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Luzern-Tatort «Zwischen zwei Welten»

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Bild: ARD

Ein Ehemann, der gestorben ist

Luzern sieht gut aus wie selten: In «Zwischen zwei Welten» ermitteln Flücki und Liz Ritschard im schwierigen Umfeld von Väterrechtlern und Hellsehern mit gutem Gleichmut.



matthias dell

Den Schweizer Tatort guckt man in der deutschen Version wie durch eine Glasscheibe. Grund dafür ist «diese emilisierende und genitivfreie Synchronisation», die ganz unabhängig davon, was sie über das Bild der Schweiz north of Bodensee sagt, ästhetisch ein Graus ist. Der Luzerner Tatort mit Reto «Beau Visage» Flückiger (Stefan Gubser) hat es also eh schon schwer von hier aus betrachtet, er hat es sich bislang aber auch nicht leicht gemacht. 

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Mühsame Folgen liegen seit dem allermühsamsten Debüt hinter uns. Weshalb durchaus erleichtert festgestellt werden kann: «Zwischen zwei Welten» (SRF-Redaktion: Maya Fahrni) gehört, neben der Dani-Levy-Folge von vor einem Jahr, zu den Highlights des immer noch recht jungen Schauplatzes. 

«Die Folge hat sich überlegt, wie sie auf die Strasse geht: chic.»

Erklärung ist ähnlich: Die Folge (Buch: Eveline Stähelin, Josy Mayer, Regie: Michael Schaerer) hat sich vorher überlegt, wie sie auf die Strasse geht: chic. «Zwischen zwei Welten» hat einen Look, wie nicht nur die Modeszene sagt, der Luzern gut aussehen lässt. Der hübsch angejahrte Beton ist schön ins Bild gerückt, überhaupt bekommt man ein Gefühl fürs Draussen, für Wege und Bewegung. Das ist ja nicht in jedem «Tatort» so. 

Getragen wird der Style vor allem von zwei Gewerken, von der Musik (Lorenz Dangel), die so präsent ist, dass man gegen Ende, wenn Flücki von der Grossangst seiner Midlife-Crisis erzählt, die Stille hören kann vor dem Geklapper der anderen Gäste im Lokal. Und von der Kamera (Stéphane Kuthy), die ihren Dezenz-Manierismus konsequent durchzieht. 

Eine der besten Szenen ist die erste Begegnung mit dem Hellseher, der den Thomas-Mann-Zauberberg-esken Namen Pablo Guggisberg (Grégoire Gros) trägt, die Predigt vor den verwitweten Ladies. Da macht die Distanz zur Attraktion Sinn, weil sie die Distanz von Flücki und Liz Ritschard (Delia Mayer) ist; das Unwohlsein, die Scham ob all der merkwürdigen Vorgänge, des gefühlten, dann aber auch wieder versöhnlichen Nepp, den so ein Guggisberg performt, wird eher angedeutet, nicht ausgespielt. 

Überhaupt ist der Hellseher eine hochinteressante Figur. Eine Art Eso-App auf zwei Beinen, die mit ein wenig mehr Humor («Wofür arbeiten wir dann noch?») als Tool von Polizeiarbeit noch stärker hätte reflektiert werden. Dass er tatsächlich zur Lösung des Falls beiträgt (den ersten Anstoss gibt, die suicidal Tochter ortet), könnte von weniger humorvollen Fernsehwächtern als PR für Okkultism und Esoterik beklagt werden. 

«Etwas inadäquat ist lediglich der Umgang mit den Bildern der durch Gewalt zu Tode gekommenen Frau.»

Man kann daran aber den grossen Gleichmut der Folge schätzen, tendenzielle Spinner nicht immer nur zu verraten an ihre Parallelweltgeschichten. Wenn man länger drüber nachdenkt, steckt in der Figur auch eine NSA der Gefühle – und Überwachung durch emotionale Verlinkung scheint auf den ersten Blick ein sympathischeres Programm als die stumpfe Fron von Algorithmen in den Server-Farmen, in denen nie jemand gewesen ist. 

Der Gleichmut von Luzern gilt auch dem «Thema», dessen Behandlung für «Zwischen zwei Welten» einnimmt: «Väterrechte und feministische Dominanz», um es aus der sprachlich hochgerüsteten Perspektive der einen Seite zu sagen. Die ebenfalls nicht plump verraten, sondern zugelassen wird. 

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Dass der «Tatort» nicht recht Partei ergreift für die eine oder andere Seite ist eine Leistung, die durch das Drei-Väter-Modell möglich wird: Es konfrontiert in der überhitzten Diskussion mit vielen verschiedenen Vorstellungen von Vätermann und Mutterfrau. Etwas inadäquat ist lediglich der Umgang mit den Bildern der durch Gewalt zu Tode gekommenen Frau, auf den Anna Prizkau unlängst interessant abgehoben hatte und der zum gleichen Komplex wie das Phänomen «Väterrechtler» gehört: der relativen neuen Frontlinienziehung im Battle der Geschlechter vor dem Hintergrund der Gleichstellung

«Flücki will uns in den Szenen, in denen er persönlich wird, noch immer nicht so gefallen – vielleicht liegt das aber auch an dieser schrecklichen Synchronisation».

Die Investigation betreibt der «Tatort» eher standardisiert. Obwohl es Momente von Arbeitsandeutung gibt (wie Flücki die Croissantkrümel vom Schreibtisch wischt!), wie das schwungvoll durch den Schnitt choreografierte Wohnungsdurchsuchungsballett am Anfang und sich hier und da Eigensinn in die falsche Richtung herausstellt (wie Lizzie ihrem Verdacht nachgeht), besteht die Ermittlung grösstenteils doch aus dem eher langweiligen Modus, den Verdächtigen die neuesten Erkenntnisse auf den Kopf zuzusagen in der Hoffnung, dass sie sich dann verraten mit einem schlechten Argument. 

Das ist eher das Geschäft von Talkshows wie «Günthi Jauch» im Anschluss. Flücki will uns in den Szenen, in denen er persönlich wird, noch immer nicht so gefallen – vielleicht liegt das aber auch an dieser Synchronisation, dieser schrecklichen. Ein Vorteil des Online-Journalismus, der unbedingt in die gängigen Thesenpapiere aufgenommen werden muss (dass man mit diesem Verdächtigungsfeld nichts zu hat): «Das Opfer muss kurz vor dem Tod ein frisches Druckerzeugnis in der Hand gehabt haben oder mit einem Drucker in Berührung gekommen sein.» 

Eine journalistische Überlegung, die vor dem grossen, noch zu schreibenden Lothar-Matthäus-Porträt stehen könnte: «Dann müssen wir halt die Ex-Frauen befragen.» Ein Satz für jede Gelegenheit: «Morgen machen wir den Sack zu.»

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