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Warum Marco Odermatt Werbemillionär wird und der Schwingerkönig nicht

Warum Marco Odermatt Werbemillionär wird und der Schwingerkönig nicht

31.08.2022, 06:2201.09.2022, 08:16
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Joel Wicki ist der neue helvetische Sportheld. Wo liegt sein Vermarktungspotenzial im Vergleich zu Skistar Marco Odermatt oder Leichtathletik-Lichtgestalt Simon Ehammer? Der Reiz dieser Frage liegt auch darin, dass alle drei mit Michael Schiendorfer den gleichen Manager haben. So viel Werbewert hat Joel Wicki im Vergleich zu Marco Odermatt und Simon Ehammer.

Joel Wicki, neuer Schwingerkoenig jubelt beim Festakt am Eidgenoessischen Schwing und Aelplerfest (ESAF), am Sonntag, 28. August 2022, in Pratteln. (KEYSTONE/Peter Schneider)
Joel Wicki, neuer Schwingerkönig jubelt beim Festakt am Eidgenössischen Schwing und Älplerfest (ESAF), am Sonntag, 28. August 2022, in Pratteln.Bild: keystone

Aus der Weltliteratur kennen wir den Begriff «Geld und Geist». Beides ist erst recht im Sport nicht zu trennen. Nach einem Erfolg taucht sogleich die Frage auf: «Und was bringt es auf dem Werbemarkt?» Die Schwinger dürfen inzwischen auch werben. Das Schwingen ist sogar der einzige Sport, dessen weltweites Werbevolumen offiziell bekannt und in der Jahresrechnung des Eidgenössischen Schwingerverbandes nachzulesen ist. Weil alle Schwinger ihre Werbeverträge bei Verbands-Geschäftsführer Rolf Gasser einreichen und auf den Einnahmen eine «Reichtumssteuer» von 10 Prozent an den Verband abliefern müssen. 2021 waren das exakt 218'440 Franken und 52 Rappen. Ergibt ein Gesamtvolumen von 2.184 Millionen, das sich 73 Böse teilen. Macht im Schnitt pro Mann rund 30'000 Franken.

Wenn nun geschätzt wird, dass sich die zehn Besten 80 Prozent dieser Einnahmen teilen, so bleiben etwa 1.60 Millionen für die zehn Grossverdiener. Daraus ersehen wir auch ohne Studium der Mathematik: Joel Wicki ist noch lange nicht Millionär und seine Werbeeinnahmen dürften vor der Thronbesteigung noch nicht einmal 500'000 Franken erreicht haben. Aber nun ist er König. Wird er jetzt Millionär?

Die Frage geht an Michael Schiendorfer. Er vertritt die Interessen des neuen Königs auf dem Werbemarkt. Eine solche Frage ist etwas unangenehm. Denn über Geld reden Manager grundsätzlich nicht. Dass sein Klient noch nicht ein Millionär in Zwilchhosen ist, räumt er immerhin ein. Schliesslich ist der neue König erst 25. Obwohl er bereits auf beeindruckende Erfolge zurückblicken kann, ist er erst mit der Thronbesteigung auf der grossen nationalen Werbebühne angekommen.

Der Schweizer Skirennfahrer Marco Odermatt, links, und sein Manager Michael Schiendorfer, rechts, an einer Medienkonferenz beim Schweizer Skihersteller Stoeckli Ski in Malters im Kanton Luzern am Dien ...
Der Schweizer Skirennfahrer Marco Odermatt links und sein Manager Michael Schiendorfer rechts.Bild: keystone

Michael Schiendorfer sagt, es gehe nicht darum, einfach ein Maximum aus dem Markt herauszupressen. «Viel wichtiger ist, dass der Athlet sich wohl fühlt. Nur so kann er Bestleistungen erbringen.» Es gehe darum, auch was Werbung betreffe, das richtige Umfeld für Joel Wicki zu schaffen. Da der König ja weiterhin berufstätig bleibt, gilt es auch, dieses Umfeld effizient zu strukturieren. Sein Manager sagt, das Ziel sei es, dass pro Jahr nicht mehr als 30 Tage für Werbe- und Medienauftritte reserviert werden müssen. Bei Christian Stucki sind es gegen 60 Tage. Michael Schiendorfer gibt zu bedenken, die Vermarktung sei eben auch von den Bedürfnissen des Athleten abhängig: «Was will der Athlet? Wie viel ist er bereit, zu investieren? Wie weit will er gehen? Joel hat bereits in der Vergangenheit Grenzen gezogen». Er halte zum Beispiel die Freundin aus den Medien raus.

Nun sind wir ein wenig vom Thema abgekommen: Die zentrale Frage ist halt die des Geldes. Der Vergleich mit Marco Odermatt und Simon Ehammer ist eben schon reizvoll. Michael Schiendorfer sagt, ein herausragender Schweizer Leichtathlet mit WM- und Olympia-Medaillenchancen habe etwa das gleiche Vermarktungspotenzial wie ein Schwingerkönig. Erst im Falle eines Olympiasieges oder WM-Titels wird dann die Rechnung neu gemacht. Zurzeit ist das Potenzial von Simon Ehammer und Joel Wicki bei weitem nicht so gross wie bei Marco Odermatt als Olympiasieger und Gesamtweltcupsieger. Ein Hinweis auf Popularität und Vermarktungsfähigkeit gibt etwa die Anzahl Follower auf Instagram: 27'000 bei Simon Ehammer, 25'000 bei Joel Wicki, 27'000 bei Christian Stucki und 191'000 – also siebenmal mehr – bei Marco Odermatt.

Das bedeutet eigentlich: Wenn wir den Werbewert von Simon Ehammer oder Joel Wicki von aktuell knapp einer halben Million um den Faktor sieben multiplizieren, dann kommen wir in der Tat etwa auf das Potenzial von Marco Odermatt. Zumindest bei einem erfolgreichen Jahr des Skistars. Werbeverträge im Ski-Zirkus sind stark leistungsorientiert (Prämien) und in einem grossen Jahr dürfte Marco Odermatt auf rund 3 Millionen Werbeeinnahmen kommen.

Der Schweizer Skirennfahrer Marco Odermatt posiert an einem Sponsoren Photoshooting Tag auf dem Titlis oberhalb von Engelberg am Dienstag, 12. April 2022. (KEYSTONE/Urs Flueeler)
Marco Odermatt kann beträchtliche Werbeeinnahmen verbuchen.Bild: keystone

Zudem kommen im Skisport und in der Leichtathletik substanzielle Einnahmen vom Ausrüster dazu. Ski und Leichtathletik haben für Ausrüster wegen der internationalen Dimensionen einen höheren Werbewert. Davon wird Simon Ehammer profitieren, sobald auch er einen Thron (Weltmeister oder Olympiasieger) besteigt. Joel Wickis Vermarktungsmöglichkeiten sind maximal national (ausländische Werbepartner sind nicht vorgesehen) und nach wie vor stark regional geprägt und damit zu einem erheblichen Teil vom Einzugsgebiet abhängig.

Das Entlebuch hat zwar Kultcharakter und ist sogar eine UNESCO-Biosphäre. Aber eben auch eine wirtschaftliche Randregion. Bleibt die Frage, ob Joel Wicki im Laufe der Jahre auf eine Million kommen kann. Sein Vorgänger Christian Stucki erreicht nicht ganz diese Summe. Könige sind nicht alle gleich. Jeder hat eine andere Ausstrahlung (Charisma), eine andere Geschichte und eben auch ein anderes Potenzial zur Vermarktung. Christian Stucki gilt als König der Herzen. Auch nach der Entthronung. Sein Weg auf den Thron war ein viel längerer als der von Joel Wicki. Er ist erst mit 34 König geworden. Nicht schon mit 25. Unvergessen bleibt, wie er, noch auf dem Rücken im Sägemehl liegend und gebodigt dem Sieger und neuen König Matthias Sempach nach dem eidgenössischen Schlussgang 2013 einen Kuss auf die Stirn drückt. Christian Stucki, der raue Kerl mit dem weichen Kern.

Von Joel Wicki gibt es keine solche Szene. Noch nicht. Er ist der perfekte Athlet. Auch mit einem verlorenen Schlussgang (2019 gegen Christian Stucki). Aber er hat nicht das Charisma des urigen Berners. Ein erfahrener Sportvermarkter mit intimen Kenntnissen des Zwilchhosen-Geschäftes sagt es so: «Was die Ausstrahlung betrifft, ist der Unterschied zwischen Christian Stucki und Joel Wicki auch nach Pratteln ungefähr so gross wie zwischen Roger Federer und Stan Wawrinka». Dieser polemischen Einschätzung kann Michael Schiendorfer dann doch nicht zustimmen und fragt: «Wo war Christian Stucki mit 25?» Joel Wicki sei anders als Christian Stucki. Und das sei gut so. Er sieht den alten König nicht als Konkurrenten auf dem Werbebusiness. Im Gegenteil: «Die beiden ergänzen sich.»

Und so ist es ihm ganz recht, dass Christian Stucki seine Karriere fortsetzt. Wird also Joel Wicki ein Sägemehlmillionär? Die Antwort, die der Wahrheit wohl recht nahekommen dürfte: Er ist noch nicht einmal ein halber Millionär. Aber wenn er gesund bleibt, dann wird es ihm im Laufe der nächsten Jahre möglich sein, im Jahr zwischen 500'000 und 800'000 Franken Werbeeinnahmen zu erzielen. Der König wird also nicht Werbemillionär. Aber ein schöner Zustupf zu den Direktzahlungen für seinen Bauernhof sind die Werbebatzen schon.

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18 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Schneider Alex
31.08.2022 06:07registriert Februar 2014
Sportlerleistungen werden im Vergleich zu Leistungen von anderen Berufstätigen überschätzt. Der Profisport generiert Millionen von Sponsoren- und Werbegelder (Sind das vielleicht die Gleichen, welche beim Steuern bezahlen immer hinten anstehen?). Es werden in einzelnen Sportarten Millionen für unanständig hohe Löhne für Profisportler und Trainer ausgegeben. Die gebührenfinanzierten Medien zahlen zudem hohe Summen für die Übertragungsrechte. Der Profisport zeigt die dekadenten Seiten des Sports (zu viel Geld, Doping, Verletzungen, Starallüren) der Gesellschaft und des Kapitalismus deutlich auf.
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Jonaman
31.08.2022 10:13registriert Oktober 2017
Warum der Schwingerkönig nicht Werbemillionär wird??? Ein Event alle 3 Jahre generiert nationales Interesse, hört aber bei den Schweizer Grenzen sofort auf.
Skifahren ist während dem gesamten Winter präsent inkl. WM jedes Jahr und Odermatt strahlt weit über die Schweiz hinaus.

Und ihr fragt ernsthaft, warum Odermatt Millionen verdient, Wicki aber nicht?!
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Lord Bertie
31.08.2022 07:38registriert August 2020
Vielleicht interessiert‘s ihn einfach nicht.
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