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An den Olympischen Winterspielen in Peking ist er noch dabei. Was danach kommt, weiss Ammann noch nicht.
An den Olympischen Winterspielen in Peking ist er noch dabei. Was danach kommt, weiss Ammann noch nicht.Bild: keystone

Simon Ammann startet in die 25. Saison – was danach kommt, lässt er offen

Simon Ammann startet in seine 25. Saison als Skispringer – ob es tatsächlich seine Abschiedstour wird, will der 40-Jährige offen lassen. Ein Besuch bei den Einsiedler Schanzen.
09.11.2021, 09:1309.11.2021, 09:15
rainer sommerhalder / ch media

Es ist der erste richtig kalte Tag im November. Der Wind peitscht über die Einsiedler Schanzen. Er kündet Regen und Schnee an. Die Schweizer Skispringer müssen für ihr Training auf die kleine Anlage ausweichen.

Nur einer trotzt scheinbar dem garstigen Wetter. Simon Ammann versucht es von der grossen Schanze. Der Toggenburger quittiert seinen missratenen Sprung mit einem lauten Lachen. Oder war es ein Seufzer? Ammann kommt an diesem Morgen nicht richtig ins Fliegen. Ein Gefühl, das er bestens kennt.

Simon Ammann lebt als Sportler in einer einzigartigen Symbiose. Zum einen ist da dieser Traum, der ihn leitet. Der Traum vom Fliegen. Er begehrt den perfekten Sprung. Das treibt den 40-Jährigen seit vielen Jahren an. «Es ist die Suche nach diesem einen Moment, an dem alles zusammenkommt», sagt der dreifache Vater in diesem Frühjahr im Interview mit dem NZZ-Magazin. Die Überzeugung, ihn finden zu können, macht ihn zum vermeintlich ewigen Athleten.

Simon Ammann zwei Wochen vor der Saison 2021/22 an der Schanze in Einsiedeln.
Simon Ammann zwei Wochen vor der Saison 2021/22 an der Schanze in Einsiedeln.

Doch ein Träumer ist Ammann deswegen nicht. Um seine Utopie Wirklichkeit werden zu lassen, setzt der vierfache Olympiasieger auf eine Art konzeptionellen Realismus. Detailversessen wird alles analysiert, was zu einem besseren Ergebnis führen kann. «Jeder Sprung ist ein Rätsel, das es zu lösen gilt», sagt Ammann im besagten Interview.

Der perfekte Sprung als Mysterium

Um zu fliegen, hat er im Verlauf seiner Karriere an so jeder Schraube gedreht, die er finden konnte: die Technik, die Psyche, das Gewicht, der Ski, die Bindung, der Schuh. Abschliessend ist die Aufzählung nicht. Und weil es zumeist in mehreren Bereichen gleichzeitig geschieht, bleibt selbst im Erfolgsfall der Grund für das Gelingen oft ein Mysterium. Wenn die Annäherung ans perfekte Skispringen bei Simon Ammann aufkeimt, wie zuletzt bei seinem Podestplatz am Sommer-GP in Courchevel, dann steht letztlich doch wieder dieses einmalige Gefühl im Zentrum. Und nicht einfach die Folge einer einzelnen Massnahme.

Auch die Anfahrt gehört zur akribischen Analyse des Toggenburgers.
Auch die Anfahrt gehört zur akribischen Analyse des Toggenburgers.Bild: keystone

Ammanns symbiotisches Wirken zeigt sich auch an diesem tristen Novembertag. Erst seit wenigen Tagen kann er wieder springen, nachdem er sich im August bei einem Misstritt im Windkanal zwei Bänder im Fuss gerissen hat. Die Gründe, wieso es mit dem Fluggefühl noch nicht klappt, liegen zumindest für den Beobachter auf der Hand. Doch kaum ist das Training vorbei, schraubt der Toggenburger wieder am Sprungschuh. Um die immer noch schmerzenden Stellen auszuhalten, springt Ammann derzeit eine etwas weniger aggressive Einstellung in seinem Carbon-Modell. Auch diese gilt es zu optimieren.

«Ich muss die Richtung klar erkennen, in die es geht.»

Die Analyse seiner Sprünge, überhaupt die Analyse seines Wirkens, nimmt beim 23-fachen Weltcupsieger einen ausgeprägten Stellenwert ein. Sie war in der jüngsten Vergangenheit oft die Triebfeder, dass er seine Karriere jeweils fortsetzte. Seit jener emotionalen Pressekonferenz im Februar 2014 in Sotschi, als man nach missglückten Olympischen Spielen sogar einen spontanen Rücktritt Ammanns möglich hielt, stellt sich die Frage jeden Winter.

Der Glaube ans Gelingen bleibt

Ammann sucht auch dafür konzeptionelle Antworten. Er nimmt sich Zeit für eine Entscheidung, nicht selten über die ersten Trainingssprünge der neuen Saison hinaus. Und er schöpft ein fürs andere Mal Zuversicht und Motivation aus der Wahrnehmung der Analyse. «Ich muss die Richtung klar erkennen, in die es geht», sagt er.

Die Olympischen Spiele in Sotschi 2014 verliefen für Ammann nicht nach Plan.
Die Olympischen Spiele in Sotschi 2014 verliefen für Ammann nicht nach Plan.Bild: KEYSTONE

Auch diesmal wieder. Der 40-Jährige hat Hebel erkannt, die ihn auf höchstem Niveau konkurrenzfähig machen. Doch aktuell schwirren Fragezeichen in seinem Kopf herum. Weniger die Folgen der Verletzungspause. «Eine solche bietet immer auch die Chance, in anderen Punkten weiterzukommen», sagt Ammann. Einzig, dass die Heilung deutlich mehr Zeit erforderte als angedacht, hat den Toggenburger ein wenig aus dem Konzept gebracht. Prognosen, wie gross der Rückstand auf die Konkurrenz deswegen ist und bis wann er diesen wieder kompensieren kann, seien schwierig. «Ich versuche, es relativ gelassen zu nehmen.»

Es ist eine andere Sache, die ihn derzeit ein wenig stutzig macht. Amman vermisst bei sich dieses «freie Gefühl», die Freude an seinem Tun. Er wolle Skispringen, so lange er Spass daran habe, sagte er in der Vergangenheit immer wieder. Aber was, wenn dieser Spass verloren geht? Zuerst einmal darauf hoffen, dass es sich um ein vorübergehendes Phänomen handelt. Dass es nach einigen Wettkämpfen wieder ist wie immer. «Ich bin ein Wettkampftyp», sagt Ammann über sich.

In der Ruhe lässt sich träumen

Doch derzeit fühlt sich vieles streng an. Nicht nur diese ausgefüllten Tage. Das Training, das Studium in Betriebswirtschaft, der Umbau seines Hauses in Alt St.Johann, in welches die Familie Ammann im Frühling nach vielen Jahren in Schindellegi gezügelt ist. Für Simon die Rückkehr zu seinen Wurzeln. An einen Ort, an dem ihm das Träumen leichter fällt. «Es ist dieses Lebensgefühl, diese Ruhe an den Abenden, die mir Musse geben», sagt er.

Sein fortgeschrittenes Alter soll den 40-Jährigen nicht stoppen: «Ich versuche, es relativ gelassen zu nehmen.»
Sein fortgeschrittenes Alter soll den 40-Jährigen nicht stoppen: «Ich versuche, es relativ gelassen zu nehmen.»Bild: keystone

Er sei kein Mensch, der komplett durchgeplant durchs Leben gehe. Die Zeit bei seiner Familie im Toggenburg gibt ihm das Lebensgefühl, die Ruhe und den Rückhalt, um den Sturm des vollen Terminkalenders auszuhalten. «Es muss dir manchmal langweilig sein, damit dir der richtige Gedanke kommt», sagt er.

Aber nicht alle Hoffnungen erfüllen sich. Aus der Vorfreude auf sein neues Trainingsumfeld im Toggenburg sei keine anhaltende Motivation geworden. «Ich hätte mir schon erhofft, dass dies ein wenig nachhaltiger wird», gibt Simon zu. Bald wurde der Trainingsalltag auch dort «streng», er habe in der Summe mit eher kürzeren Trainings darauf reagiert.

Kein Mann des lauten Abschieds

Der Besuch bei Simon Ammann war geplant als Gespräch über seinen Abschied vom Skisprungsport. Wie es sich anfühlt, wenn man alles bewusst zum letzten Mal macht. Aber genau darüber will der Toggenburger nicht nachdenken. Am Tag, an dem Langläufer Dario Cologna seinen Rücktritt auf Ende Saison bekannt gibt, sagt Simon Ammann: «Ich habe vor zwei Jahren bekannt gegeben, bis zu den Olympischen Spielen in Peking weiterzumachen. Was danach kommt, weiss ich noch nicht mit Sicherheit.»

Treten Dario Cologna (links) und Simon Ammann gleichzeitig ab?
Treten Dario Cologna (links) und Simon Ammann gleichzeitig ab? Bild: IMAGO / Manuel Winterberger

Der Beziehungsstatus zu seinem Rücktritt lautet «höchstwahrscheinlich». Diese Formulierung verwendete er auch beim Abschied aus Courchevel im August. Ein Wettkampf, der ihm viel Energie gab. Aber jetzt über den Rücktritt reden? «Ich habe keine Lust, diese Gefühlswelten durchzugehen. Deshalb lasse ich Gedanken, ich sei auf einer Abschiedstour, gar nicht erst aufkommen.»

«Ohne diese Motivation wäre ich nicht mehr Skispringer.»

Überhaupt halte er nichts von einer grossen Party beim letzten Springen. Ob es tatsächlich sein letztes Springen gewesen sei, zeige sich vielleicht erst in einem ruhigen Moment im Sommer. Und wenn er dann auf einmal «super motiviert» sei, ja dann…

Die Motivation findet Simon Ammann immer wieder. Er trotzt damit den Rückschlägen und Tiefpunkten, die in den vergangenen Monaten nicht zu knapp auf ihn einprasselten. «Ohne diese Motivation wäre ich nicht mehr Skispringer», sagt er. Falls sie ihm grundsätzlich abhanden kommen würde, dann wäre selbst der Schweizer Rekord einer siebten Olympiateilnahme kein Faktor, um einfach irgendwie durchzuhalten.

Simon Ammann will seine Träume schon selbst festhalten. Und dazu setzt er einmal mehr auf die Ansätze seiner Analyse. Er springt jetzt mit kürzeren Skis und steht vor der Herausforderung, «dieses neue Flugsystem zu beherrschen.» Ein wichtiges Tool bleibt dabei der Skischuh. Am einfachsten wäre es für den 80-fachen Weltcup-Podestspringer, wenn er auf eine alte Stärke zurückgreifen könnte: seine Fähigkeiten als Wettkampftyp. «Aber das allein gelingt mir schon seit mehreren Jahren nicht mehr. Es nützt mir wenig, wenn andere Dinge nicht richtig funktionieren.»

Simon Ammann tüffelt immer wieder an seinem Material.
Simon Ammann tüffelt immer wieder an seinem Material. Bild: keystone

Sein erster Sprung in China

Vielleicht wird es sein wie fast immer in den vergangenen Wintern. Simon Ammann bleibt ein Suchender. Er jagt seinem Traum nach und hofft, dazu an den richtigen Schrauben zu drehen. Für die historische Reise an die Olympischen Spiele in Peking hat er einige davon bereits gefunden. Es wird selbst für ihn eine Premiere.

Der Toggenburger Bauernsohn ist in den vergangenen 25 Jahren zu einem wahren Weltenbummler geworden. Aber in China Ski gesprungen ist er noch nie: «Es wird eine grosse Herausforderung. Das Wetter, die Kälte, der Wind.» Er betrachte es jedoch als eine positive Möglichkeit, von seinen Erfahrungen aus Pyeongchang zu lernen und zu profitieren. «Es ist mir klar, was mich erwarten wird und ich gebe mich darin hin. Das Wichtigste bei jedem Wettkampf bleibt die richtige Kleidung, ein geeignetes Bett und gutes Essen.» Und ein Traum, den er einfangen will. (aargauerzeitung.ch)

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