Stinkefinger und Beleidigungen – warum Pogacar mit Begleitschutz und in Tarnfarben fährt
Wenn Tadej Pogacar aufs Rad steigt, bleibt er meist nicht lange unerkannt, zumal es auch selten ein Geheimnis ist, wo sich der derzeit erfolgreichste Radfahrer der Gegenwart gerade aufhält. Fotos, Zurufe, der Wunsch nach einem Autogramm sind das kleinere Problem. Amateure, die versuchen, so lange wie möglich am Hinterrad des Slowenen zu bleiben, das grössere.
Wie solche Aktionen enden können, zeigte ein Unfall seines Kontrahenten Jonas Vingegaard im Training. Ende Januar heftete sich ein Amateur im Training so dicht an sein Hinterrad, dass sich dieser veranlasst sah, sich abzusetzen und dabei stürzte. Dabei erlitt der Däne leichte Verletzungen.
Vingegaards Sturz wegen Amateur
Er habe angehalten, um sich nach Vingegaards Befinden zu erkundigen. Doch dieser habe wütend reagiert, wofür der Amateur kein Verständnis zeigte. «Schliesslich verdient er seinen Lebensunterhalt damit, nicht ich», sagte der Spanier. Auch einen anderen Fahrer, der helfen wollte, soll er weggeschickt haben. «Für Profis wie ihn steht so viel auf dem Spiel. Sie riskieren ihr Leben und ihren Lohn und verdienen unseren Respekt.»
Tadej Pogacar blieben gefährliche Situationen bisher erspart, doch mit den Zudringlichkeiten hat auch der gewöhnlich gut gelaunte Slowene seine liebe Mühe. Mitte Februar berichtete er von einer Begegnung mit einem Anhänger: Als Pogacar während eines Gesprächs um etwas Geduld bat, reagierte dieser verärgert, zeigte ihm den Mittelfinger und beleidigte ihn.
Pogacar: «Bitte nicht stören»
Wobei Pogacar den Rummel auch humorvoll nimmt. Bei einer Ausfahrt mit seiner Verlobten Urska Zigart im vergangenen Sommer, kurz nach seinem vierten Tour-de-France-Sieg, trug er ein Trikot mit der Aufschrift «Please Do Not Disturb» (Bitte nicht stören). Dazu zeigte ein durchgestrichenes Symbol eines Smartphones: keine Fotos und Selfies. Inzwischen macht er den Spruch zu Geld und verkauft ein Trikot mit entsprechender Aufschrift.
Pogacar erhält Begleitschutz
Um den Weltmeister besser zu schützen, greift sein Team UAE Emirates zu drastischen Massnahmen: Im Training erhält Pogacar stets einen Begleiter auf einem Motorrad, das hinter ihm fährt und ihn abschirmt. Dazu fährt er in anderen Farben – Rot, Blau und Gelb – statt den üblichen seines Teams. Die Idee dahinter: Bis Amateure ihn erkennen, ist der 27-Jährige schon wieder ausser Sichtweite. Tadej Pogacar verkleidet sich.
So blieb er bei einer Leistung unerkannt, die nun für Gesprächsstoff sorgt. Vor rund zwei Wochen fuhr er die Cipressa, einen 5,6 Kilometer langen Anstieg mit einer durchschnittlichen Steigung von 4,1 Prozent in einer Zeit von 8:51 Minuten, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 38 km/h entspricht.
Im vergangenen Jahr benötigte Pogacar während des Klassikers Mailand-Sanremo sechs Sekunden länger, konnte Mathieu van der Poel aber nicht entscheidend distanzieren und wurde letztlich Dritter.
«Dieses Rennen bringt mich noch ins Grab»
Neben Paris-Roubaix ist der Klassiker Mailand-Sanremo das einzige der fünf Monumente des Radsports, das Pogacar noch nicht gewonnen hat. Fünf Mal hat er es versucht, fünf Mal ist er gescheitert. Einmal wurde er dort Zwölfter, dann Fünfter, dann Vierter und zuletzt zwei Mal Dritter. «Es ist das Rennen, das mich noch ins Grab bringen wird. Ich bin so nah dran, aber es ist so weit weg», sagte Pogacar über Mailand-Sanremo.
Dort sind weniger Kletterfähigkeiten und Explosivität denn Ausdauer, Tempohärte und Fahrtechnik gefragt. Mit seinen 65 Kilogramm ist Tadej Pogacar im Vergleich zu kräftigeren Fahrern ein Federgewicht.
Lange, aber wenig coupiert
Zwar ist «La Primavera», die Fahrt in den Frühling, mit 289 Kilometern das längste Rennen im Radsportkalender, topografisch mit 2100 Höhenmetern aber nicht sonderlich selektiv. Schon bei Rennhälfte erreichen die Fahrer mit dem Passo del Turchino (532 Meter über Meer) den höchsten Punkt.
Ab westlich von Genua führt die Strecke der ligurischen Küste entlang bis nach Sanremo. Neben dem Passo del Turchino folgen ab Kilometer 237 die drei Capi Mele, Cervo und Berta. Möglich sind Attacken bei der Cipressa mit durchschnittlich 4,1 Prozent Steigung auf 5,6 Kilometern 20 Kilometer vor dem Ziel und dem Poggio (5,5 km, 3,7 Prozent) 16 Kilometer vor dem Ziel. Die letzten drei Kilometer führen über breite und flache Strassen.
Van der Poels Sprintduell mit Amateur
Terrain, das Mathieu van der Poel besser liegt. Pogacar muss ihn vorher distanzieren. Dabei hofft er auch auf Helferdienste seines Teamkollegen Jan Christen, der sich bei Strade Bianche als Sechster in guter Form zeigte.
Filippo Ganna, Jasper Philipsen, Thomas Pidcock, Wout van Aert, Matthew Brennan und Isaac del Toro gelten als Kandidaten für Spitzenplätze. Doch den Sieg dürften Pogacar und Mathieu van der Poel unter sich ausmachen.
Auch der Niederländer erlebte im Training schon einen Schreckmoment. Im Dezember nahm der Sieger von 2023 und 2025 die Herausforderung eines Amateurs zum Sprint an – und stürzte beinahe. Dass er sich auf das Duell einliess, zeigt zugleich, was den Radsport so besonders macht.

