Der «Plämpu» und 5 weitere Schweizer Highlights der letzten Olympischen Spiele in Italien
Der Plämpu
Die Entscheidung? Episch.
Das Gold-Interview? Legendär.
Wohl selten hat sich die Schweiz so über eine falsche Einschätzung gefreut wie über jene von SRF-Reporter Stefan Bürer. «Jacobellis ist zu weit weg. Ausser sie stürzt hier noch. Aber die wird sich das nicht mehr nehmen lassen», glaubt er kurz vor dem Ziel – so wie jede und jeder vor dem TV. Doch es kommt ganz anders.
Denn die erste Olympiasiegerin im Boardercross heisst: Tanja Frieden. Die Berner Oberländerin fährt der Silbermedaille entgegen, als sich die klar in Front liegende Amerikanerin Lindsey Jacobellis beim letzten Sprung zu einer Showeinlage hinreissen lässt und stürzt. Frieden rast an ihr vorbei zu Gold. Danach sorgt sie dafür, dass im Nu jeder in der Schweiz weiss, dass man eine Medaille auch als «Plämpu» bezeichnen kann.
Das Brüderduell
Snowboarder Philipp Schoch tritt als Olympiasieger 2002 zum Parallel-Riesenslalom an – und gewinnt in Turin (beziehungsweise im Austragungsort Bardonecchia) erneut die Goldmedaille. Brisant: Im Final steht dem Tösstaler sein Bruder Simon Schoch gegenüber.
Simon Schoch wird ein Jahr später die Revanche gelingen, als er Philipp im WM-Final des Parallel-Slaloms schlagen kann. Auch bei den Frauen geht Snowboard-Gold im Parallel-Riesenslalom an die Schweiz, Daniela Meuli siegt.
Sternstunde auf Eis
Am Eishockey-Turnier nehmen auch die Stars aus der NHL teil – und die Schweiz feiert zwei grosse Siege. Einem 3:2 über Tschechien mit Jaromir Jagr lässt die Nati einen glorreichen 2:0-Erfolg gegen Kanada folgen. Die Schweizer Tore schiesst mit Paul di Pietro ausgerechnet ein eingebürgerter Kanadier.
Ihr anderes Gesicht zeigt die Mannschaft von Ralph Krueger in der Folge. 2:2 gegen Deutschland, 3:3 gegen Italien und das chancenlose 2:6-Aus im Viertelfinal gegen Schweden (das sich in den Jahren seither längst zum Angstgegner der Schweizer Hockey-Nati entwickelt hat).
Full Full Full
Einen Salto mit Schraube nennt man beim Aerials «Full». Evelyne Leu reiht drei davon hintereinander, steht die Landung und wird Olympiasiegerin. Der «Full Full Full» ist der schwierigste Sprung, den es damals gibt, nur wenige beherrschen ihn. Dass Leu in der Entscheidung alles auf eine Karte setzt, wird mit Gold belohnt.
Hitchcock mit Stein und Besen
2:5 und 4:6 liegt die Schweiz im Curling-Final der Frauen gegen Schweden zurück, als im 10. End ein Zweierhaus gelingt und die Partie in die Verlängerung geht. In dieser haben die Schwedinnen das Recht des letzten Steins und diesen Vorteil können sie ausnutzen. Skip Mirjam Ott, Binia Beeli, Valeria Spälty, Michèle Moser und Manuela Kormann bleibt nach der 6:7-Niederlage die Silbermedaille.
Pirouetten-Party
Als amtierender Weltmeister zählt Eiskunstläufer Stéphane Lambiel natürlich zu den Anwärtern auf eine Olympiamedaille. Er hält dem Druck Stand – im Gegensatz zu manch einem Konkurrenten. Das drittbeste Kurzprogramm und die viertbeste Kür reichen für Silber hinter dem überragenden Olympiasieger Jewgeni Pljuschtschenko. Lambiel sorgt für die erste Schweizer Eiskunstlauf-Medaille seit 58 Jahren – bis heute die Letzte.
Alle Schweizer Medaillen von Turin 2006
Mit 5x Gold, 4x Silber und 5x Bronze belegt die Schweiz Rang 8 im Medaillenspiegel. Erfolgreichste Nation ist Deutschland (11-12-6).
🥇 Gold
- Tanja Frieden, Snowboard, Boardercross
- Evelyne Leu, Ski freestyle, Aerials
- Daniela Meuli, Snowboard, Parallel-Riesenslalom
- Maya Pedersen-Bieri, Skeleton
- Philipp Schoch, Snowboard, Parallel-Riesenslalom
🥈 Silber
- Stéphane Lambiel, Eiskunstlauf
- Martina Schild, Ski alpin, Abfahrt
- Simon Schoch, Snowboard, Parallel-Riesenslalom
- Curling, Frauen (Mirjam Ott, Binia Beeli, Valeria Spälty, Michèle Moser, Manuela Kormann)
🥉 Bronze
- Ambrosi Hoffmann, Ski alpin, Super-G
- Bruno Kernen, Ski alpin, Abfahrt
- Gregor Stähli, Skeleton
- Zweierbob (Martin Annen, Beat Hefti)
- Viererbob (Annen, Hefti, Thomas Lamparter, Cédric Grand)
Was sonst alles los war
Traurige Premiere im Frauen-Slalom: Erstmals geht ein Skirennen bei Olympischen Spielen ohne Schweizer Beteiligung über die Bühne. Sonja Nef und Marlies Oester haben mit Verletzungen zu kämpfen und geben vor bzw. während der Winterspiele ihren Rücktritt bekannt. Die zweite Garde ist zu schwach, um das Olympiaticket zu lösen.
Im Männer-Slalom tritt Giorgio Rocca als Favorit an: Er hat im Weltcup die ersten fünf Rennen der Saison gewonnen. Doch der Italiener zerbricht am Druck, er scheidet aus und so feiern die Österreicher, angeführt von Benjamin Raich, einen Dreifach-Sieg.
Dafür verpasst der Schweizer Ski-Erzrivale eine sicher geglaubte Goldmedaille in der Abfahrt. Der Franzose Antoine Dénériaz verdrängt Michael Walchhofer von der Spitze und sorgt für einen unvergessenen TV-Moment:
Im Skispringen sind die Spiele von Torino 2006 eine Art «Olympische Zwischenspiele» für Simon Ammann. Vier Jahre nach seinem ersten und vier Jahre vor seinem zweiten Doppel-Gold belegt der Toggenburger die Ränge 15 und 38.
Die Deutschen gewinnen zwar so viele Medaillen wie keine andere Nation – aber sie machen es teilweise als Belgier. Ausrüster Adidas hat dem deutschen Olympia-Team Mützen geliefert, Schwarz-Rot-Gold wurden in einer falschen Reihenfolge aufgedruckt.
Mit drei Goldmedaillen ist der deutsche Biathlet Michael Greis trotz falscher Kappe der zweiterfolgreichste Medaillenhamsterer der Spiele. Noch mehr Edelmetall schleppt der Südkoreaner Ahn Hyun-soo nach Hause, der Shorttracker gewinnt drei Mal Gold und ein Mal Bronze. Sogar fünf Medaillen staubt Cindy Klassen ab. Die Eisschnelläuferin verlässt Turin mit 1x Gold, 1x Silber und 3x Bronze in Richtung Heimat nach Kanada.
