So richtig scheint nur ihr Jugend-Trainer an den ganz grossen Wurf von Chiara Leone geglaubt zu haben.
Die Olympiasiegerin selbst sagte nach dem Triumph im Dreistellungskampf über 50 m mit dem Luftgewehr: «Klar habe ich davon geträumt, aber dass es jetzt so aufgegangen ist, das hätte ich nicht für möglich gehalten.»
Ihr deutscher Trainer Enrico Friedemann, der die 26-jährige Aargauerin seit 2018 trainiert und wesentlichen Anteil am Erfolg hat, sagt gemäss der Nachrichten-Agentur Keystone-SDA: «Als sie als Juniorin um die Ecke kam, hätte ich nicht gedacht, dass sie eine derartige Entwicklung durchmacht.»
Und der Aargauer Regierungsrat Alex Hürzeler liess sich im März gar auf eine Wette mit nicht ganz harmlosem Einsatz ein. «Sollte es im Sommer an den Olympischen oder Paralympischen Spielen eine Aargauer Medaille geben, laufe ich von Paris nach Hause», versprach der abtretende Sportminister gemäss der «Aargauer Zeitung».
Und J+S-Trainer Ignaz Welte? Er war von seinem ehemaligen Schützling eben überzeugt: «Als Chiara in die Halle lief, wusste ich: ‹Die reisst das heute, die macht das.›» Er sollte Recht behalten: Mit einer überragenden Leistung gewann Chiara Leone am Freitag im rund 250 Kilometer südlich von Paris gelegenen Châteauroux die olympische Goldmedaille. Dies sei ihm sehr nahegegangen, obwohl er nicht mehr als Trainer von Leone fungiert, gab Welte zu: «Jetzt bin ich nicht mehr so nahe dran. Aber klar, ich habe geweint. Es berührt mich.»
Ob Regierungsrat Hürzeler die über 500 Kilometer von Paris in seinen Arbeitsort Aarau tatsächlich zu Fuss zurücklegen wird, ist derzeit noch unklar. Dass er gesagt habe, er laufe aus der französischen Hauptstadt nach Hause, sei als Motivationsspritze gedacht gewesen.
«Momentan lässt das Amt dies natürlich nicht zu, aber wir werden zu gegebener Zeit schauen, was möglich ist», erklärt Hürzeler gegenüber CH Media. Gemäss Google Maps würde der Marsch rund 117 Stunden dauern. Vorerst würde er sich gemeinsam mit dem ganzen Kanton deshalb einfach über die Goldmedaille freuen, sagte Hürzeler. «Ich habe mit Chiara Leone mitgefiebert und insbesondere ihre Konstanz, Nerven- und Willensstärke bewundert.»
Gerade mit ihrer Ruhe begeisterte Leone im Kampf um Gold. Die Wettkämpfe im Schiessen sind noch stärker als andere Sportarten Nervenpartien. So entscheiden sich die Schlussplatzierungen in einer Ausscheidungsrunde, in der nach jedem Schuss die am schlechtesten klassierte Schützin ausscheidet.
Leone kämpfte sich bis in die letzte Runde und liess Verfolgerin Sagen Maddalena aus den USA nicht einmal die Chance, sie noch einzuholen. Mit dem letzten Schuss holte sich Leone 10,8 der 10,9 maximal möglichen Punkte und stand somit schon als Olympiasiegerin fest, bevor Maddalena den Abzug betätigt hatte. Die US-Amerikanerin wies vor der letzten Runde 0,7 Punkte Rückstand auf.
«Ich kann unter Druck noch eine Schippe drauflegen. Ich bin der Wettkampf-Typ. Ich finde dort den Extra-Gang», sagte Chiara Leone vor ihrer Abreise nach Paris im Leistungszentrum Biel. Dies bewies sie bereits beim Gewinn der Europameisterschaft im Mai, nun offenbarte sie ihre Nerven aus Stahlseil einem exponentiell grösseren Publikum.
Wie wichtig diese von Hürzeler angesprochene Nerven- und Willensstärke in dieser Sportart ist, erklärt Trainer Friedemann: «95 Prozent entscheidet sich im Schiessen im Kopf. Gemessen am Niveau können sich in Paris 25 Schützinnen durchsetzen. Aber den Kopf am Tag X haben, das zählt.» Und das war bei Leone an diesem 2. August 2024 der Fall. Während ihre Konkurrentinnen mehrmals patzten, erlaubte sich Leone nur ganz wenige Ausrutscher – auf welche sie jeweils hervorragend reagierte.
Dass ihr Trainer ihr die Entwicklung zur Olympiasiegerin zu Beginn nicht zugetraut hatte, weiss Leone einzuordnen: «Ich war nie von Anfang an die Beste. Ich musste mir alles erarbeiten.» Auch aufgrund ihres starken Durchhaltewillens passe der Schiesssport so gut zu der 26-Jährigen. Hier braucht man keine naturgegebenen Talente, hier kann sich fast jede und jeder in die Weltklasse hocharbeiten.
Für Leone begann dieser Weg zum wichtigsten Sieg in ihrem Sport schon früh. Die Gold-Schützin stammt aus einer Schützenfamilie und fand so zu ihrem Sport. Nach der Matura in Aarau zog sie nach Biel, wo sich das Leistungszentrum der Schweizer Schützen befindet. Dort lernte man sie als ruhig und etwas scheu kennen – aber als stets sehr stark fokussiert.
Dieser Fokus half ihr bereits auf dem Weg zu Olympia. Denn ihre Nomination musste sie sich hart verdienen. Nur zwei Schweizerinnen durften an die Olympischen Spiele in Paris reisen – neben Nina Christen war die 15-jährige Solothurnerin Emely Jäggi die grösste Konkurrentin. Aufgrund des Triumphs an der Europameisterschaft, wo Jäggi Dritte wurde, erhielt Leone dann eines der Olympia-Tickets.
Kurioserweise konnte sie dort aber nur antreten, weil ihre Eltern die 14-stündige Reise nach Osijek in Kroatien auf sich nahmen. Leone hatte ihre Schiesstasche mit der ganzen Ausrüstung vergessen. Nun hatte sie diese aber dabei – auch aufgrund von Smart-Tags, die ihr Freunde geschenkt hatten und mithilfe derer sie die Position der Tasche auf ihrem Handy kontrollieren kann.
Und so konnte sie ihren Kritikern beweisen, dass sie die Nomination für Olympia definitiv verdient hatte. Mit 464,4 Punkten nach 45 Schüssen (je 15 kniend, liegend und stehend) verewigte sie sich obendrein als olympische Rekordhalterin in den Geschichtsbüchern.
Wettschulden sind Ehrenschulden. Kneifen ist nicht 😅