2019 WM-3. Moto2 (1)
2020 WM-11. Moto2
2021 WM-23. Moto 2
*keine WM-Punkte
** Anzahl Siege

Wann haben Sie sich zum Rücktritt entschieden? Sind Sie eines morgens aufgewacht und haben sich gesagt: So, das wars? «Nein. Den Entscheid habe ich nach dem Rennen am letzten Sonntag und reiflicher Überlegung gefällt. Es gibt nicht DEN, es gibt viele Gründe. Wichtig ist für mich, dass es mein Entscheid ist. Ich muss nicht aufhören. Ich darf aufhören und erhobenen Hauptes gehen.»

Gönnt er sich eine Pause nach dem letzten Rennen? Mal ein, zwei Monate abschalten? «Etwas in der Richtung. Aber ich weiss es noch nicht.» Er plane auch nicht, eine Familie zu gründen.

Er hätte noch ein, zwei Jahre fahren können. «Aber ich mache keine halben Sachen. Wenn ich fahre, dann will ich gewinnen und das ist nicht mehr möglich.» Das ist Tom Lüthi: ganz oder gar nicht.

Die Entwicklung der letzten Jahre bezeichnet er als «Wahnsinn». Junge Fahrer, die mit 15 schon in allen Bereichen ausgebildet und trainiert sind. «Das ist extrem, ja krass» Es ist eine Dynamik, die auch ihn in einem gewissen Sinne überrollt hat.

Im Mai ist sein Freund Jason Dupasquier (19) beim GP von Italien tödlich verunglückt. Er hätte Tom Lüthis Nachfolger werden können. Spielt diese Tragödie beim Rücktrittsentscheid eine Rolle? «Nein, dieser Schicksalsschlag hat eine ganz andere Bedeutung. Für meinen Entscheid spielen sportliche und berufliche Überlegungen eine Rolle.»

Es sei der richtige Zeitpunkt für eine neue berufliche Herausforderung. Tom Lüthi übernimmt im Mandat das Management des Nachwuchsfahrers Noah Dettwiler (16), der über Nachwuchs-Rennserien den Einstieg in die Moto3-WM anstrebt und der nächste Schweizer GP-Pilot werden kann.

Ab Jahresbeginn 2022 wird Tom Lüthi hauptberuflich Sportchef des deutschen Moto3-WM-Teams von Florian Prüstel. Er wird für die Organisation des sportlichen Betriebes, für die Betreuung und Rekrutierung der zwei Piloten und das Juniorteam verantwortlich sein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Noah Dettwiler in diesem Team in den nächsten zwei Jahren ein GP-Pilot wird.

Tom Lüthi bleibt also im Geschäft. Er wird weiterhin um die Welt reisen, die Batterien auf dem Barschwand aufladen und wieder aufbrechen. Glücklich, seinen Platz in einer Welt behalten zu können, die seit 20 Jahren seine Heimat ist. Daniel Epp, der ihn über all die Jahre als Freund und Manager begleitet hat, wird er weiterhin um Rat fragen können. «Würde ich etwas anderes machen, müsste ich ganz von vorne anfangen.»

Tom Lüthi wird jetzt Manager.
Tom Lüthi wird jetzt Manager.
Bild: keystone

Das enorme, in zwei Jahrzehnten erworbene Wissen von Tom Lüthi geht dem Rennsport also nicht verloren. Wird er so etwas wie ein Bernhard Russi unseres Töffrennsportes? Da muss er lachen und sagt, daran habe er gar nicht gedacht. «Das wäre wirklich cool…»

Zwanzig Jahre sind seit dem Beginn seiner grossen Karriere ins hügelige Land an der Wasser- und Kulturscheide zwischen dem Berner Oberland und dem Emmental gezogen. Aus dem «Töfflibub» von 2002 ist ein selbstsicherer, charismatischer Mann geworden, der genau weiss, was er will. Und in dieser Zeit hat sich auch der Barschwand verändert. 2017 hat Tom Lüthi das Anwesen von seinen Eltern übernommen, renoviert und ausgebaut. Es ist die Erde, aus der er seine Kraft bezieht. Auch deshalb ist er so gut geerdet.

Würde er heute etwas anders machen? «Nein. Natürlich gibt es diese oder jene Sache, die ich heute anders machen würde. Aber nichts Gravierendes und ich schaue sowieso nach vorne.» Natürlich sind die Erinnerungen an den WM-Titel von 2005 die schönsten. Am nächsten kommt diesem Erlebnis nicht ein Erfolg, sondern ein Scheitern: die MotoGP-Saison 2018 ohne WM-Punkt. «Das Fahrgefühl auf dieser Maschine lässt sich nicht in Worte fassen.» Er bereue nicht, dass er dieses Abenteuer, die Auseinandersetzung mit dieser Technik gewagt habe.

Der grösste Erfolg: Tom Lüthi wird 2005 Weltmeister.
Der grösste Erfolg: Tom Lüthi wird 2005 Weltmeister.
Bild: KEYSTONE

Dem Besucher fällt eine Holzbank mit der Gravur «Zur Pensionierung 2021» auf. Nein, es ist kein launiges Geschenk zum Rücktritt von Tom Lüthi. Zufälligerweise fällt die Pensionierung seines Vaters Hansueli ins gleiche Jahr wie der Rücktritt seines Sohnes. Er hat neben der längst aufgegebenen Landwirtschaft in einem Sanitärgeschäft gearbeitet. Und anders als sein Sohn tritt er trotz AHV und Pension nicht zurück. «Es gibt so viel Arbeit und es fehlen die Fachkräfte. Ich mache noch ein wenig weiter…» Er ist froh, dass Tom so gut durch all die Jahre gekommen ist. «Es war nicht immer leicht. Manchmal habe ich mir gewünscht, Tom wäre Pianist…»

Derr Vater und die Mutter wirken jung (früher sagte man: rüstig) und nicht wie Rentner. Und der Sohn auch nicht wie ein «sportlicher Rentner». Er hat im Laufe seiner Karriere zwar beide Schlüsselbeine, den Fuss und den Ellenbogen gebrochen und 2013 hing seine Karriere nach dem Ellenbogenbruch (unverschuldeter Sturz bei Testfahren) an einem seidenen Faden. Mit einer enormen Willensleistung hat er diesen Unfall auch zur Überraschung der Ärzte praktisch vollständig überwunden und an die Weltspitze zurückgekehrt.

Tom Lüthi sagt, wenn er am Morgen aufstehe, fühle er keine Schmerzen. Das können bei weitem nicht alle Rennfahrer sagen, wenn sie den Helm an den Nagel hängen. Manche zwickt es schon, wenn sie nur den Helm aufhängen.

310 GP ist Tom Lüthi bis heute gefahren. Noch sieben GP bleiben bis zum Ende der Saison, bis zum Ende seiner Karriere. Kann er jetzt, nach der Rücktrittserklärung noch ganz bei der Sache sein? «Oh ja.» Eigentlich hätte sich diese Frage erübrigt. Tom Lüthi macht keine halben Sachen.

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quelle: semedia / luciano bianchetto/semedia
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