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Nach schwieriger Zeit ist Stefan Küng bereit für die Flandern-Rundfahrt

epa10727137 Swiss rider Stefan Kueng of team Groupama-FDJ looks on before the start of the 5th stage of the Tour de France 2023, a 162,7km race from Pau to Laruns, France, 05 July 2023. EPA/CHRISTOPHE ...
Stefan Küng will wieder angreifen.Bild: EPA

Vor Flandern-Rundfahrt – Stefan Küng ist nach einer schwierigen Zeit zurück im Sattel

Stefan Küng hat bewegende Monate hinter sich. Nach einer Reihe von Schicksalsschlägen steht der Thurgauer Radprofi vor einer Saison voller Highlights. Die Flandern-Rundfahrt am Ostersonntag macht den Anfang.
31.03.2024, 08:2531.03.2024, 18:05
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Rückblende, EM-Zeitfahren im vergangenen September. Stefan Küng fährt blutüberströmt und mit komplett demoliertem Helm ins Ziel, nachdem er auf Medaillenkurs liegend im Blindflug in ein Absperrgitter gekracht ist. Der fürchterliche Anblick lässt einem den Atem stocken.

Für Küng endete damit eine Saison vorzeitig, die mit dem Tod von Landsmann Gino Mäder im Juni den absoluten Tiefpunkt erreicht hatte. Das schwere Unglück an der Tour de Suisse hat Küng komplett aus der Spur geworfen.

Die Saison 2024 ist noch kaum angelaufen, da trifft den Zeitfahr-Spezialisten Ende Februar erneut ein Schicksalsschlag. Er und seine Ehefrau Céline hätten im August ihr zweites Kind erwartet, doch das Ungeborene ist während der Schwangerschaft verstorben.

Lust auf gar nichts

In der ersten Woche nach der Fehlgeburt sei eine gewisse Fassungslosigkeit spürbar gewesen, sagt Küng im Gespräch mit Keystone-SDA. «Ich hatte Lust auf gar nichts.» Also auch nicht aufs Velofahren – sonst seine grosse Passion, die er sich vor mehr als zehn Jahren zum Beruf gemacht hat.

Küng grübelt, er weiss, dass bald die grossen Klassiker-Rennen anstehen. Im Hinterkopf hat er die unzähligen Stunden, die er über den Winter investiert hat, um 2024 seine Ziele zu erreichen. Es sei schwierig gewesen, das Ganze in einer solchen Phase zu verarbeiten. «Ich wusste, ich müsste eigentlich trainieren, merkte aber, es geht nicht.»

Stefan Kueng from Switzerland of Groupama-FDJ, right, hugs Sandra, the mother of the deceased racer Gino Maeder from Switzerland of Bahrain-Victorious, after a 20 kilometres ride from Tuelersee to Obe ...
Küng umarmt die Mutter des verstorbenen Rennfahrers Gino Mäder.Bild: KEYSTONE

Küng und sein Team entscheiden sich für eine Rennpause. Statt nach Italien zu reisen und sich dort bei Strade Bianche und Tirreno-Adriatico mit der Konkurrenz zu messen, bleibt er in Frauenfeld bei seiner Frau und dem eineinhalbjährigen Sohn. «Es war wichtig, dass ich eine relativ lange Zeit zu Hause sein konnte, um das Geschehene gemeinsam mit der Familie zu verarbeiten.»

Gelungene Hauptprobe in Flandern

Seither sind etwas mehr als drei Wochen vergangen. Mitte März ist Küng wieder in den Rennbetrieb eingestiegen. Anders als in den Jahren zuvor war in den ersten Klassikern dieser Saison auf seinem Resultatblatt lange «nichts Zählbares» dabei, wie er selbst sagte. In solchen Situationen gelte es, «Ruhe zu bewahren und cool zu bleiben, auch wenn einem das manchmal nicht leicht fällt».

Und prompt: Am Mittwoch folgte im belgischen Eintagesrennen «Quer durch Flandern» die erste Top-10-Platzierung in dieser World-Tour-Saison. Als Dritter fuhr Küng im letzten Test vor der Flandern-Rundfahrt vom Ostersonntag sogar aufs Podest.

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In Belgien feierte Küng einen Podestplatz.Bild: EPA

Damit bestätigte er auch, dass er für die richtig grossen Klassiker bereit ist. Eine Woche nach Flandern folgt mit Paris-Roubaix die Hatz übers Kopfsteinpflaster und damit Küngs Lieblingsrennen.

Küngs Resultate in den letzten zwei Austragungen dieser beider Rennen lassen sich sehen: Als Fünfter (2022) und Sechster (2023) in Flandern und als Dritter (2022) und Fünfter (2023) in Roubaix bewies er eine Konstanz auf sehr hohem Niveau. Doch für Küng ist klar: «Nochmals Fünfter oder Sechster zu werden, kann nicht mein Anspruch sein. Das Ziel muss es sein, aufs Podest zu fahren oder im besten Fall zu gewinnen.»

Schritt für Schritt und mit genug Pausen

Mit dem Gold Race endet für Küng Mitte April der erste Teil einer Saison, die für ihn viele Highlights bereithält – so zumindest der Plan. «Danach liegt der Fokus auf der Vorbereitung hinsichtlich der Olympischen Spiele. Das ist das grosse Ziel im Sommer.» In diese Phase fallen auch die Tour de Suisse und im Anschluss die Tour de France. Dann folgt ein dritter Block mit der Vorbereitung auf die Heim-WM von Ende September in Zürich.

epa11223641 Swiss rider Stefan Kueng of the Groupama - FDJ team signs in before the 115th Milan-Sanremo one-day cycling race, Pavia, Italy, 16 March 2024. EPA/ROBERTO BETTINI
Küng vor dem Rennen Mailand-Sanremo.Bild: EPA ANSA

Es sei wichtig, den Blick nicht zu weit nach vorne zu richten. «Es wäre falsch, jetzt immer nur an die Olympischen Spiele zu denken. Ich mag es, Schritt für Schritt zu gehen und auf etwas hinzuarbeiten.» Um für die Saison-Highlights im Sommer und Herbst optimal bereit zu sein, plant Küng diesmal längere Rennpausen einzulegen – einmal nach den Frühjahrsklassikern und auch nach Olympia.

Und wovon träumt er, wenn er an die beiden Grossereignisse im Sommer und Herbst denkt? «Träume hat man viele. Im Idealfall gewinnt man alle wichtigen Rennen, die man sich vornimmt», sagt Küng und geht dann kurz in sich. «Sicher ist eine Olympia-Medaille das Ziel. WM-Medaillen habe ich schon, von dem her muss an der WM der Titel das Ziel sein.»

Natürlich wisse er, wie schwierig es ist, diese Ziele zu erreichen. «Doch wenn ich sehe, wo ich in den Jahren zuvor war, dann messe ich mich an diesen Ansprüchen.» Oft schon war in den Zeitfahren das Glück nicht auf seiner Seite. In Tokio verpasste Küng eine Olympia-Medaille um vier Zehntelsekunden, an der WM 2022 in Australien fehlten weniger als drei Sekunden zum WM-Titel.

Fourth placed Stefan Kueng of Switzerland reacts after crossing the finish line during the men's cycling individual time trial at the 2020 Tokyo Summer Olympics at the Fuji International Speedway ...
An den Olympischen Spielen in Tokio landete Küng als Vierter knapp neben dem Podest.Bild: KEYSTONE

Für die Klassiker gut aufgestellt

Doch eben, wie Küng sagt: nicht zu weit nach vorne schauen. Erst stehen die Klassiker vor der Tür, und da sieht sich der Thurgauer als Leader im Team Groupama-FDJ gut gerüstet. «Wir sind in einer guten Ausgangslage. Wir haben in diesem Jahr mit Valentin Madouas (dem aufstrebenden Neuseeländer – die Red.), Laurence Pithie und mir drei Karten, die wir spielen können.» Das kann für den Schweizer am Sonntag in Flandern ein entscheidender Vorteil sein, um nicht bei jeder Tempoverschärfung die Lücke selber zufahren zu müssen und im Finish noch über genügend Energie zu verfügen.

Die Ronde lädt zum nächsten Duell der Musketiere

Zwei Wochen nach Mailand-Sanremo findet am Ostersonntag mit der Flandern-Rundfahrt der zweite Höhepunkt dieser Radsaison statt. Im populärsten Eintagesrennen in Belgien fehlt Vorjahressieger Tadej Pogacar. Der zweifache Sieger der Tour de France verzichtet heuer auf die Pavé-Klassiker und legt stattdessen im Hinblick auf eine Teilnahme bei Lüttich-Bastogne-Lüttich und dem Giro d'Italia ein weiteres Höhentrainingslager ein. Mit Wout van Aert fiel kurzfristig ein weiterer Sieganwärter aus, nachdem er sich am Mittwoch bei einem schweren Sturz im Eintagesrennen «Quer durch Flandern» mehrere Brüche zugezogen hatte.

In Abwesenheit des Slowenen und des Belgiers ist Mathieu van der Poel der Mann, den es am Sonntag zu schlagen gilt. Mit einem dritten Streich nach 2020 und 2022 könnte der Niederländer zu einer Vielzahl von Rekordsiegern aufschliessen. Zu diesen sechs Fahrern gehört mit Fabian Cancellara auch ein Schweizer. Der Berner überquerte die Ziellinie 2010, 2013 und 2014 als Erster.

(kat/sda)

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