Ueli Kestenholz ist tot – der Snowboard-Pionier war eine leise Ausnahme
Als Snowboarden in den 1990er Jahren noch als jugendliche Randerscheinung gilt und im alpinen Establishment eher belächelt als ernst genommen wird, ist Ueli Kestenholz bereits mittendrin. Der Berner Oberländer aus Thun gehört zu jener kleinen Gruppe von Pionieren, die einen neuen Sport nicht nur ausüben, sondern ihm Geltung verschaffen und 1998 in Nagano zum ersten Mal auf der Olympischen Bühne erscheinen. Die Bronzemedaille im Riesenslalom ist mehr als ein persönlicher Triumph: Sie markiert einen Moment der Anerkennung für seinen Sport. Für ihn.
Er wird nicht zum Aushängeschild einer Gruppe von sportlichen Revolutionären im Schnee, sondern zum Beweis, dass Präzision, Technik und Ernsthaftigkeit eben auch dort zu Hause sind, wo man sie lange nicht vermutet. 2000 und 2001 folgen ISF-Weltmeister-Titel. 14 Siege im Weltcup. Gold-, Silber und Bronze bei den Winter X Games in Amerika, fürs Prestige so bedeutsam wie Olympischer Ruhm.
Ueli Kestenholz bleibt nicht beim Etablierten stehen. Der sportliche Erfolg wird für ihn zum Ausgangspunkt. Er verlagert seine Aufmerksamkeit dorthin, wo sich Bewegung, Technik und Natur auf neue Weise verbinden: in die Luft, ins Hochgebirge, an die Schnittstellen zwischen Planung und Instinkt. Was bleibt, ist die Haltung des Snowboard-Pioniers: neugierig, präzis, unbeirrbar. Nach seinen dritten Olympischen Spielen (2006) wird er ein erfolgreicher Unternehmer. Er wird eine «Marke» als Extremsportler und Abenteurer. Es folgen Werbeaufträge, Filmproduktionen und Expeditionen.
Eine Begegnung mit Ueli Kestenholz im November 2023 in Zermatt charakterisiert ihn: Es schneit im Dorf, das Wetter ist garstig. Auf die erste Bahn nach oben wartet einer, der mit langen Haaren aussieht wie ein Rock’n’Roller der Berge. Noch ein bisschen cooler als alpine Skistars: Ueli Kestenholz.
Er ist Spezialist für Skifahren, Snowboarden, Speedriden oder Surfen, aber auch für alles, was neben Flugzeugen und Ballons fliegt und segelt. Er hat einen ganz besonderen Auftrag für ein Modeunternehmen, das sich hier bei der ersten Weltcup-Abfahrt als Sponsor engagiert: Mit dem Gleitschirm in den Zielraum einschweben und dem Sieger den Pokal in die Hand drücken. So das Rennen denn stattfinden kann. Kein Problem. Oder?
In der hochalpinen Welt von Zermatt ist nichts einfach und alles eine Herausforderung. Vieles ist in warmen Büros in den urbanen Zentren erdacht und geplant worden. Aber in der Ausführung draussen in der hochalpinen Wildnis kompliziert und schwierig.
Ueli Kestenholz ist nicht nur wegen des Wetters in Sorge. Er habe den Pokal, den er da vom Himmel herunterbringen soll, soeben zum ersten Mal in der Hand gehalten. «Ein Ungetüm und so schwer, dass ich noch gar nicht weiss, ob ich mit diesem Ding tatsächlich fliegen kann.»
Aber nun geht es erst einmal darum, herauszufinden, wie und wo das Fliegen mit dem Gleitschirm überhaupt möglich ist. Auch wenn jetzt kein Flugwetter ist, so kann er doch auf Ski das Gelände erkunden und bekommt eine Ahnung davon, wie die Winde wehen. Die Luftströmungen werden für ihn hier oben selbst bei schönstem Wetter eine ganz besondere Herausforderung sein.
Mehrere Tage minutiöser Vorbereitung also allein für ein Werbe-Spektakel am Rande, das – wenn es denn stattfinden kann – nur für ein paar Sekunden auf den TV-Schirmen sichtbar sein wird. So ist Ueli Kestenholz. So sehr der Nonkonformist die Freiheit auch liebt: Nichts überlässt er dem Zufall. Für die Sicherheit, für Präzision, für das Gelingen tut er alles. Diese Haltung machte ihn aus: die Ernsthaftigkeit hinter dem Abenteuer, die Ruhe hinter dem Risiko.
Ueli Kestenholz lebte für die Berge und die Luft – nicht leichtsinnig, sondern mit klarem Blick und grosser Hingabe. Sein Tod hinterlässt eine schmerzliche Lücke. Erinnern werden wir uns an einen Menschen, der Grenzen nicht suchte, um sie zu provozieren, sondern um sie zu verstehen.
Was ihn auszeichnete, war die Verbindung von Pioniergeist und Verantwortung. Er wusste, dass die Berge keine Kulisse sind. Sie verzeihen keine Nachlässigkeit. Auch nicht jenen, die ihnen seit Jahrzehnten nahe sind.
Ueli Kestenholz ist bei einem Lawinenunglück ums Leben gekommen. Sein Tod ist erschütternd – und doch steht er in tragischem Einklang mit einem Leben, das stets in der Auseinandersetzung mit Natur und Grenze stattfand. Nicht aus Leichtsinn, sondern aus Respekt.
Er hinterlässt mehr als sportliche Erfolge. Er hinterlässt ein Verständnis von Freiheit, das Disziplin voraussetzt, und von Abenteuer, das ohne Ernsthaftigkeit nicht zu haben ist. In einer Zeit, in der das Extreme oft zur Attitüde verkommt, war Ueli Kestenholz eine leise, glaubwürdige Ausnahme.
