So funktionieren die neuen Hightech-Anzüge im Eisschnelllauf
Nichts darf flattern. Der Anzug muss eine windschlüpfrige zweite Haut sein. In einer Sportart, in der in Hundertstelsekunden abgerechnet wird, zählt jedes Detail. Die Italienerin Francesca Lollobrigida feierte über 5000 m ihren zweiten Olympiasieg in Mailand – im neuen Anzug lag sie eine Zehntelsekunde vor der Zweitplatzierten.
Wo es so eng zu und her geht, kommt es einer Revolution gleich, wenn ein Hersteller verspricht, ein neuer Anzug sei wegen des geringeren Luftwiderstands acht Prozent schneller als herkömmliche Dresses. «Mit dem Anzug, in dem das niederländische Team in Mailand startet, beginnt eine neue Ära», kündigte Bert van der Tuuk im niederländischen Rundfunk NOS an.
Eisschnelllaufen ist in den Niederlanden sehr populär. Die «Schaatsers» sorgen seit Jahren dafür, dass sich die Flachland-Nation an Olympischen Winterspielen regelmässig weit vorne im Medaillenspiegel platzieren kann.
Ein Anzug wie ein Golfball
Der Hybrid-Anzug, der aus zwei Schichten besteht, hat allerdings seine Tücken. «Die innere Schicht wird so eng über den Körper gezogen, dass ein Athlet eine Viertelstunde braucht, um sie anzuziehen», sagte van der Tuuk, der Chef des Ausrüsters Sportconfex.
Auf dieser unteren Stoffschicht sind vertikale Rippen angebracht, in einem Abstand von einem Zentimeter. Darüber kommt eine zweite Lage, die diese Rippen wie eine zusätzliche Haut überzieht.
«Wenn ein Läufer in Bewegung kommt, beginnen diese Folien aufgrund des Luftwiderstands zu vibrieren», erklärt der Entwickler. «Dadurch entsteht ab 20 km/h eine Turbulenz um Arme und Beine. Die sorgt für einen geringeren Widerstand und damit für einen Vorteil.» Mit den kleinen Wirbeln verhält es sich ähnlich wie bei einem Golfball, bei dem die vielen Dellen dafür sorgen, dass er ruhiger durch die Luft fliegt.
Einsatz an der Nähmaschine
Vier Jahre lang wurde am Anzug getüftelt, rund 350'000 Euro steckten die Verbände der Niederlande, von Italien und Kanada in die Entwicklung. Ingenieure der Universitäten in Eindhoven und Ottawa waren beteiligt. Die Idee, die dem Radsport entliehen wurde, gab es schon vor den letzten Winterspielen, 2022 in Peking. Damals habe man aber den richtigen Stoff noch nicht gefunden.
Nun passt der Stoff – aber die Anzüge gehen oft kaputt. Van der Tuuk sitzt deshalb in den Katakomben der Eishalle häufig an seiner Nähmäschine, um Risse zu flicken. Der Designer spricht von einem schwierigen Balanceakt: «Der Anzug ist eng und leicht, aber dünner ist nicht unbedingt gleichbedeutend mit stärker.»
Beide Arme hinter dem Rücken
Doch nicht nur der Anzug verändert sich – auch die Lauftechnik vieler Athleten. War es auf dem 400 Meter langen Oval bislang Usus, in den Kurven mit dem rechten Arm zu schwingen, sieht man immer mehr Läufer, die ständig beide Arme hinter dem Rücken haben.
So lief der Norweger Sander Eitrem kurz vor den Olympischen Spielen damit Weltrekord und in Mailand gewann er Gold über 5000 m. Der Grund für die Umstellung ist simpel: Der Körper bietet weniger Angriffsfläche. Da die Kufen beinahe ohne Widerstand übers Eis gleiten, heisst das: je weniger Luftwiderstand, desto schneller.
«Läuft man eine ganze Runde mit beiden Händen auf dem Rücken statt mit einem freien Arm, macht das einen Unterschied von etwa vier Zehntelsekunden. Das ist ziemlich viel», sagte Wouter Terra, beim niederländischen Olympischen Komitee für Aerodynamik zuständig. Laut Erben Wennemars, einem mehrfachen Weltmeister, ist diese Technik «schneller, aerodynamischer und komfortabler» – auch wenn man sie neu erlernen muss.
Bei den letzten Olympischen Spielen in Peking war die Niederlande mit sechs Gold- und insgesamt zwölf Medaillen die mit Abstand erfolgreichste Eisschnelllauf-Nation. Diese Position wollen die «Oranje-Schaatsers» in Mailand halten – mit neuer Technologie am Körper und neuer Technik in den Kurven.
