Tatort
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Bild: WDR/Uwe Stratmann

«Tatort» Köln

Danke, wir kennen Köln

Ballauf und Schenk müssen als Handlanger für eine anschliessende Talkshow moralische Empörung darstellen: «Ohnmacht» heisst der desaströse «Tatort», der das mediale Schockerthema Jugendgewalt nicht annähernd verarbeitet bekommt.



matthias dell

«Verstehe, papierloses Büro», sagt Staatsanwalt von Prinz (der 2013 verstorbene Christian Tasche in seinem vorletzten Kölner Auftritt). «Laughing out loud, brüllendes Gelächter», erklärt Fab Five Freddy Schenk (Dietmar Bär). Zwei Sätze, die den selbstgewählten Platz des «Tatort» im öffentlichen Gespräch illustrieren: Die beliebte Sonntagabend-Krimireihe gibt sich als Kehrmaschine, die immer hinterher ist und stolz, wenn sie ein diskursives Fundstück aufgelesen hat, das der Zuschauerin von anderswoher bekannt vorkommt. Also wird die Erklärung eines SMS-Akronyms aus der Wikipedia-Übersicht gecopied und dem Kommissar in den Dialog gepasted.

Das Traurige daran – und noch lange nicht das Traurigste an «Ohnmacht», einer der vermutlich traurigsten Folgen aller Zeiten – ist die mangelnde Ambition. Dass so ein «Tatort» nicht die «Gier» (Oliver Kahn) hat, selbst einmal mit einem Treffer in Führung zu gehen, anstatt immer nur auszugleichen: etwas zu erzählen, zu schaffen, zu prägen, das den Leuten, die während des Films auf Twitter oder am nächsten Morgen im Trämmli oder Büro über den «Tatort» reden, Respekt abnötigen, auf eine neue Idee, eine neue Formulierung bringen würde.

Dass der «Tatort» zum Darüberreden gemacht ist, weiss «Ohnmacht» (WDR-Redaktion: Frank Tönsmann) besser als andere «Tatort»-Folgen. An den Film schliesst sich die «Günther Jauch»-Diskussion diesmal nicht nur chronologisch, sondern thematisch an. Das verspricht einen Relevanztransfer in beide Richtungen, und es wird nicht nur einen Jungdynamo auf der Entscheiderebene geben, der mit knackiger Power-Point-Präsentation belegen kann, wie noch superer der träge Zuschauerquotenbrei sich vom Darling «Tatort» in die Anschlussverwendungsform «Günther Jauch» giessen lässt. Für Romantiker des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wäre es am Rande interessant zu wissen, ob der Hinweis, dass in diesen Tagen durchaus andere Themen von Bedeutung diskutiert werden könnten als selbstgebackene Aufreger, ARD-intern überhaupt noch zu Protokoll gegeben wird. Realisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens würden einwenden, dass «Günther Jauch» sowieso nicht dazu da ist, Bildungsauftrag zu performen. Sondern Unterhaltung.

Die konsequenteste (und preiswerteste) Lösung wäre freilich gewesen, «Günther Jauch» gleich im «Tatort» stattfinden zu lassen. Denn moralisch empörter als «Ohnmacht» selbst kann keiner der Teilnehmer der Runde (diesmal immerhin ohne Schauspielerinnen, die aus der Erfahrung ihrer Rollen sprechen) mehr sein: Wie Ballauf (Klaus J. Behrendt) abends auf verwaiste Bolzplätze rennt, um extra dort wartenden Problemjugendlichen wie Kai (Robert Alexander Baer) dann doch noch mal den Marsch zu blasen, zu dem es beim Erstkontakt nicht reichte. Wie der Kai-Vater angemacht wird («Dann setzt man überhaupt keine Grenzen mehr») bei dem Auftaktverhör, als ob die Polizei gleichzeitig Super-Nanny sein müsste. Wie allen Ernstes erwachsene Polizisten hämische Kindergarten-Überbietungsspiele mit 18-Jährigen spielen («Jura in Theorie und Praxis») – es ist alles so: traurig.

«Moralische Empörung ist von der Axt nur der Griff», heisst der vielleicht interessanteste Satz aus «Ohnmacht». Wobei wir nicht sicher sind, den richtig verstanden zu haben, weil «Moral» und «Axt» sich so schwer zusammen denken lassen. Und ausserdem ist «Empörung» vielleicht nicht der beste Rat für die Lösung eines komplexen Problems – glaubt der «Tatort» feat. «Günthi Jauch» ernsthaft, dass wenn «wir» alle nur dauerhaft und öfter und härter empört wären über die schlimme Jugendgewalt, dass die wegginge als (medial gepimptes) Problem?

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Die Paradoxie dieses «Tatort» besteht darin, dass er billigster Pulp ist, aber hinter jedem noch so grossen Plausibilitätsloch in der Geschichte das Ressentiment drohend hervortritt, dass es in Wirklichkeit doch so sei. Zumindest thematisch. Also es gibt doch diese krasse Jugendgewalt, und die ist ein Problem, und auch wenn hier nicht alles ganz genau stimmt (wo kommt am Ende der Auflösungsfilm von der Handykamera her, von dem es ein paar Sekunden vorher noch hiess, man habe ihn nicht?), ist es doch wichtig, also das Thema, und dass das nicht verschwiegen wird – so geht der Zirkelschluss der Selbstlegitimation. Oder um es etwas drastischer zu sagen: So funktioniert mediale Onanie. «Ohnmacht» dient nicht als Gesprächsgrundlage, sondern als, mit Verlaub, Wichsvorlage eines wohlfeilen Emo-Alarmismus, der der Zuschauerin Angst einjagen will.

Wie soll man aber einem Film irgendetwas glauben, der so hanebüchen gestrickt ist? Schon das fiktive Boulevard-Blatt im Film («Rheinland Kurier») ist pure Fantasie: Hat die grossen, roten Buchstaben vom «Express», dazwischen aber Bleiwüsten, die in der NZZ selten geworden sind. Mag ein Detail sein, sagt aber etwas darüber aus, wie ernst Leute ihre Arbeit nehmen. Zumal man das hätte wissen können: Drehbuchautor Andreas Knaup hatte bei seinem «Tatort»-Debüt eine solche Stasi-Räuberpistole vorgelegt, dass man sich fragen muss, wieso ausgerechnet der verpflichtet wird, wenn es um Wirklichkeitsanlehnung geht. Die Frage von Ballaufs Befangenheit wird mal so, mal so behandelt, kommste heute nicht, kommste morgen, und wie das in echt wäre – keine Ahnung. Aber dass diese Untersuchungsrichterin (Stephanie Japp) die viel zu lasche Policy gegen Problemjugendliche so exakt, präzise und genau verkörpert, wie wir das aus dem richtigen Leben kennen – das ist dann so? Reflektiert Regisseur Thomas Jauch, der sich mit dem Film über Gewalt empört, dass seine Bilder (Kamera: Clemens Messow) auf diese Gewalt ziemlich abgehen? Man wünschte sich, Corinna Kirchhoffs Mutter hätte ihr dauerndes «Das dürfen Sie nicht» nicht erst auf dem Revier rausgeholt, sondern sich damit schon gegen Buch und Regie geschützt.

Bezeichnenderweise kommt Migration, die boulevardmedial mit Jugendgewalt doch eigentlich verklumpt ist, nicht vor. Warum? Weil man Angst hat, sich an dem Thema im Staatsfernsehformat die Finger zu verbrennen. Nicht zu Unrecht – denn mit den limitierten reflexiven Fähigkeiten von einem Drehbuchautor wie Knaup wäre Migration hier nur als das Ressentiment erzählt worden, als das man sie aus den Schmähungen von Thilo Sarrazin und seiner Freunde kennt (und nicht etwa als Teil einer sozialen, gesellschaftlichen Realität, in der man Leute, die nicht aussehen wie man selbst, nicht zwingend rassistisch darstellen müsste). Grösstes Warum nun aber: Wenn man den eigenen Fähigkeiten, eine solche Geschichte zu erzählen, derart misstraut, wieso lässt man es nicht gleich ganz?

Als Erklärung, warum die Wohlstandskinder, die alles haben, gewalttätiger werden als die Wohlstandskinder, die Geigenkästen tragen, taugt dann nur noch künstliche Befruchtung («Die Zeugung, kalt und technisch»). Da bleibt einem die Spucke weg! Vermutlich hätte das alte «Dischkussionskäschperle» (Selbstauskunft) Sibylle Lewitscharoff selbst nicht geglaubt, dass die Dresdner Rede von den «Halbwesen» so schnell vom Fernsehen verfilmt würde. Wenn Vati (Felix von Manteuffel) nach einem Theaterabend erfolgreich Mutti (Kirchhoff) besamt hätte, wäre beider Janine (Nadine Kösters) die blonde Unschuld geworden, die sie für die Kommissare spielt? Und nicht die teuflische Täterin, die den «Sieg» dann mit perversem Sex zu dritt «feiert»?

Man kann verzweifeln über diesen «Tatort». Auch weil man das Gefühl nicht los wird, dass der reaktionäre Unsinn, der da zusammenfantasiert wird, nicht beabsichtigt ist, sondern dem Film eher passiert. Aber vielleicht unterschätzen wir die politischen Ansichten der Verantwortlichen. Immerhin beschreibt der Titel deren künstlerische Fähigkeiten im Verhältnis zum Stoff ziemlich gut: «Ohnmacht».

Ein Hinweis, der einen Beschwerdebrief an die «Tatort»-Macher anführen könnte: «Sie haben Ihre Kompetenzen überschritten».

Ein Sprachgebrauch, den man im Land der Judenvernichtung durchaus überdenken könnte: «Sonderbehandlung für den Knaben».

Ein Satz, der sich vorm Schönschreibwettbewerb gedrückt hat: «Das dürfte Ihnen ja hinlänglich geläufig sein».

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