«Nur noch krank!» – am ESAF kosten zwei Nächte im Wohnwagen 2500 Franken
Sechseinhalb Meter lang und gut zwei Meter breit, ein kleines Doppelbett, eine Kochnische, ein winziges WC. Eine Dusche gibt es nicht. Kostenpunkt: über 2500 Franken. Für zwei Nächte im Wohnwagen.
Dieses Angebot fand sich so in den letzten Tagen auf Airbnb. Der Wohnwagen steht in Mollis im Kanton Glarus. Dort findet vom 29. bis zum 31. August das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest statt. Während eines Wochenendes strömen 350’000 Menschen ins Glarnerland. Das Stadion auf dem Flugplatz Mollis fasst 56’500 Menschen, es ist die grösste provisorische Arena der Welt.
Mollis hat rund 4000 Einwohnerinnen und Einwohner. Sind sie für den Besucheransturm aus der ganzen Schweiz gewappnet? Freuen sie sich darauf oder machen sie es wie viele Zürcherinnen und Zürcher, die die Stadt während der Street Parade jeweils fluchtartig verlassen? Und: Was halten die Molliserinnen und Molliser davon, dass sich Leute aus ihrem Dorf am Schwingfest bereichern wollen? watson hat sich im Dorf umgehört.
Es ist Dienstagmorgen, noch drei Tage bis zur Eröffnung des Schwingfests. Auf der Hauptstrasse, die von Näfels durch Mollis und dann weiter über den Kerenzerberg führt, drängen sich schon jetzt die Autos. Nummernschilder aus Zürich, Bern, St.Gallen. Solche aus Glarus sind in der Minderzahl.
«Das wird ein Riesenpuff geben», sagt Ernst Blatter. Mollis sei auf solche Menschenmassen nicht vorbereitet, findet der Rentner, der 40 Jahre in einer Giesserei im Tösstal gearbeitet hat. Blatter findet:
Der Rentner schätzt die Ruhe seiner Heimat. Für das Schwingfest kann er sich dementsprechend wenig begeistern: «Ich mache diese Woche noch einen Grosseinkauf, so dass ich das Haus während des ganzen Wochenendes nicht verlassen muss.»
Die Sorge vor einem Verkehrskollaps ist in den Gesprächen, die watson mit den Dorfbewohnerinnen und -bewohnern führt, allgegenwärtig. Sie ist nicht unbegründet. Von der Autobahnausfahrt führt eine einzige Hauptstrasse nach Mollis hinein. Dieses Nadelöhr müssen alle Autos passieren, die zum grossen Parkplatz neben dem Festgelände wollen. Der Bahnhof Näfels-Mollis hat zwei Gleise. Für das Festweekend haben die SBB ein zusätzliches Perron aus Holz gebaut.
Damit sich keine kilometerlangen Staus bilden, verlangen die Organisatoren den Einheimischen einiges an Opfern ab. So sollen sie das Auto während des Fests nicht benutzen. Die Kinder haben am Freitag schulfrei, die Molliser sollen, wenn immer möglich, aus dem Homeoffice arbeiten.
Jelica Bogdanovska hat kein Problem damit, dass wegen des Eidgenössischen alles ein bisschen chaotischer ist als sonst. «Ist doch gut, wenn hier mal etwas läuft», sagt die Mazedonierin, die in der Konditorei Müller an der Verkaufstheke arbeitet. Sie stört sich mehr daran, dass einige Leute aus Mollis ihre Wohnung zu astronomisch hohen Preisen vermieten.
Gemäss der Online-Vergleichsplattform Wohnradar kostet eine durchschnittliche Dreizimmerwohnung in Mollis aktuell 946 Franken. Ein Vermieter aus Mollis will nun aber 1716 Franken – für zwei Nächte. Eine Vierzimmerwohnung gibt es für den gleichen Zeitraum für 2631 Franken. Eine Anbieterin will für ihr Zimmer 850 Franken fürs Wochenende.
Mietwucher in Mollis vor dem ESAF
«Das ist doch nicht mehr normal», findet Bogdanovska. Sie lebt zusammen mit ihren beiden Töchtern in Mollis. «Ich habe den beiden im Scherz gesagt, sie sollen sich für das Wochenende eine andere Schlafgelegenheit suchen. Dann können wir mit den beiden Zimmern auch das grosse Geld machen.»
Kafi und Gipfeli kosten in der Konditorei Müller 5.20 Franken. Werden auch sie die Preise fürs Eidgenössische anpassen? Bogdanovska winkt lachend ab. Ohnehin könne sie nicht abschätzen, wie viele Schwingfans sich in die Konditorei verirren werden. Der Fussweg, der vom Bahnhof zum Festgelände führt, zweigt schon weiter oben an der Hauptstrasse ab.
Hotels profitieren nicht
In Mollis wittern viele das Geschäft ihres Lebens. Ausgerechnet Cédric Bertrand, der das ganze Jahr über sein Geld damit verdient, Zimmer zu vermieten, profitiert nicht. Der Franzose führt seit 13 Jahren den Gasthof zum Löwen im Dorfkern von Mollis. «Unsere Zimmer sind für das Festwochenende schon seit dreieinhalb Jahren ausgebucht», sagt Bertrand. Der Preis ist der reguläre: 162 Franken für ein Doppelzimmer inklusive Frühstück. Bertrand kritisiert die horrenden Preise privater Vermieter: «Die Leute haben das Gefühl, sie können jetzt über Nacht zu Millionären werden.» So funktioniere das aber nicht, für ihn schon gar nicht: «Als Hotelier muss ich langfristig denken. Ich will zufriedene Gäste.»
Das Festgelände befindet sich etwa anderthalb Kilometer südlich vom Dorfkern auf der Lande- und Startbahn des Flughafens Mollis. Drei Tage vor dem Fest herrscht geschäftiges Treiben. Die Standbetreiber bauen ihre Imbisswagen auf. Freiwillige bringen Wegweiser und Info-Plakate an. Soldaten der Schweizer Armee stellen ein Sanitätszelt auf.
Schon vor der Eröffnung zieht das Fest viele Schaulustige an. Anina, Melanie und Lisa Renngli sind aus dem Entlebuch angereist, um sich den Gabentisch, die Arena und den Muni Max, den riesigen Holzstier, anzuschauen. Das Schwingfest selbst werden sie nicht besuchen. Wie viel wären sie bereit, für zwei Nächte in einem Wohnwagen zu bezahlen? 100 Franken, vielleicht 200, antworten die drei Freundinnen. Als Lisa den Preis von über 2500 Franken hört, sagt sie: «Da würde ich eher zwei Nächte durchmachen, als diesen Preis zu bezahlen!»
Sepp, ein anderer Festbesucher, schaltet sich ein. «2500 Franken für ein Wochenende im Wohnwagen? Krank, das ist nur noch krank!» Da könne man auch mit dem Helikopter hin- und zurückfliegen, frotzelt Sepp.
Der Vermieter des Wohnwagens hat jemanden gefunden, der bereit ist, diesen Preis hinzublättern. Zumindest bestätigt er das watson gegenüber am Telefon. Der Architekt aus dem Kanton Zürich ist überzeugt, den Gästen «ein cooles Angebot» zu machen. «Der Wohnwagen befindet sich nur fünf Minuten vom Festgelände entfernt, das ist unschlagbar.»
Nach dem Gespräch mit watson hat der Vermieter sein Angebot angepasst. Eine Nacht kostet jetzt nur noch 576 Franken. Dafür muss man den Wohnwagen neu für mindestens drei Nächte buchen.
