Als die Britin Emma Raducanu vor drei Jahren als 18-Jährige Qualifikantin die US Open gewann, schrieb sie damit eines der schönsten Märchen der jüngeren Tennisgeschichte. Nun würde sie den Erfolg am liebsten ungeschehen machen.
Wie gross der Preis ist, den sie für ihren einmaligen Sieg schreibt, zeigt sich immer dann, wenn sie nach Wimbledon zurückkehrt, wo sie alle Blicke auf sich zieht. BBC-Experte Tim Henman sagte, er erwarte von Raducanu, dass sie mindestens die vierte Runde erreiche. Sie selber meinte, sie sei schon überglücklich, am Montag die erste Runde überstanden zu haben.
Raducanu kam 2002 in Kanada zur Welt, ihre Mutter stammt aus China, der Vater aus Rumänien. Sie emigrierten nach London, als Raducanu zwei Jahre alt war. Im Sommer vor ihrem US-Open-Sieg war sie die Nummer 338 der Welt und erreichte bei ihrem Grand-Slam-Debüt in Wimbledon auf Anhieb die Achtelfinals. Zuvor hatte Raducanu während 18 Monaten keine Turniere bestritten, weil sie sich während der Pandemie auf ihren Schulabschluss konzentrieren wollte, der ihr mit Bestnoten gelang.
In jenem Sommer wurde sie erst zum Kinderstar, dann über Nacht zum Sportstar. Sie stiess in eine Welt vor, zu der Raducanu mit ihren Resultaten nie gehörte, weil der Sieg in New York ein isoliertes Ereignis blieb.
Obwohl sie Ende des letzten Jahres in der Weltrangliste nur auf Position 299 geführt wurde, war sie die bestbezahlte Sportlerin der Welt. Gemäss Wirtschaftsmagazin «Forbes» verdiente sie 15,2 Millionen Dollar, wovon 200'000 auf Preisgelder entfielen. Strippenzieher ist der umtriebige Agent Max Eisenbud, der schon Maria Scharapowa zur Weltmarke geformt hatte.
Wer wie Emma Raducanu in einem globalen Sport wie dem Tennis so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, dazu noch Mandarin und Englisch spricht, wird schnell zur begehrten Werbeträgerin. Obwohl die inzwischen 21-Jährige vor und nach den US Open nie mehr ein Turnier gewonnen hat, ist sie das Gesicht von Marken wie Nike, British Airways, Porsche und Dior.
Heisst: Am Ende des Wimbledon-Turniers wird Emma Raducanu 600'000 Franken verdient haben, ohne einen Ball gespielt zu haben. Das ist mehr Geld, als der Vorstoss in den Viertelfinal einbringt (450'000 Franken).
Sie ist Gast bei Modeschauen, trifft Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai, die Kinderrechtsaktivistin, spielt Tennis mit Prinzessin Kate Middleton. Auf Instagram folgen ihr 2,5 Millionen Menschen. Überall sind Kameras, Fans, Youtube, Tiktok, Facebook, Instagram. Das Produkt: Emma Raducanu.
Die Britin sagt, der Tenniszirkus und alles, was damit zusammenhänge, sei kein netter, vertrauensvoller und sicherer Raum. Und: «Ich habe erkannt, dass mich viele nur als Geldanlage sehen, weil ich noch so jung bin.»
Könnte sie die Zeit zurückdrehen, würde sie das tun und den grössten Sieg ihrer Karriere ungeschehen machen. «Im Moment meines Sieges in New York hätte ich alles gegen diesen Moment eingetauscht. Egal, was mir passieren würde, wollte ich dafür annehmen, das hatte ich mir in dem Augenblick versprochen, denn es fühlte sich als das Beste in der Welt an», sagte sie vor einem Jahr gegenüber der britischen Zeitung «The Times».
Emma Raducanu verpasste damals Wimbledon, weil sie sich kurz zuvor an beiden Handgelenken und am Fuss hatte operieren lassen. Sie kehrte erst Anfang Jahr nach acht Monaten Pause in den Tenniszirkus zurück. Heute sagt sie: «Ich bin belastbar, meine Toleranz ist hoch, aber es ist nicht einfach, und manchmal denke ich: ‹Ich wünschte, ich hätte die US Open nie gewonnen, ich wünschte, das wäre nie passiert›», sagte sie einmal.
Vielleicht wäre sie dann auch nicht das Opfer eines Stalkers geworden. Kurz nach ihrem Sieg in New York schlich ein verheirateter Brite in jenem Vorort im Nordwestens Londons herum, in dem Raducanu mit ihren Eltern lebte. Vor dem Haus hinterliess er Blumen und die Notiz: «Du verdienst Liebe!» Einmal zeichnet der damals 35-Jährige auf einer Karte die 23 Meilen lange Strecke ein, die der Arbeitslose von seinem Zuhause aus zu Fuss zurückgelegt hatte - in der Hoffnung, Raducanu zu treffen. Beim dritten Besuch dekorierte er kurz vor Weihnachten einen Baum vor ihrem Zuhause und klaute ein paar Schuhe von der Fussmatte. Raducanus Vater beobachtete den Vorfall, folgt dem Mann und benachrichtigte die Polizei.
Was das mit der Betroffenen macht, erklärte Raducanu britischen Medien: «Ich traue mich kaum mehr aus dem Haus, schon gar nicht alleine. Ich bin verängstigt und fühle mich verfolgt. Ich fühle mich in meinem eigenen Zuhause nicht mehr sicher. Man hat mir meine Freiheit genommen.»
Emma Raducanu ist nicht die erfolgreichste Sportlerin der Gegenwart, nicht einmal des Tennis. Aber keine verdient so viel wie sie. Der Preis, den sie dafür bezahlt, ist ein Leben im goldenen Käfig. (aargauerzeitung.ch)