Vonn möchte mit Kreuzbandriss die Olympia-Abfahrt fahren – Arzt rät davon ab
Für einmal ging eine Meldung aus dem Skizirkus tatsächlich um die Welt: Am Dienstagnachmittag verkündete Lindsey Vonn, dass sie sich bei ihrem Sturz in Crans-Montana am vergangenen Freitag im linken Knie einen Kreuzbandriss mit Meniskusschaden und Knochenprellung zugezogen hat. Trotzdem möchte sie versuchen, ihren Olympiatraum zu verwirklichen und am Sonntag bei der Abfahrt in Cortina d'Ampezzo am Start stehen. Mit kaputtem Kreuzband im linken und einer Teilprothese im rechten Knie.
Sportfans, die den Ski-Weltcup nicht besonders aktiv verfolgen, dürften dabei aufgehorcht haben. Skifahren mit einem gerissenen Kreuzband? Geht das überhaupt? Die Antwort lautet: ja, aber ...
Es gibt einige Beispiele von Skifahrerinnen oder Skifahrer, die sich nach einem Kreuzbandriss gegen eine Operation (Kreuzbandrekonstruktion) und für eine konservative Behandlungsmethode entschieden haben. Eine davon ist Joana Hählen. Die Schweizer Speed-Spezialistin riss sich 2017 im linken Knie zum zweiten Mal das Kreuzband und liess sich nicht operieren. Im Januar 2024 verletzte sie sich das rechte Knie bei einem Schlag in der Weltcup-Abfahrt von Cortina d'Ampezzo. Die Untersuchung damals ergab: Das Kreuzband war dort ebenfalls gerissen, allerdings schon seit zwei Jahren. Hählen ist also seit über drei Jahren mit gerissenen Kreuzbändern in beiden Knien im Weltcup unterwegs.
«Ich bereue es gar nicht, aber es ist sicher viel Arbeit mit Physiotherapie und Knieübungen», sagte die Bernerin vor zwei Jahren gegenüber SRF. Auch der bekannte Schweizer Sportmediziner Walter O. Frey bestätigt, dass Skifahren mit kaputten Kreuzbändern möglich ist: «Das Knie wird von einem ganzen ‹Package› zusammengehalten: von den Kreuzbändern, den Menisken, der Gelenkkapsel, den Seitenbändern und den Muskeln. Bei einem Kreuzbandriss fehlt somit ‹nur› ein Teil dieses Ganzen. Sind die anderen Elemente genügend stark, können sie das Knie halten.» Hählens starke Beinmuskulatur erlaubt es ihr, weiterhin auf Weltcup-Niveau Ski zu fahren – auch ohne Kreuzbänder.
Im Fall von Lindsey Vonn kommt aber noch ein anderer Faktor dazu: Ihr Sturz und die damit verbundene Verletzung sind weniger als eine Woche her. Je nachdem wie glatt der Riss war, kann eine starke Blutung auftreten, die Schwellung und Schmerzen nach sich zieht. Die Amerikanerin gibt sich optimistisch, dass sie in Cortina trotzdem starten kann. Der Salzburger Unfallchirurg Artur Trost sagt gegenüber «Blick» allerdings klar: «Kein vernünftiger Arzt würde ihr jemals empfehlen, so in einem Skirennen zu starten.»
Trost hat Bedenken, wie sich der Einsatz auf Vonns langfristige Gesundheit auswirkt. Die Muskeln können das Knie während der Fahrt stabilisieren. «Aber sollte Vonn stürzen, setzt dieser Mechanismus aus. Dann fehlt dieser Schutz», erklärt der Arzt. Auch durch die Belastung von Schlägen und Sprüngen können weitere Schäden entstehen. Trost spricht von weiteren Verletzungen an Bändern bis hin zu Schienbeinkopfbrüchen.
Ob Lindsey Vonn in Cortina tatsächlich zur Abfahrt startet, wird sich in den nächsten Tagen entscheiden. Für das Rennen am Sonntag sind beste Wetterbedingungen vorausgesagt, doch vorher müsste die 41-Jährige auch noch ein Training bei wohl deutlich schlechterer Sicht absolvieren.
Selbst wenn Vonn in ihrem Umfeld einen Arzt hat, der die gleiche Meinung wie Trost vertritt, dürfte sie kaum auf ihn hören, sagte sie am Dienstag doch: «Ich mache alles, was in meiner Kraft steht, um zu fahren. Und ich werde ganz sicher nichts bedauern.» Hoffnung dürfte die Amerikanerin aus Hählens Beispiel schöpfen. Sie hat zwar die Qualifikation für die Olympischen Spiele nicht geschafft, dafür merkte sie im vergangenen Sommer: «Mein rechtes Knie war plötzlich komplett schmerzfrei.»
