Freitagmorgen, Themensitzung in der watson-Redaktion. Es kommt der Input: «Wir müssen unbedingt etwas zu unseren beiden neuen Federers haben.» Gemeint sind Jérôme Kym (22) und Leandro Riedi (23), die am Mittwoch- beziehungsweise Donnerstagabend etwas überraschend den Einzug in die dritte Runde am US Open geschafft haben. Mit der Qualifikation haben sie so schon je fünf Spiele in Flushing Meadows gewonnen. Der Vertreter der Sportredaktion drückt auf die Euphoriebremse. Die Erfolge von Kym und Riedi sind zwar toll, aber Vergleiche mit Roger Federer sind kaum angebracht oder sinnvoll.
From two sets down!
— US Open Tennis (@usopen) August 28, 2025
🇨🇭 Qualifier Leandro Riedi upsets Francisco Cerundolo in five sets. pic.twitter.com/Z4hr4O6OPb
Natürlich: Die Schweiz sehnt sich, seit Federer zurückgetreten ist und der mittlerweile 40-jährige Stan Wawrinka nur noch selten zwei Spiele in Folge gewinnt, nach dem nächsten Schweizer Star im Männertennis.
Doch gerade Jérôme Kym weiss nur zu gut, was ein Hype und solche Vergleiche auslösen können. Der Solothurner galt als Supertalent. 2017 führte er das Schweizer Team an der U17-Weltmeisterschaft zu Gold – unter anderem mit einem Sieg gegen einen gewissen Carlos Alcaraz. Zwei Jahre später wurde er mit 15 Jahren zum jüngsten Schweizer Davis-Cup-Spieler der Geschichte. An der Seite von Henri Laaksonen gewann er ein Doppel gegen Russland.
Der aufschlagstarke Youngster wurde natürlich sofort mit Roger Federer verglichen. Das war zu viel Druck. «Der Davis Cup hat mich ein Jahr gekostet», sollte Kym später rückblickend sagen. Es sei einfach zu viel auf ihn eingeprasselt. «Ich dachte wohl, ich sei jetzt schon ein Profi. Dabei war ich noch niemand im Tennis», resümiert der heute 22-Jährige. Neben einer persönlichen Formbaisse wurde Kym dann von der Coronavirus-Pandemie zusätzlich ausgebremst.
Auch Leandro Riedi weiss, wie es ist, in jungen Jahren im Rampenlicht zu stehen. 2020 stand er im Junioren-Final der French Open, den er gegen Dominic Stricker verlor, einen weiteren hochtalentierten Schweizer. Die Basis für eine erfolgreiche nächste Tennisgeneration schien also vorhanden zu sein. Während Stricker phasenweise überzeugen konnte, mittlerweile aber aus persönlichen und körperlichen Gründen in einem Tief steckt, stockte der Aufstieg von Riedi und Kym.
Riedi wurde nach seinem verlorenen French-Open-Final länger von Rückenproblemen ausgebremst. In einer turbulenten Phase trennte er sich zudem von seinem damaligen Trainer Yves Allegro. 2024 schien er durchzustarten, stand bei fünf Challenger-Turnieren im Final und gewann zwei davon. Doch ziemlich genau vor einem Jahr kam der grosse Schock: Riedi musste in der zweiten Runde der US-Open-Qualifikation (ausgerechnet im Duell mit Landsmann Kym) aufgeben. Die Diagnose: Ein Knochenabriss im Knie, der eine Operation notwendig machte.
Am Ende waren gar zwei Operationen nötig, weil er sich beim Wiederaufbau auch noch einen Riss am Innenmeniskus zuzog. Der junge Schweizer musste acht Monate pausieren und fiel in ein Loch. «Ich dachte nicht ans Aufhören, aber Tennis war für einige Wochen ein Tabuthema», sagt Riedi beim Blick zurück. Er habe das Vertrauen in den eigenen Körper verloren und befürchtete, nach jedem Turnier gleich wieder wochenlang pausieren zu müssen.
Ein Jahr zuvor erlebte Jérôme Kym Ähnliches. Eine Knieoperation erforderte eine sechsmonatige Zwangspause. Die Saison 2024 musste er wieder bei null beginnen, gewann in diesem Jahr aber 59 Spiele an kleineren Turnieren und arbeitete sich wieder bis auf Position 134 der Weltrangliste vor, ehe ihn Blessuren abermals zurückwarfen.
Auch Riedi kämpfte sich wieder zurück. Der 23-Jährige fand heraus, dass er an einer Laktoseintoleranz litt und stellte seine Ernährung um. Gleichzeitig holte er sich dank gezielten Trainings das Vertrauen in seinen Körper zurück. Riedi legte in den vergangenen Monaten rund fünf Kilo an Muskelmasse zu. Dadurch habe er zwar etwas an Explosivität verloren, dafür an Power in seinen Schlägen dazugewonnen.
Diese hat Riedi auch am US Open immer wieder zeigen können. Die Returns, die schon immer eine seiner Stärken waren und für die er unlängst schon in Wimbledon von Andy Murray ein Lob erhielt, sind nun noch gefährlicher.
Die beiden jungen Schweizer, die sich bestens kennen, pushen sich in New York nun gegenseitig. «Ich mag es Jérôme von Herzen gönnen, denn ich weiss, was er alles durchgemacht hat. Und ich sagte mir: Wenn er es schafft, kann ich es auch. Das hat mir wohl noch die paar Prozent gegeben, die mir nun zum Sieg verhalfen», erklärte Riedi nach seinem Marathon-Erfolg in der zweiten Runde.
Hopp Schwiiz! 🇨🇭
— US Open Tennis (@usopen) August 27, 2025
Jerome Kym gets the biggest win of his career in a match tiebreak over No.30 seed Nakashima. pic.twitter.com/O0qwzEETP1
Das Erreichen der dritten Runde an einem Grand-Slam-Turnier ist für beide Spieler der bislang grösste Erfolg in der Profi-Karriere. Er bringt ihnen jeweils 237'000 Dollar ein. Und beide werden nach ihren Erfahrungen in der Vergangenheit gelernt haben, den Erfolg richtig einschätzen zu können. Sie werden – im Gegensatz zu den Fans – kaum sofort wieder von einer glorreichen Schweizer Tenniszukunft träumen, sondern im Hier und Jetzt bleiben.
Das Hier und Jetzt sieht für Jérôme Kym und Leandro Riedi folgendermassen aus: Kym trifft in der Nacht auf Samstag im letzten Spiel der Night Session auf den Lokalmatador und Titelanwärter Taylor Fritz (ATP 4). Riedi bestreitet seine dritte Runde am Samstag (Zeit noch offen) gegen den ebenfalls überraschenden Polen Kamil Majchrzak (ATP 76).