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Mathias Flückiger spricht bei Pressekonferenz über Doping-Vorwürfe

Berner Mountainbiker Mathias Flueckiger reagiert kurz vor einer Medienkonfenrez , am Donnerstag, 2. Maerz 2023 im Haus des Sports in Ittigen. Im Rahmen der Europameisterschaften in Muenchen wurde am 1 ...
Mathias Flückiger bei seiner Pressekonferenz.Bild: keystone

Mathias Flückiger und die Tage am Abgrund: «Hatte zum ersten Mal keine Hoffnung mehr»

Der 34-jährige Mountainbiker machte nach der Dopingmeldung die schlimmste Zeit seines Lebens durch und musste in einer Klinik neuen Lebensmut finden.
02.03.2023, 20:39
Rainer Sommerhalder / ch media
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Es sind Andeutungen, die Mathias Flückiger bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit 196 Tagen macht. Aber sie wiederholen sich während der zweistündigen Medienkonferenz am Donnerstag immer wieder. Und sie weisen darauf hin, wie es um den 34-Jährigen wirklich stand, nachdem ihm am 18. August 2022, am Tag vor dem geplanten EM-Start, im Teambus in München offenbart wurde, dass er wegen eines Dopingvergehens gesperrt wird.

Etwa seine erste Reaktion. Er habe nur noch verschwommene Erinnerungen, aber später sei ihm von seinen Schreien und von der Atemnot erzählt worden. Offensichtlich war der Berner nicht mehr in der Lage, zurück ins Teamhotel zu gehen.

Stattdessen wurde er von Nationaltrainer Bruno Diethelm zurück in die Schweiz transportiert. «Ich habe nie in meinem Leben einen zerrisseneren Menschen angetroffen als in diesen Stunden», sagt der inzwischen entlassene Ex-Coach. Flückiger sagt, er sei an diesem Tag eine Stufe vor dem Abgrund gestanden. «Alle positiven Emotionen in meiner Karriere waren in einem Augenblick wertlos.»

Berner Mountainbiker Mathias Flueckiger, Mitte, spricht neben Matthias Kamber, Wissenschaftlicher Berater Kamber Consulting, links, und Thilo Pachmann, Rechtsanwalt, rechts, an einer Medienkonfenrez , ...
Flückiger zwischen Berater Matthias Kamber (links) und Anwalt Thilo Pachmann.Bild: keystone

Waren sogar Gedanken an Selbstmord im Spiel?

Oder als der Olympiazweite von Tokio davon spricht, wie er in einem Zimmer mit weissen Wänden aufgewacht und alles einfach nur noch leer gewesen sei. «Ich war an einem sicheren Ort für meine Gesundheit.» Auch wenn er es nicht konkret beim Namen nennt: Mathias Flückiger befand sich in dieser Zeit in einer Klinik stationär in psychiatrischer Behandlung.»

Dass dies aus gutem Grund geschah, verrät der Sportler indirekt, wenn er sagt: «In den ersten Tagen war ich gar nicht mehr funktionsfähig. Ich habe nicht gewusst, ob ich diese Last überhaupt tragen kann oder sogar will. Doch heute bin ich dankbar, hier zu sein.»

Wie schlimm es um seine psychische Gesundheit nach diesem Schockmoment wirklich stand, wird auch offenbar, wenn der Oberaargauer erzählt, dass seine Freundin Lisa ihre Stelle als Lehrerin kündigte, um an seiner Seite zu stehen. Sie und sein älterer Bruder Lukas seien in dieser Zeit rund um die Uhr für ihn da gewesen. «Dafür bin ich ihnen ewig dankbar.»

Angst, was die Leute auf der Strasse von ihm denken

Die Spuren der anabolen Substanz Zeranol in seiner Dopingprobe anlässlich der Schweizer Meisterschaft im Juni 2022 bedeuteten für Mathias Flückiger den Beginn einer wahrlich epochalen Leidenszeit.

Dass man ihm nicht mehr geglaubt hat, sei für ihn das Schlimmste gewesen. Selbst wenn er auf seinem Handy, als er es vier Wochen nach dem verhängnisvollen 18. August erstmals wieder einschaltete, von Hunderten Nachrichten nur zwei wirklich negative gelesen habe, sei es ihm dennoch nicht möglich gewesen, nach draussen auf die Strasse zu gehen. «Es war die pure Angst, auf Leute zu treffen, die mich verurteilen.»

Der Blick in die Zukunft sei in dieser Zeit sehr schwierig gewesen. «Ich hatte das erste Mal in meinem Leben absolut keine Hoffnung mehr», sagt Flückiger. Nach zehn Tagen wagte er sich erstmals zusammen mit Lisa in den Wald. Der Wald sollte noch für viele Tage sein Zufluchts- und Sehnsuchtsort bleiben.

Erst als die Disziplinarkammer am 17. Dezember seine provisorische Sperre aufhob, schlug das persönliche Pendel erstmals wieder in Richtung Zuversicht aus. Zuvor konnte er sich nicht vorstellen, je wieder Rennen zu fahren. «Ich hatte grosse Mühe und auch Angst, das erste Mal wieder auf das Bike zu steigen. Es war und ist zwar eine riesige Leidenschaft, aber ich fürchtete mich davor, dass ich diese verloren hätte.» Aber letztlich war die Liebe zu seinem Sport grösser.

Flückiger startet am 19. März in Gränichen

Vergangene Woche weilte Flückiger mit dem Team in Spanien im Trainingscamp Er entschloss sich spontan, an einem Rennen teilzunehmen. «Auf einmal war mir klar: Es ist Zeit für den ersten Wettkampf. Ich hatte ein wenig Angst vor diesem Moment, aber ich wurde sehr warm und herzlich empfangen.» Sein erstes Schweizer Rennen bestreitet er in gut zwei Wochen im aargauischen Gränichen.

Mathias Flueckiger from Switzerland, during the UCI Cross Country Mountain Bike Race of Catalan Cup, on Sunday, February 26, 2023, in Banyoles, Spain...(KEYSTONE/Maxime Schmid)
Mathias Flückiger in Spanien.Bild: keystone

Aktuell nimmt er Tag für Tag, denn noch ist nicht klar, ob es zu einem ordentlichen Verfahren gegen ihn kommt oder nicht. Der 34-Jährige sagt dazu: «Wichtigstes Ziel ist, diese Geschichte eines Tages abzuschliessen und hinter mit liegen zu lassen. Ich will aber nicht, dass sie vergessen geht. Es bleibt ein Teil von mir.» (aargauerzeitung.ch)

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19 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Realmasterofdesaster
02.03.2023 20:48registriert September 2017
Ich dachte auch er sei „richtig“ positiv und habe anfangs nicht an seine Unschuld geglaubt, Asche auf mein Haupt… In dubio pro reo… ich hoffe auf eine erfolgreiche Fortsetzung seiner Karriere 👍
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Vipermaschine
02.03.2023 21:40registriert November 2018
Es ist schlicht ein Skandal, was sich die Swiss Sport Integrity und Swiss Cycling im Fall Flückiger geleistet haben. Ich hoffe inständig, dass das Ganze richtig schmerzhafte Schadenersatzansprüche von Seiten Flückiger nach sich ziehen wird. Das Leid, welches die unfähigen Spitzenfunktionäre Flückiger bereitet haben, ist kaum in Worte zu fassen.
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