Kobe Bryants Furchtlosigkeit wird zur Legende
Kennst du noch das «Spiel» aus der Schulzeit, bei welchem man jemanden fragte, ob er oder sie Angst vor Mutter und Vater habe? Und wenn die Antwort «Nein» lautete, man antäuschte, dieser Person die Faust ins Gesicht zu schlagen, um ein Blinzeln zu provozieren und so zu beweisen, dass sie eben doch Angst habe? Dies klappte fast immer – Kobe Bryant wäre aber wohl nie eingeknickt.
Der damalige Basketball-Superstar bewies seine legendäre Unerschrockenheit nicht nur einmal. Besonders eindrücklich aber am 7. März 2010 im NBA-Spiel seiner Los Angeles Lakers gegen Orlando. Nach wenigen Minuten in der zweiten Hälfte täuschte Matt Barnes von ausserhalb des Felds nämlich einen Pass direkt in Bryants Gesicht an. Der Ball war höchstens wenige Zentimeter von diesem entfernt. Bryant zeigte sich davon aber völlig unbeeindruckt, blinzelte nicht einmal.
«Wieso sollte ich?», fragte der damals 31-Jährige darauf angesprochen, weshalb er nicht erschrocken sei. «Ich wusste, dass er nichts tun würde. Also wieso sollte ich zurückschrecken?», fügte Bryant an.
Die Furchtlosigkeit und Arbeitsmoral des 2020 bei einem Helikopterabsturz gestorbenen Bryants war in der NBA sagenumwoben. Fast jeder seiner Gegner oder Mitspieler hat eine eigene Kobe-Geschichte, die zeigt, wie besessen Bryant davon war, der Beste zu sein. Von Trainings, die morgens um 4 Uhr begannen und erst gegen die Mittagszeit endeten. Oder von seinem berühmten Trashtalk auf dem Feld, den er stets durch Leistung untermauerte.
Bryant selbst verglich sich mit einer schwarzen Mamba, einer der gefährlichsten Schlangen der Welt. So prägte er den Begriff «Mamba Mentality», der den unbändigen Willen und unermüdlichen Einsatz beschreibt, alles aus sich herauszuholen und stets besser zu werden. Um zu gewinnen, schreckte Bryant auch nicht davor zurück, mal dreckig zu spielen. Die Lakers-Legende hat nach eigener Aussage das Handbuch für Schiedsrichter gelesen, um zu wissen, wo diese jeweils stehen sollen. So wusste er auch, wo er sich mal ein Foul erlauben konnte, ohne dass die Unparteiischen dies sehen würden.
«So talentiert er war, hat er auch immer die kleinen dreckigen Dinge gemacht, wie einen Ellbogen austeilen oder am Trikot zu ziehen», wie Barnes später nicht ohne Ehrfurcht erzählt. So war es auch in jenem Spiel in Orlando. Kurz bevor er Bryant beinahe den Ball ins Gesicht geschossen habe, hätte dieser ihm den Ellbogen in den Bauch gerammt. «Und der Schiedsrichter, der direkt daneben stand, hat wie meistens so getan, als hätte er es nicht gesehen», so Barnes.
Das Spiel hatte ohnehin eine gewisse Brisanz, da die Orlando Magic im Vorjahr die Finalserie gegen die Lakers verloren hatten. Dann war es auch noch eine enge Partie, in der es an Scharmützeln von beiden Seiten nicht mangelte. Irgendwann dachte sich Barnes: «Genug ist genug. Ich war bereit, mit ihm zu prügeln.» Dazu kam es aber nicht. Am Ende setzten sich die Magic knapp 96:94 durch. Defensivspezialist Barnes schrieb sich auf die Kappe, dass sein Gegenspieler Bryant zwar 34 Punkte erzielte, aber unterdurchschnittlich gut traf.
Zu einer Revanche in den Playoffs kam es zwischen den beiden Teams nicht mehr. Orlando scheiterte im Halbfinal an den Boston Celtics, die in der Finalserie dann wiederum den Lakers unterlagen. Für Bryant war es der fünfte und letzte Titel seiner grossen Karriere.
Die Geschichte der Auseinandersetzung zwischen Bryant und Barnes nahm übrigens noch eine schöne Wende. Wenige Monate nach dem Zwischenfall rief Kobe Bryant Barnes nämlich an, um ihn zu fragen, ob er sein Teamkollege werden wolle. «Wer verrückt genug ist, sich mit mir anzulegen, ist verrückt genug, um mit mir zu spielen», soll Bryant gesagt haben. Einige Tage später unterschrieb Barnes tatsächlich bei den Lakers.
Zwei Jahre spielten sie dort zusammen, bevor Barnes die Lakers wieder verliess. Regelmässig unternahmen die beiden in dieser Zeit etwas gemeinsam – was Bryant mit kaum einem anderen Mitspieler getan haben soll. Bryant beendete seine Karriere 2016, Barnes ein Jahr später mit dem Titelgewinn mit den Golden State Warriors.
Auch darüber hinaus verband die beiden eine Freundschaft. Über den Vorfall im Spiel vom März 2010 konnten die beiden später nur lachen. Ihren Kampfgeist hatten sie gemeinsam, was mit ein Grund dafür war, dass sie sich so gut verstanden. Regelmässig besuchten sie auch die Basketballspiele ihrer Kinder. Als Kobe Bryant im Januar 2020 mit seiner Tochter Gianna und sieben anderen Menschen bei einem Helikopterabsturz ums Leben kam, war dies auch für Barnes ein schwerer Schlag: «Es tut weh. Man denkt nie daran, dass Superhelden sterben.»
