DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Pünktlich zum Australian Open: Die Tennis-Welt hat ihren Wettskandal – Top-50-Spieler im Visier

Paukenschlag im Welttennis: 16 Spieler aus den Top-50 sollen in einen Wettskandal verwickelt sein. Belangt wurde bislang keiner. Über die Hälfte davon ist bei den Australian Open dabei, die heute in Melbourne beginnen.
18.01.2016, 02:4318.01.2016, 12:29

Der Gentleman-Sport Tennis steht in den Schlagzeilen da, wo niemand stehen will: Neben Wettkartellen aus Russland und Italien. Die britische BBC und Buzzfeed haben pünktlich zum Auftakt der Grand-Slam-Saison am Australian Open einen umfangreiche Bericht über einen Wettskandal publiziert.

«The Tennis Racket» lautet dessen Titel, der sogleich zum Twitter-Hashtag wurde. Das englische «Racket» steht hier für einmal nicht für den Schläger, sondern für Betrügerei. Denn über ein Jahrzehnt, so der Vorwurf, sollen mehrere Spieler der Profitour gegen Geld Partien manipuliert haben.

ATP dementiert

Namen werden im Bericht keine genannt. BBC und Buzzfeed begründeten dies damit, dass sie ohne Zugang zu Telefonen, Computer oder Bankauszügen der betroffenen Spieler nicht nachweisen könnten, dass diese in illegale Absprachen verwickelt seien.

Bereits im Jahr 2008 lieferten Ermittlungsbehörden den Tennis-Verantwortlichen Beweise, die den Verdacht auf Spielmanipulation im Tennis durch russische und italienische Wettkartelle stützten. Genannt wurden 28 Spieler. Das geht aus Listen hervor, auf die sich nun die Journalisten berufen. Ermittler Mark Phillips wird im Bericht wie folgt zitiert: «Sie hätten sich eines Netzwerks von Spielern entledigen und damit fast den ganzen Sport aufräumen können.» Die Verantwortlichen hätten sämtliche Informationen schön angerichtet serviert erhalten – «doch sie unternahmen überhaupt nichts».

Glaubst du, dass Tennis-Spieler betrügen?

Die International Tennis Federation (ITF) kündigte an, sich im Laufe des Tages zu den Vorwürfen zu äussern. Der Präsident der «Association of Tennis Professionals» (ATP) dementierte, dass die Verantwortlichen Informationen über vermeintliche Absprachen von Tennisspielen zurückhalten würden. «Wir weisen jeden Vorwurf, dass Beweise über Wettmanipulationen verdrängt wurden, absolut zurück», sagte Chris Kermode.

Nun wurden die Journalisten in der Sache tätig. Und die kamen bei ihrer Recherche zu folgenden Schlüssen:

  • 15 Spieler verloren regelmässig Matches, bei welchen stark einseitige Wetteinsätze die Gewinnchancen veränderten. 
  • Vier Spieler zeigten besonders ungewöhnliche Verhaltensweisen, indem sie fast alle dieser Spiele verloren – obwohl die Buchmacher ursprünglich ein solches Abschneiden mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:1000 einschätzen.
  • In der 16-köpfigen Kerngruppe der mutmasslichen Manipulierer sind auch Gewinner von Einzel- und Doppel-Titeln an Grand-Slam- Turnieren.
  • Ein Top-50-Spieler, der am Australien Open mit dabei ist, wird verdächtigt, wiederholt seinen ersten Satz verloren zu haben.
  • Spieler wurden in Hotelzimmern an Major-Turnieren kontaktiert und erhielten von korrupten Zockern Angebote von 50'000 Dollar und mehr pro Manipulation.
  • Wettkartelle in Russland und Italien haben hunderttausende Pfunde gewonnen, indem sie höchst verdächtige Wetten auf Spielresultate setzten – darunter bei Partien in Wimbledon und am French Open. 
  • Die Namen von über 70 Spielern tauchen auf den neun Listen mit mutmasslichen Manipulierern auf, die den Tennis-Verantwortlichen im Verlaufe des letzten Jahrzehnts gemeldet wurden – sanktioniert wurde niemand.
Die Untersuchungsmethode
Ursprung der Recherchen sind neun geleakte Listen («Fixing Files»), die den Journalisten zugespielt wurden. In der Folge nahmen sie eine Analyse von Wettaktivitäten bei 26'000 Spielen und Interviews mit Wett- und Spiel-Manipulations-Experten, sowie Tennis-Funktionären und Spielern auf drei Kontinenten unter die Lupe.
Bekam Manipulationsangebote bei Turnieren in Moskau, Chennai und Paris: Lebenslang gesperrter österreichischer Ex-Tennis-Profi Daniel Köllerer.<br data-editable="remove">
Bekam Manipulationsangebote bei Turnieren in Moskau, Chennai und Paris: Lebenslang gesperrter österreichischer Ex-Tennis-Profi Daniel Köllerer.
Bild: screenshot buzzfeed

Nigel Willerton von der Tennis Integrity Unit (TIU) bestätigt, dass seine Abteilung 2008 den Bericht erhalten habe. Die Beweise seien allerdings zurückgestellt worden, weil Anwälte den Standpunkt vertraten, dass eine 2009 neu eingeführte Integritätsnorm nicht rückwirkend angewandt werden könne. Deshalb habe es keine neuen Untersuchungen gegen die im Bericht erwähnten Spieler gegeben. Willerton betonte, dass seine Abteilung 13 männliche tiefklassierte Tennisprofis wegen Spielmanipulation teilweise lebenslang gesperrt habe.

«Und es braucht bloss einen Spieler, um den Ausgang der Partie zu manipulieren.»
Ex-ATP-Vize Richard Ings

Anstoss für die Untersuchung von 2008 war eine Partie im polnischen Sopot zwischen dem Russen Nikolai Dawydenko und dem Argentinier Marin Vassallo Arguello. Millionenbeträge wurden auf die Partie gewettet – aus Konten in Moskau. Im dritten Satz die Überraschung: Favorit Dawydenko gibt Forfait. Die Tennis-Funktionäre erklärten am Ende der Untersuchung, sie hätten keine Hinweise auf Regelverstösse durch die beiden Spieler gefunden.

Verdächtiges Forfait: Nikolai Dawydenko beim Spiel in Sopot.<br data-editable="remove">
Verdächtiges Forfait: Nikolai Dawydenko beim Spiel in Sopot.
symbolBild: EPA/EFE

Die Unterlagen, auf die sich BBC und Buzzfeed berufen, hätten dagegen gezeigt, dass Vassallo Arguello bei einem früheren Turnier 82 SMS mit einem mutmasslichen Anführer eines italienischen Wettrings ausgetauscht hatte, der beim Setzen auf andere Partien von Vassallo Arguello hunderttausende Pfund gewann.

Der ehemalige ATP-Vizepräsident Richard Ings sagt, Tennis sei besonders anfällig für Korruption, weil jedes Jahr zehntausende Partien ausgetragen würden mit Milliarden-Beträgen im Wett-Pot. «Und es braucht bloss einen Spieler, um den Ausgang der Partie zu manipulieren.» (kad)

Die grössten Tennis-Stadien der Welt

1 / 37
Die grössten Tennis-Stadien der Welt
quelle: x02835 / robert deutsch
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

39 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
GreenBerlin
18.01.2016 06:25registriert Februar 2014
Das klingt schon sehr beunruhigend. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass Federer & Wawrinka nicht Teil dieser Manipulatorengruppe sind, dafür ist ihr Siegeswille & ihre Aufrichtigkeit dem Sport gegenüber meines Erachtens zu gross. Welcher Grand-Slam-Sieger dazugehört würde mich allerdings schon ziemlich interessieren. Müsste ja demnach entweder Djokovic, Nadal, Murray, Cilic, Del Potro oder eben einer der beiden Schweizer sein. Ansonsten hat seit Jahr(-zehnt-)en kein anderer mehr gewonnen.
559
Melden
Zum Kommentar
avatar
jangoB
18.01.2016 07:35registriert Januar 2015
Wer Sport schaut, wird wohl ständig über den Tisch gezogen...
434
Melden
Zum Kommentar
avatar
MacB
18.01.2016 08:16registriert Oktober 2015
Wird schwierig sein, dagegen anzukommen, Geld regiert leider nicht nur die Welt sondern auch den Sport.

Fedrinka stecken wohl aber nicht drin, ihre Verbundenheit, ihr Kampfwille und der Spass am Sport ist zu gross bei den beiden. Ich bin aber gespannt, wer da drin hängt...*grabs popcorn"
367
Melden
Zum Kommentar
39
Nati-Trainer Fischer vor dem Slowakei-Spiel: «Wir müssen und werden gradliniger spielen»
Pflicht erfüllt, kommt jetzt die Kür? Bereits heute Abend geht es für das Schweizer Hockey-Nationalteam an der WM in Finnland weiter. Ab 19.20 Uhr ist die Slowakei vierte der Gegner der «Eisgenossen».

Es war alles andere als ein berauschender Auftritt der Schweizer beim 3:2 gestern Abend gegen Kasachstan. Doch am Ende zählt allein, dass die Mannschaft von Trainer Patrick Fischer nach drei Partien eine makellose Bilanz ausweist. Zudem ist allen im Team bewusst: Gegen die Slowakei reicht eine solche Leistung kaum für den Sieg.

Zur Story