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FILE - In this Aug. 15, 2014, file photo, Mamie

In der Negro League spielten auch Frauen, etwa Mamie «Peanut» Johnson, hier bei einem Baseball-Spiel 2014. Bild: AP/The Philadelphia Inquirer

Als Schwarze in eigenen Ligen spielen mussten und die Weissen überflügelten

Vor exakt hundert Jahren wurde die Negro National League aus der Taufe gehoben – eine Baseball-League für Schwarze. Die Gründung war eine Notwendigkeit. Denn als zahlende Zuschauer waren Dunkelhäutige zwar willkommen, als Spieler aber von den Partien der Weissen ausgeschlossen.

Johann Aeschlimann



Josh Gibson. Buck Leonard. Pop Lloyd. Cool Papa Bell. Satchel Paige. Grosse Namen am Firmament des amerikanischen Baseballsports, aber kein Teil der Folklore. Denn sie waren schwarze Stars aus der Epoche der Rassentrennung, als weiss und colored separat spielen mussten: Hier die weissen Major Leagues, dort die schwarzen Negro Leagues. Dass diese Spieler gut waren, wurde von Mitspielern, Presse und Publikum anerkannt (Josh Gibson hiess «der schwarze Babe Ruth» und Superstar Babe Ruth manchmal «der weisse Josh Gibson»).

This 1928 photo provided by Christie's from their upcoming baseball memorabilia auction shows legendary Negro Leagues slugger Josh Gibson, fifth from the left, when he was a 16-year-old player with the Pittsburgh Crawfords semi-pro baseball team. A trove of nearly 500 baseball artifacts, the value of which could top $5 million, will be auctioned off by Christie's this fall in New York on Oct. 19 and 20. (Christie's via AP)

Josh Gibson (Fünfter von links) 1928 als Spieler der Pittsburgh Crawfords. Bild: AP/Christie's

Wie gut, lässt sich nicht ermessen. Für den schwarzen Baseball fehlen die minutiösen Statistiken, die in den Major Leagues seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert Spielzug für Spielzug erfasst werden. Die tägliche Berichterstattung fand nicht statt. «Der schwarze Baseball wurde von den Mainstream-Medien ignoriert», sagt der Historiker Ray Doswell. «Und die schwarzen Medien erschienen allenfalls wöchentlich.»

Wo heute zwei Museen sind, steppte einst der Bär

Ray Doswell ist der Kurator des Negro League Baseball Museums in Kansas City. Dort wird die Geschichte des schwarzen Baseballs erzählt – downtown, Ecke 18th und Vine, wo während der Prohibitionszeit der Bär tobte, vom verbotenen Alkohol beflügelt. Im gleichen Komplex ist ein Jazz Museum untergebracht: Hier wurden auch Bennie Moten, Count Basie, Jay McShann und Charlie Parker gross. Heute ist bis auf einen Block von der vergangenen Herrlichkeit nichts mehr zu sehen.

Das Museum ist eine pralle Fülle an Memorabilien: Plakate, Zeitungsberichte, Biografien, Statuen, Uniformen, Photos, Videos, Berichte über Klubs, die aufstiegen und versanken und Ligen, die kamen und gingen. Eine Ecke ist den Frauen gewidmet. Es gab zwei Klub-Eigentümerinnen und in den fünfziger Jahren, am Ende der Liga, auch Spielerinnen.

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Museums-Kurator Ray Doswell. bild: johann aeschlimann

Statistik wird klein geschrieben. «Wir gehen darüber hinaus», sagt Kurator Ray Doswell. «Die schwarzen Ligen waren eine Reaktion auf die Rassentrennung, sie waren Unternehmungen der Unterhaltungsindustrie. Das schwarze Unternehmertum spielt eine Hauptrolle.»

Weisse boykottierten schwarze Mitspieler

Mit der Rassentrennung im professionellen US-Baseball war es seit jeher so eine Sache: Als zahlendes Publikum waren alle überall willkommen. Die Trennlinie wurde auf dem Feld gezogen. Dort entschied sehr bald die Hautfarbe, wer spielen durfte und wer nicht. Noch nicht in den Anfangszeiten: In den 1880er-Jahren gingen nichtweisse Mannschaften als «Cubans» durch und die Hellhäutigeren unter den coloreds konnten sich als Weisse durchmogeln. 1884 stand mit Moses Fleetwood Walker der erste «Farbige» unter Vertrag, in Toledo (Ohio) war es. Dann war schnell Schluss. Die schwarzen Spieler wurden boykottiert – nicht von den Klubeignern, sondern von den weissen Spielern.

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TV-Reportage über das Museum. Video: YouTube/FOX SportsDetroit

Im Juli 1887 musste Fleetwood Walker in Chicago das Feld verlassen, nachdem die White Stockings mit Streik drohten. In der Folge wurden nirgendwo mehr schwarze Spieler angestellt, weil sie angeblich das «Risiko» von Unrast und Streik darstellten. Die Major Leagues blieben weiss. «Es gab nie eine festgeschriebene Regel, wonach keine Schwarzen spielen durften», sagt Ray Doswell, «aber es gab die Absprache unter den Eigentümern.» So wurde das freie Unternehmertum im professionellen Baseballsport interpretiert.

Die Reaktion war freies Unternehmertum im schwarzen Amerika. Parallel zu den weissen entstanden im Osten und im Mittleren Westen schwarze Profiklubs, die landauf, landab gegen lokale Teams antraten. «Barnstorming» nannte man das. Die Tourneen führten über die Landesgrenzen hinaus nach Mexiko und in die Karibik, wo sie gewaltige Massen anzogen. Schwarze Spieler liessen sich oft in Lateinamerika verpflichten. Dort waren sie keinen Diskriminierungen ausgesetzt und durften essen, trinken oder übernachten, wo sie wollten. In den USA war das anders. «Das einzige, was sich geändert hat», sagte der grosse Werfer Satchel Paige über seinen Ruhm, «ist, dass Baseball den Paige von einem Zweitklassbürger zu einem Zweitklassunsterblichen machte».

Gründung einer eigenen Liga

Zur Jahrhundertwende gab es alles, was für eine professionelle Sportindustrie nötig war, aber es fehlte eine Meisterschaft, «die organisierte Ermittlung eines wahren Champions», wie Historiker Doswell es nennt. Nach dem Ersten Weltkrieg war es soweit. Der Anfang wurde in Kansas City gemacht. Am 13./14. Februar 1920 gründeten acht Eigner in downtown Kansas City die Negro National League. Sie wurde kurz darauf in die Südstaaten erweitert, zwei Jahre später folgte die Gründung einer rivalisierenden American Negro League mit Teams von der US-Ostküste. Ab 1924 trugen sie eine Negro World Series um den schwarzen Weltmeistertitel aus.

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Rube Foster, als Besitzer der Chicago American Giants einer der Mitbegründer der Liga, wird Jahrzehnte später auf einer Briefmarke geehrt. bild: us postal

Das Geschäft lief. Die Weltwirtschaftskrise machte vielen dieser Unternehmungen den Garaus, aber bereits 1933 wurde die Negro National League neu gegründet, diesmal im Osten. Es folgte ein zweiter Boom. Die gigantische Aufrüstung zum Zweiten Weltkrieg saugte schwarze Massen aus dem Süden in die Industriestädte Nordamerikas – ein Publikum, das Eintritt bezahlen konnte. Und weil der Kriegsdienst die weissen Major Leagues härter traf, lieferte der schwarze Baseball in den 1940er-Jahren den besseren, attraktiveren Sport.

Dubiose Klubbesitzer

Die kommunistische Tageszeitung «Daily Worker» sammelte über eine Million Unterschriften für Gleichberechtigung auf dem Spielfeld. In der Baseball-Hochburg New York trat der Staat mit Anti-Diskriminierungsklauseln im Arbeitsrecht auf den Plan. Hinzu kam wirtschaftlicher Druck. Wenn der Sport die Massen weiterhin fesseln sollte, mussten die Besten gegeneinander spielen. Und wenn ein schlecht laufendes Unternehmen sich verstärken wollte, lag es nahe, das Reservoir an schwarzem Talent anzuzapfen.

Es gab hunderte von Einwänden. Schierer Rassismus war nicht der einzige. «Der schwarze Baseball galt nicht als legitimes Geschäft», sagt Ray Doswell. Denn die Klub-Eigner waren nicht alle honorig. Etliche waren zwielichtige Gestalten aus dem illegalen Wettgeschäft – bis heute das grösste Tabu im amerikanischen Profi-Baseball. Sie benutzten ihre Profi-Teams, um Geld zu waschen. «Eine Klasse von gutmeinenden Gangstern», nennt Historiker Ray Doswell solche Figuren, «als Unternehmer ebenso geschäftstüchtig wie kriminell».

Galionsfigur Jackie Robinson

Bis zu seinem Tod 1944 legte Baseball Commissioner Kenesaw Mountain Landis – der oberste Boss der Liga – ein stählernes Veto gegen alle Integrationsvorschläge ein. Seine Nachfolger hatten ein offeneres Ohr. Branch Rickey, der Manager der Brooklyn Dodgers, machte den Anfang. Über die Landesgrenzen hinaus prüfte er Kandidaten für die Rolle als erster Farbiger im professionellen Baseball. Die Wahl fiel auf Jackie Robinson, im Krieg Offizier der Panzertruppe, danach Spieler bei den Kansas City Monarchs.

People pass by a Philadelphia Mural Arts Program mural of Jackie Robinson in Philadelphia on Friday, April 15, 2016. On Jackie Robinson Day, Philadelphia is acknowledged its racist treatment of the baseball pioneer when he played in the city nearly 70 years ago. City leaders issued an official apology in March, and highlighted its official apology during a ceremony Friday, also honoring Moses Fleetwood Walker, the first black Major League player. (AP Photo/Matt Rourke)

Ein grosses Wandgemälde der Baseball-Ikone Jackie Robinson in Philadelphia. Bild: AP

Rickey unterzog seinen Prüfling einem harten Examen, indem er ihm alle möglichen rassistischen Schlötterlinge an den Kopf warf, um zu sehen, wie er im Ernstfall reagieren würde. Am 15. April 1947 spielte Robinson auf Ebbets Field in Brooklyn sein erstes Spiel: Die Barriere war gebrochen.

Was danach kam, war genauso hart, wie Manager Rickey es vorweggenommen hatte. Jackie Robinson wurde in der Kabine geschnitten, auf dem Spielfeld beschimpft und mit Absicht verletzt. Wie in den 1880er-Jahren drohten Spieler mit Streik, wenn der Schwarze spielte – aber diesmal hielt die Liga dagegen. Wer streikte, wurde mit Ausschluss bedroht.

Auf dem Spielfeld schneller vereint als daneben

Bald zogen weitere Teams nach. Aber es ging auch im Baseball nicht auf einmal. In einigen Städten hatte man mit der Integration keine Eile, auch aus wirtschaftlichen Gründen. Die New York Yankees zum Beispiel waren im Besitz des Stadions, das die schwarzen Newark Eagles mieteten – es gab ein geschäftliches Interesse, die Rassentrennung auf dem Spielfeld zu erhalten. Denn es war klar: Wenn die schwarzen Stars in den Major Leagues auftreten konnten, war dem schwarzen Baseball die Geschäftsgrundlage entzogen. 1959, als die Boston Red Sox als letztes Unternehmen einen schwarzen Spieler verpflichteten, waren die Negro National League und die American Negro League bereits Geschichte.

Ausserhalb des Spielfeldes hielten die Trennmauern länger. Der erste schwarze Team-Manager war 1975 Frank Robinson (keine Verwandtschaft zu Jackie) bei den Cleveland Indians. Bis ein Schwarzer in die Hall of Fame aufgenommen wurde – es war Satchel Paige 1971 – vergingen Jahre elender statistischer Klauberei. Und das Eigentum an den Franchises bleibt weiss. Die einzigen schwarzen Miteigentümer im professionellen Baseball sind Magic Johnson bei den Dodgers und Derek Jeter bei den Marlins. Beides ehemalige Superstars, die den Eignern auch als «Sprecher» dienen.

Weniger Schwarze in der MLB als auch schon

Der grösste schwarze Anteil an Berufs-Baseballspielern lag bei rund 18 Prozent in den 1980er-Jahren. Seither ist er auf die Hälfte zurückgegangen. Parallel dazu stieg der Anteil an Spielern aus der Karibik und Mittelamerika. Nicht von ungefähr. Die Major Leagues investierten in den 1990er-Jahren bewusst in Baseball-Schulen in diesen Ländern, um junges, billiges Talent heranzuziehen, «wie der europäische Fussball in Afrika», sagt Ray Doswell.

Die bestverdienenden Sportler 2019

Billig-Konkurrenz für Afroamerikaner? «Ich will das nicht so sagen», antwortet Doswell. «Das ist eine gewerkschaftliche Frage. Ich weigere mich, Schwarze und Latinos gegeneinander auszuspielen.» Doch ja, der Profi-Baseball habe in den USA nicht investiert. «Das Geld floss in den billigeren Basketball, oder in die Soccer-Blase für Weisse», sagt Doswell. Mittlerweile steht Baseball in der Gefahr, seine dominierende Rolle zu verlieren. An den Schulen gibt es keine organisierten Meisterschaften wie in anderen Sportarten. College-Baseball ist ein Mauerblümchen. Baseball ist als Amateursport weit verbreitet, aber es ist nicht mehr hip, Baseball zu mögen.

Baseball soll wieder hip werden

Zurzeit ist die Major League Baseball daran, das schwarze Amerika wieder zu entdecken. Man richtet Pflanzschulen für «urban youth» ein. Ein Code für «schwarze Jugend». Eine der ersten befindet sich just im Negro League Baseball Museum von Kansas City. Dort ist eine «Akademie» für Jugendliche entstanden, gemeinschaftlich getragen von der Liga, der Spielergewerkschaft und den lokalen Kansas City Royals. Teilnehmer erhalten Anschauungsunterricht, die Buben von Major-League-Profis, die Mädchen von Softball-Oympionikinnen.

Das Museum selbst tut das Seinige. Ray Doswell ist gerade daran, ein Programm zu entwerfen, das den Mathematik- und Physikunterricht mit Baseball verbindet, um Sport und Schule einander näher zu bringen. Doswell weiss warum: «Es gibt viele andere Möglichkeiten für Schulausflüge. Wir müssen relevant bleiben.»

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