Odermatt ist der beste Skifahrer der Welt: Das kann ihm ein Trainer noch beibringen
Helmut Krug ist nicht nur Marco Odermatts Vertrauenstrainer, er ist auch selten um einen Spruch verlegen. Und so sagt der Österreicher über seinen Schützling: «Wenn einer an einem Punkt angelangt ist wie er, kannst du auch einen Rauchfangkehrer (Kaminfeger; die Red.) als Trainer hinstellen.»
Das ist zwar überspitzt formuliert – und doch stellt sich die Frage: Was bringen die Trainer den weltweit besten Skifahrerinnen und Skifahrern überhaupt bei? Einige Trainer fuhren zwar früher selbst Skirennen. Doch auf eine erfolgreiche Karriere im Weltcup blickt kaum jemand zurück. Anders gesagt: Die Athleten, die sie trainieren, fahren besser als sie selbst.
Was also bringt ein Trainer einem Skifahrer von Weltklasseformat? Die Frage geht an Marco Odermatt. Seine Antwort in Kurzform: «Sehr viel.» Ähnlich tönt es auch bei Franjo von Allmen: «Sie sind für uns Gold wert.»
Eine der Hauptaufgaben der Trainer ist es, den Athletinnen und Athleten möglichst viele Aufgaben abzunehmen. Die Trainer schleppen Torstangen, präparieren Pisten, sorgen für Rückzugsräume und organisieren Reisen, Unterkünfte und Verpflegung. «Wir schaffen das Umfeld», sagt Reto Nydegger, der das Schweizer Team der Männer im Bereich Speed leitet.
Neben all diesen logistischen Aufgaben geht es um Taktik. Nydegger sagt: «Mir ist wichtig, dass alles, was wir vermitteln, auf Fakten basiert.» Dafür braucht es vor allem Videomaterial. «Ich will den Athleten zeigen, dass unsere Einschätzungen nicht auf einem Bauchgefühl beruhen. Und das geht am besten, wenn wir in der Analyse mit Bewegtbildern arbeiten.»
Für perfekte Aufnahmen nehmen die Trainer einiges auf sich. Und vor allem braucht es Geduld. An den Rennen verteilt sich das Trainerteam entlang der Strecke und filmt jeden Abschnitt und jede Fahrt – nicht nur die der Schweizer, sondern bis zum letzten Starter. Dafür harren sie aus. Bei Wind und Wetter. «Zum Glück gibt es Skischuhwärmer», sagt einer.
Für den perfekten Kamerawinkel scheuen die Trainer keine Gefahren und klettern auch einmal auf einen Baum. Und noch etwas: Ihre Position dürfen die Trainer erst verlassen, wenn das Rennen zu Ende ist. Das bedeutet: Mit jedem Unterbruch wird ihre Verweildauer am Berg länger.
Die Fernsehbilder werden in Echtzeit in einer Kommandozentrale am Hauptsitz von Swiss-Ski in Bern analysiert. Die Videos der Trainer dienen dann als Grundlage für die Videoanalyse am Abend mit den Athleten. Odermatt sagt: «Ein Trainer sieht 60 Fahrer die gleichen zwei Kurven fahren. Er kann mir danach sehr genau sagen, welche Linie schnell war.»
In der Videoanalyse entsteht gemeinsam mit dem Athleten ein individuell abgestimmter Rennplan. Nydegger sagt: «Jeder Athlet hat seinen eigenen Stil. Marco Odermatt kann technisch frecher fahren als andere, während Franjo von Allmen beim Tor etwas mehr Platz braucht, dafür besser gleitet. Gleichzeitig ist es wichtig, Raum für instinktive Entscheidungen zu lassen.»
Odermatt schätzt diesen Austausch. Er sagt: «Ich diskutiere viel mit den Trainern. Es fühlt sich aber nie wie eine Belehrung an. Es geht nicht darum, mir zu erklären, wie das Skifahren funktioniert.» Es geht um Details. Von Allmen sagt: «Die Trainer haben jahrelange Erfahrung und kennen jede Piste. Man kann darauf zählen, dass sie wissen, wo die schnellste Linie ist.»
Dieses geschulte Auge ermöglicht es den Trainern aber auch, technische Unsauberkeiten früh zu erkennen. Nydegger sagt: «Selbst einer wie Marco braucht einmal einen technischen Input. Das ist bei allen Superstars so: Wenn man nichts mehr sagt, flacht es ab. Darum ist es wichtig, dass man als Trainer einem Athleten sagen kann, wenn er nicht gut gefahren ist.»
Und nicht zu vergessen ist: Der Erfolgsdruck belastet auch die Trainer. Swiss-Ski hat den Anspruch, die Skination Nummer eins zu bleiben. Nydegger sagt: «Die anderen Nationen schlafen nicht. Aber wir versuchen, immer einen Schritt voraus zu sein. Das fordert extrem. Irgendwann ist jeder froh, wenn es Frühling ist.» Vorerst steht die Olympia-Abfahrt an. Dafür braucht es einen Rennplan. Und möglichst gute Videoaufnahmen.
