GC-Präsident Stephan Anliker war gestern ausser sich vor Wut. «Auf Koks und betrunken», sei die eigene Fan-Kurve gewesen, «wie wilde Tiere hinter den Gittern».
Der Grund für Anlikers Frust: Der GC-Anhang hatte kurz zuvor mit Fackelwürfen in Sion einen Spielabbruch provoziert. Der GC-Präsident versuchte zusammen mit CEO Manuel Huber und Trainer Tomislav Stipic die Fans noch zu beruhigen, doch das bewirkte eher das Gegenteil.
Der GC-Anhang ist enttäuscht von der Vereinsführung. Als diese vor die Fankurve schritt, entlud sich die Wut abermals und endete in einem weiteren Fackelwurf.
Anliker kündete am Sonntagmorgen nach einer ausserordentlichen Sitzung harte Massnahmen an. «Wir wollen keine solchen Fans und werden die beteiligten Randalierer zur Rechenschaft ziehen», so der GC-Präsident.
Doch Anliker scheint die Realität zu verkennen: Das gestern war kein Aufstand einzelner Chaoten, sondern der ganzen Fankurve. Es waren zwar nur ein paar wenige, welche gestern pyrotechnisches Material aufs Feld warfen. Diese zu bestrafen ist das eine. Doch Anliker hat das Vertrauen der ganzen Kurve verloren. Dass er dieses wieder herstellen kann, scheint zurzeit kaum möglich.
Doch weshalb kam es genau gestern zum grossen Knall? Der Versuch einer Erklärung.
Wobei wir hier festhalten, dass wir das Verhalten der Chaoten keinesfalls entschuldigen wollen. Gewalt und Fackelwürfe haben in und rund ums Fussballstadion nichts zu suchen, egal wie schlecht es um den Verein steht.
Dass ein Verein mal in eine Krise rutscht, gehört zum Sport. Und bei GC hat sich der Anhang bereits daran gewöhnt, nicht mehr um die Meisterschaft, sondern gegen den Abstieg zu spielen. Was es aber bräuchte in sportlich mageren Jahren, wäre eine gute Krisenkommunikation. Die Vereinsführung darf sich nicht von der Basis entfernen, dazu braucht es einen Dialog.
Doch bei GC findet dieser nicht statt. Anliker und Huber trafen sich vergangenen Herbst vor einem Heimspiel mit der Kurve zum Austausch. Doch da war die sportliche Misere noch nicht derart gross und es herrschte immerhin noch eine gewisse Zuversicht. Nun, da der Abstieg in die Challenge League droht und der Baum vollends brennt, kommt von der Vereinsführung nichts mehr.
Bereits vor zwei Wochen beim Heimspiel gegen Luzern verliessen die Fans ihren Sektor und nahmen auf der Haupttribüne Platz. Auf einem Plakat hatten sie geschrieben: «Wenn ihr nicht zu uns kommt, kommen wir zu euch.»
Ein klares Statement, würde man meinen. Doch Anliker und Co. verstanden es nicht.
Vergangene Woche hätte endlich ein Austausch stattfinden sollen. Doch die Vereinsführung liess das Treffen kurzfristig platzen. Man wolle sich voll auf die Mission Ligaerhalt konzentrieren, hiess es aus Niederhasli. «Aus diesem Grund wird die ursprünglich auf morgen Mittwoch geplante Info-Veranstaltung für interessierte Fans verschoben.»
Ein Verschiebedatum wurde zwar versprochen, bis heute jedoch nicht kommuniziert. Dass dies dem Anhang, und zwar nicht nur denen «auf Koks» nicht gefallen würde, hätten Anliker und Huber wissen müssen.
Seit Jahren wirkt die Vereinsführung planlos. Da wären etwa die vielen wirkungslosen Transfers, die angespannte finanzielle Lage – der Verein hat jährlich ein strukturelles Defizit von acht Millionen Franken –, oder die kürzlich bekannt gewordene Bestechungsaffäre rund um Juniorentrainer auf dem GC-Campus in Niederhasli. Die Liste könnte noch um einiges verlängert werden, mit Presse-Leaks und einem Karibik-Urlaub von Huber etwa. Aber lassen wir das.
Der Anhang hat diese fast schon unglaubliche Serie an Fehlern und Peinlichkeiten jedenfalls lange geschluckt und hat die Mannschaft weiter angefeuert. Mit der Verpflichtung von Tomislav Stipic, einem absoluten Trainer-Nobody, der die Mannschaft und den Schweizer Fussball nicht kennt, haben sich die Verantwortlichen nun aber den einen Flop zu viel geleistet.
Wenn ein Fan dann solche Sachen, wie kürzlich in der NZZ lesen muss, dann ist es eigentlich nur logisch, dass auch das letzte bisschen Rückhalt für die Führung irgendwann weg ist. Bitte sehr:
Klar ist: Hätten die Grasshoppers gestern nach 55 Minuten mit 2:0 geführt, wäre es wohl kaum zum Spielabbruch gekommen. Die GC-Fans wollen in der Super League bleiben. Auch wenn sich viele so langsam mit dem Abstieg abfinden und auch gewisse Hoffnungen auf eine reinigende Wirkung damit verknüpfen.
Den meisten Fans dürfte die Option Super League jedoch immer noch lieber sein als eine Relegation. Deswegen würden sie kaum einen Spielabbruch bei Aussicht auf Punkte erzwingen.
Doch nach den ersten 45 Minuten in Sion hatte auch der grösste GC-Optimist keine Hoffnungen auf einen Punktgewinn mehr. Sion, das zurzeit ebenfalls kriselt, dominierte das Spiel nach Belieben. Nach 30 Minuten führten die Hausherren bereits mit 2:0, womit die Grasshoppers noch gut bedient waren.
Stipic überraschte mit einer Startaufstellung, die bereits vor Anpfiff für Stirnrunzeln sorgte. Flügelflitzer Ravet musste Aussenverteidiger spielen, auf der gegenüberliegenden Seite schickte er den jungen Petar Pusic auf ungewohnter Position ins Rennen. Die Folge: Mal für Mal wurde GC auf der Seite überrannt und geriet in Schwierigkeiten.
Das kleine bisschen Goodwill, das sich der neue Trainer im Match gegen YB (es setzte eine knappe 0:1-Pleite ab) erspielt hatte, war spätestens nach den ersten 45 Minuten im Tourbillon wieder komplett weg. Die erste Halbzeit an diesem Samstagabend in Sion war auch in sportlicher Sicht ein neuer Tiefpunkt, der das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht hat. (red)
Nicht ständig diese Holligan Stigmatisierung a la Boulevard