SRG beschenkt Sportfunktionäre mit VIP-Tickets – ist das okay?
Bis vor sechs Jahren erhielt ein führender Funktionär des Schweizer Fussballverbandes, der heute nicht mehr im Amt ist, jährlich eine höchst verlockende Einladung: VIP-Tickets für die Lauberhorn-Rennen inklusive Übernachtung. Absender war aber nicht der Gastgeber, sprich die Organisatoren des traditionellen Weltcup-Events, sondern die Business Unit Sport der SRG.
Dieses Beispiel ist kein Einzelfall. Auch Funktionäre von anderen Sportverbänden erhalten immer wieder Einladungen zu Top-Events in der Schweiz. Beispielsweise fürs Eidgenössische Schwingfest oder aktuell für die im Mai stattfindende Eishockey-WM in Zürich und Freiburg.
Die einen monieren, dass die SRG damit in einen Graubereich in Sachen Compliance – Einhaltung von Richtlinien, Standards und ethischen Grundsätzen – vorstösst. Andere finden, die SRG müsse im hart umkämpften Markt der Sportrechte die Beziehungen zu den Vertragspartnern auch in diesem Rahmen pflegen dürfen.
VIP-Tickets haben einen Fantasiepreis
Unsereins erschrickt, wenn man die Preise für ein VIP-Ticket irgendeines Sport-Events studiert. 930 Franken kostet beispielsweise die teuerste Karte für das Lauberhorn. In der Szene spricht man aber von Fantasiepreisen, weil nur die wenigsten, die sich im VIP-Bereich aufhalten, den tatsächlichen Preis bezahlt haben.
Denn viele dieser Tickets sind ein Bestandteil von vertraglichen Abmachungen zwischen Organisatoren und Sponsoren oder Rechtepartnern. Sprich: Firma XY kriegt als Gegenleistung für das Sponsoring neben Werbefläche eine definierte Zahl an VIP-Tickets, die sie in der Regel an Mitarbeiter, Kunden und Partner verteilt.
VIPs sind also in der Regel geladene Gäste. Aber trotz sogenannten Fantasiepreisen haben VIP-Tickets ihren Wert, würden sie ausschliesslich auf dem freien Markt verkauft. Wenn auch nicht zu jenem Preis, der offiziell veranschlagt wird.
So rechtfertigt sich die SRG für ihre Ticketpolitik
Frage an die SRG: Warum laden Sie Sportfunktionäre an Events ein, die sie nicht selber organisieren?
Die Medienstelle der SRG schreibt auf Anfrage: «Die SRG pflegt einen regelmässigen Austausch mit ihren Anspruchsgruppen. Hierfür stehen der SRG auch Tickets für ausgewählte Sportevents in der Schweiz zur Verfügung, welche der SRG als Vertragsinhalt für ihre Leistungen als Host Broadcaster und damit wichtiger Partnerin von gewissen Sportevents in der Schweiz zur Verfügung gestellt werden. Diese Tickets beinhalten teilweise auch Zugang zum Hospitality-Bereich, welcher auch weiteren geladenen Gästen der Events offensteht. Die Einladungen erfolgen stets unter Einhaltung der entsprechenden SRG-Richtlinien.»
Und weiter im Text: «Im Vordergrund dieser Besuche stehen die produktionellen und programmlichen Mitarbeitenden und die dazugehörige Infrastruktur. Für Einladungen entscheidend ist die Funktion einer Person, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes sieht die SRG davon ab, konkrete Namen zu nennen.»
Etliche unserer Fragen bleiben indes unbeantwortet. Beispielsweise, wie viele Einladungen pro Jahr verschickt werden. Ob auch Politikerinnen und Politiker an Sportevents eingeladen werden. Ob die Rechte nicht günstiger eingekauft werden könnten, wenn die SRG auf Tickets als Teil des Gegengeschäfts verzichten würde. Oder was diese Einladungen konkret beinhalten.
Fussballer lehnen aus Gründen der Compliance ab
Wie erwähnt: Der hohe Funktionär des Fussballverbandes ist kein Einzelfall. Auch Leute von der Swiss Football League werden von der SRG an grosse Sport-Events eingeladen. Oder solche aus dem Radsport. Und aus der Leichtathletik. Beispielsweise Andreas Hediger, Co-CEO von Weltklasse Zürich. «Dies passiert maximal ein- bis zweimal im Jahr. Aber in einem Rahmen, der nichts mit VIP zu tun hat. Es beinhaltet ein ganz normales Gästeprogramm mit Ticket ohne Begleitung», wie er sagt. Auch unter den Veranstaltern selbst gebe es diese Form von Austausch.
Hediger begründet, es sei ein Teil der Leistungen in jeder Vereinbarung der Sportveranstalter mit der SRG, «dass ihr ein gewisses Kontigent an Tickets zur freien Verfügung gestellt wird». Deshalb falle es aus seiner Sicht unter den Begriff eines sinnvollen Networkings. Das nächste Mal im Mai an der Eishockey-WM in der Schweiz, zu der die SRG diverse Sportfunktionäre eingeladen hat.
Das sehen einige anders. Zumindest kann man es so interpretieren. Denn ausgerechnet einige Fussballfunktionäre, die wegen der Fifa, den astronomischen Summen und vielen anderen Geschichten nicht im Ruf stehen, im saubersten Teich des Sports zu schwimmen, nehmen die Einladungen nicht an. Nach unseren Informationen auch aus Gründen der Compliance. Woraus man schliessen könnte, dass die Bosse beim Fussballverband und der Liga höhere ethische Grundsätze verfolgen als unser öffentlich-rechtlicher Sender. (aargauerzeitung.ch)
