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Verdiente Freude: Tom Lüthi steigt in Silverstone zuoberst auf das Podest.
Verdiente Freude: Tom Lüthi steigt in Silverstone zuoberst auf das Podest.Bild: Rui Vieira/AP/KEYSTONE

Tom Lüthi: In zwei Wochen vom Spitalbett zuoberst aufs Podest – wie ist das möglich?

Vor zwei Wochen musste er nach zwei Stürzen die Nacht zur Überwachung im Spital verbringen. Nun hat Tom Lüthi beim GP von England ein Rennen in der zweitwichtigsten Töff-WM gewonnen. Weil er noch immer ein echter Rennfahrer ist.
04.09.2016, 18:3305.09.2016, 20:52

Tom Lüthi musste nach zwei Unfällen in den Trainings zum GP von Tschechien am 20. August aufs Rennen verzichten. Er hatte eine Gehirnerschütterung und mehrere Prellungen erlitten. Weil er kurz bewusstlos war und eine Erinnerungslücke von einer halben Stunde hatte, musste er die Nacht vom Samstag auf den Sonntag in Brünn im Spital verbringen. Zwei Wochen später gewinnt er in Silverstone den nächsten GP – nachdem er im Abschlusstraining erneut einen Sturz zu verkraften hatte.

Die Zieldurchfahrt von Tom Lüthi in Silverstone.Video: streamable

Ist Tom Lüthi ein verrückter Bruchpilot? Nein. Er gehört zu den Piloten, die wenig stürzen. Die Liste seiner Verletzungen ist zwar eindrücklich, aber im GP-Zirkus nicht ungewöhnlich. So lange nur Knochen brechen und Bänder reissen, so lange nicht medizinische Gründe zur Aufgabe zwingen, so lange nicht die Seele bricht, haben Stürze keine Folgen.

Die schwersten Verletzungen von Tom Lüthi
2002 Bruch des rechten Fusses und des kleinen Fingers
2004 Schlusselbeinbruch, Beckenbruch
2005 Ausgerenkte Schulter, Gehirnerschütterung
2006 Zwei Schlüsselbeinbrüche
2007 Bruch des Mittelfingers
2008 Bruch des Mittelfingers mit abgerissener Sehne, Schlüsselbeinbruch, Gehirnerschütterung
2010 Schlüsselbeinbruch
2013 Bruch des Schulterblattes. Offener Bruch des Ellenbogens
2016 Gehirnerschütterung

Erstklassige medizinische Betreuung

Die Gefahr ist allgegenwärtig. Deshalb gelten in diesem Geschäft zwei eiserne Regeln. Erstens: Immer daran denken und alles tun, um Unfälle zu vermeiden – aber nie darüber reden. Zweitens: So schnell wie möglich wieder fahren. Zwangspausen fürchten alle wie der Teufel das geweihte Wasser. Es geht um etwas Grundsätzliches, ja Existenzielles: Wenn erst einmal durch eine längere Untätigkeit ein Denkprozess in Gang kommt, wenn also einer über seinen verrückten Sport nachzudenken beginnt, dann können Ängste aufkommen – und das ist das Ende der Karriere.

Anzahl Stürze in GP-Trainings und Rennen
Valentino Rossi (MotoGP)
2013 4
2014 5
2015 2
2016 2
Marc Marcquez (MotoGP)
2013 15
2014 11
2015 13
2016 8
Tom Lüthi (Moto2)
2013 4
2014 7
2015 7
2016 5
Dominique Aegerter (Moto2)
2013 4
2014 6
2015 6
2016 4
Johann Zarco (Weltmeister Moto2)
2013 5
2014 11
2015 4
2016 4
Sam Lowes (WM-3. Moto2)
2013 nicht Moto2
2014 25
2015 19
2016 17
Sam Lowes stürzt regelmässig, so auch in Silverstone.
Sam Lowes stürzt regelmässig, so auch in Silverstone.Bild: TIM KEETON/EPA/KEYSTONE
Der Sturz, der Lüthi den Sieg sicherte: Zarco und Lowes geraten aneinander.Video: streamable

Das Leben eines Rennfahrers ist intensiv und bei aller Professionalität ist es auch der Lebensstil: Die durchtrainierten Jungs sind immer in Bewegung, sie suchen das Limit, sie sind süchtig nach dem Risiko, sie sind wie Extremsportler. Sie können, sie dürfen nicht zur Ruhe kommen. Wer zweifelt, wer auf einmal zurückschaut wie Lots Weib vor Gomorra, kann einen Sport in der Todeszone nicht mehr ausüben.

Also subito wieder fahren! Das Reglement schreibt lediglich vor, dass sich einer aus eigener Kraft auf die Maschine schwingen muss – er darf nicht in den Sattel gehoben werden. Es wird heute allerdings keiner zum Start zugelassen, wenn es medizinisch nicht verantwortbar ist. Die medizinische Betreuung auf dem Rennplatz ist erstklassig und hoch professionell. Der Italiener Dr. Claudio Costa hat in den 1980er Jahren das Projekt einer fahrbaren Klinik entwickelt. Daraus ist ein mobiles High-Tech- Spital geworden, das bei allen Rennen in Europa im Fahrerlager steht. Die Erstversorgung nach Unfällen ist garantiert und auch die Nachbehandlung ist exzellent.

Dramen verarbeitet

Echte Rennfahrer zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich nicht beirren lassen und nach einem Unfall gleich wieder aufstehen und Vollgas fahren. Wieder einmal hat Tom Lüthi zwei Tage vor seinem 30. Geburtstag den Beweis erbracht, dass er ein echter Rennfahrer ist. Es ist nicht einmal sein verrücktestes Comeback. 2005 stürzt er beim GP von Japan schwer, renkt sich die rechte Schulter aus und kann zwei Tage lang wegen der Quetschungen an den Füssen nur mit Krücken laufen. Weil die Piste von den Trümmern seiner Maschine übersät war, musste das Rennen abgebrochen werden. Eine Woche später gewinnt der Emmentaler den GP von Malaysia und legte den Grundstein zum Weltmeistertitel in der 125er-Klasse.

Der heftige Crash von Tom Lüthi 2005 in Japan.
Der heftige Crash von Tom Lüthi 2005 in Japan.Bild: AP

Es sind harte Jungs, aber es sind letztlich doch seelisch zerbrechliche Titanen. Den Tod eines Berufskollegen können sie verdrängen. Auch Tom Lüthi hat schon zwei Konkurrenten durch den Tod auf der Rennpiste verloren. 2010 Shoya Tomizawa und diese Saison Luis Salom. Er war geschockt. Aber er hat diese Dramen verarbeitet.

Doch es gibt Situationen, die einer nicht mehr meistern kann. 1993 wird Kevin Schwantz der furchtlose, «unzerstörbare» nur Weltmeister, weil Wayne Rainey stürzt und fortan an den Rollstuhl gefesselt bleibt. Schwantz hat nach fürchterlichen Stürzen, unzähligen Knochenbrüchen nie auch nur mit den Augen gezwinkert und ist immer und immer wieder zurückgekehrt. Er schien auch den Sturz seines Rivalen verarbeitet zu haben. Aber dann kehrte Rainey im Frühjahr 1995 als Teammanager zurück. Die Präsenz seines einstigen Gegners im Rollstuhl im Fahrerlager wühlte Kevin Schwantz so auf, dass er kurz nach dem Saisonstart im Alter von 31 Jahren seine Karriere vorzeitig beendete. Seinen Körper konnte der Texaner immer heilen. Aber nicht seine Seele.

Der Kopf von Kevin Schwantz machte plötzlich nicht mehr mit.
Der Kopf von Kevin Schwantz machte plötzlich nicht mehr mit.Bild: KEYSTONE

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quelle: semedia / luciano bianchetto/semedia
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