Zwischen nackten Busen und Ländler-Musik – wie die SRG unabhängig wurde
«Zwangsgebühren finanzierter Staatssender», «tendenziöse Berichterstattung», «Fake News», «links-grüner Aktivisten-Journalismus» – mit diesen Schlagworten greift die SVP die SRG seit Jahren an.
Am 8. März bringt die Volkspartei ihre Drohgebärden an die Urne. Die sogenannte SRG-Initiative verlangt: Die Radio- und Fernsehgebühren sollen von 300 auf 200 Franken pro Haushalt gesenkt und Unternehmen ganz von der Abgabe befreit werden.
Den Vorwurf, parteiischen Journalismus zu betreiben, musste sich die SRG schon in der Vergangenheit anhören. Von linker wie von rechter Seite. Am Ende war es jedoch der Volkswille, der die SRG zu dem machte, was sie heute ist. Das zeigt der zweite Teil der watson-Serie über die Geschichte der SRG.
Jugendkrawalle und Vietnamkrieg
Wir gehen zurück in die Zeit des Kalten Krieges, in die 1960er-Jahre. Die Schweizer Jugend liest die kommunistischen Theorien von Marx und Mao. Sie hört Rockmusik. Und sie träumt von Freiheit. Einem Leben ohne unangekündigte «Zahnbürsteli-Kontrollen» der Polizei, die so sicherstellen will, dass bloss kein unverheirateter Mann mit einer unverheirateten Frau zusammen wohnt.
Im Konkubinat zu leben ist verboten. Auch Abtreibungen sind strafbar. Frauen besitzen kein Stimmrecht. Männer können ihren Ehefrauen verbieten, einer bezahlten Arbeit nachzugehen. Die Polizei führt Register über Homosexuelle, Freier und Kommunisten. Und unter den Jungen wächst die Wut über dieses System.
1965 hält erstmals in der Geschichte der Menschheit ein Krieg in Echtzeit Einzug in den Wohnzimmern der Schweizerinnen und Schweizer: der Vietnamkrieg. Unzensiert macht dies die «Tagesschau» im Fernsehen möglich. Die Bilder mobilisieren.
1968 gipfelt die Unzufriedenheit der Jungen mit dem «Establishment» in Demonstrationen in der ganzen Schweiz. Feministinnen fordern die Gleichstellung von Mann und Frau. Schwule und Lesben ein Leben ohne Angst. In Locarno besetzen Demonstrierende ein Lehrerseminar. In Zürich kommt es zum «Globus-Krawall», bei dem Polizisten mit Knüppeln und Demonstrierende mit Ziegelsteinen aufeinander losgehen.
Ausgerechnet in diesem Klima erkämpft sich die SRG neue Ressourcen und Freiheiten. Ganz besonders im Fernsehen.
Provokatives Fernsehen
Seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat der Bund in den Ausbau der Fernsehtechnologie investiert. Den Auftrag, Fernsehstudios und ein Programm auszugestalten, hat er der Schweizerischen Rundspruchgesellschaft (SRG) gegeben. Es ist ihm auch nichts anderes übrig geblieben. Die SRG besitzt das Rundfunkmonopol. Weil der Bundesrat an seinem bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ausgesprochenen Verbot von privaten Radiosendern festhält.
Die Bevölkerung ist anfangs skeptisch gegenüber dem Fernsehen. Sie befürchtet einen «kulturellen Rückschritt» der Gesellschaft, die Beeinträchtigung des Familienlebens. Sauer stösst ihr auch auf, dass Radiohörerinnen und -hörer mit ihren Gebühren indirekt das Fernsehen mitbezahlen – auch wenn sie dieses gar nicht wollen.
Die Zeitungsverlage sorgen sich indes um ihren eigenen Einfluss. Vor allem, weil sich die SRG zunehmend als Informationsmedium versteht. Dies, weil ihre Radiostationen im Zweiten Weltkrieg über die Landesgrenzen hinweg eine wichtige Rolle als Anti-Propaganda-Sender eingenommen haben, wie im ersten Teil dieser Serie ausgeführt.
Schon 1953 hat die SRG begonnen, die «Tagesschau» zu produzieren. 1960 geht im Deutschschweizer Fernsehen das «Freitagsmagazin» auf Sendung. Dieses greift gesellschaftspolitische Fragen auf. Es berichtet über die Basler Fasnacht, es besucht die Familie eines «Eidgenossen», der 19 Kinder auf die Welt gesetzt hat, es fragt Schüler, ob sie von ihren Lehrern verprügelt werden, es zeigt die Unterkünfte von Gastarbeitern.
Mit jeder Ausstrahlung wird das «Freitagsmagazin» mutiger.
1961 benennt sich die Schweizerische Rundspruchgesellschaft zur Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) um. Jetzt gehört das Fernsehen offiziell zu ihren Aufgaben.
Im selben Jahr kommt es zum ersten grossen Skandal des Schweizer Fernsehens: Das «Freitagsmagazin» interviewt eine Prostituierte. Ein Tabubruch.
Die besagte Skandal-Sendung zum nachschauen:
Die Kritik aus kirchlichen und konservativen Kreisen kommt sofort: Solche Themen gehörten zu Recht hinter verschlossene Türen, das Fernsehen verderbe die Jugend. Bereits 1963 muss die SRG auf Druck der Politik das «Freitagsmagazin» absetzen. Geplante Beiträge über Antisemitismus in der Schweiz und Dienstverweigerer bleiben damit unrealisiert.
Trotzdem erhält die SRG 1964 eine neue Konzession vom Bundesrat. In dieser steht erstmals, dass die SRG nicht nur unterhalten und bilden, sondern auch informieren soll. 1965 erlaubt der Bundesrat auch 13 Minuten Fernsehwerbung am Tag. Nicht primär, um das Finanzierungsproblem der SRG zu lösen, sondern um dem Drängen der Werbebranche nachzukommen.
Die neuen finanziellen Möglichkeiten stellen die Weichen, um das Fernsehprogramm auszubauen. Und das soll so schnell wie möglich vonstattengehen. Die Schweiz hat aufzuholen. Vor allem im Vergleich zu den ausländischen Sendern, die längst ein Vollprogramm bieten können, das man hierzulande empfängt.
Für neue Sendungen wie die «Rundschau» oder den «Kassensturz» müssen neue Arbeitskräfte her. Diese rekrutiert die SRG – anders als beim Radio – häufig in der jungen Generation. Jener Generation, die gerade gegen das Establishment auf die Strassen geht.
Die Kritik daran lässt nicht lange auf sich warten.
SVP-Vorgängerpartei gründet Anti-SRG-Club
1971 führt die Schweiz das Frauenstimmrecht ein. Im selben Jahr muss die SRG sechs Mitarbeiter des Westschweizer Fernsehstudios entlassen. Dies nach massivem öffentlichem Druck.
Weil über die Fernsehbildschirme die Gesichter vieler junger Journalistinnen und Journalisten flimmern, sind konservative Kreise überzeugt: Das Programm der SRG ist nicht neutral. Wer jung ist, ist aus ihrer Sicht automatisch linksradikal.
1972 fordert Bundesanwalt Hans Walder von der SVP-Vorgängerpartei BGB, dass «die Linksextremisten, die sich in den Medien einzunisten wussten, ausgebootet werden, und zwar auch dann, wenn es ausserordentlich schwer fällt, ihnen ihre Verbindung mit staatsfeindlichen Organisationen nachzuweisen».
Im selben Jahr unterschreiben 500 Kulturschaffende eine Petition gegen die Fernseh-Entlassungen. Darunter Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt. Doch es nützt nichts.
Der Berner Historiker und Nationalrat der SVP-Vorgängerpartei BGB Walter Hofer verschreibt sich 1974 dem Kampf gegen die «Parteilichkeit, insbesondere Linkslastigkeit» der SRG. Er gründet die «Schweizerische Fernseh- und Radiovereinigung», die den Übernamen «Hofer-Club» erhält. Der Hofer-Club nimmt nicht nur das Programm der SRG, sondern auch einzelne Journalistinnen und Journalisten ins Visier. Er wirft der SRG vor, das Klima im Land «systematisch zu vergiften», indem sie über marginalisierte Themen berichtet oder gutschweizerische Werte kritisch hinterfragt.
Den linken Kreisen kann die SRG wiederum nicht kritisch genug sein. Setzt die SRG mit heimeligen Reportagen die Schweizer Kultur ins Zentrum, sehen sie in ihr ein Sprachrohr des Establishments. Einen Staatssender.
1974 versucht die SRG, diesen Streit zu schlichten: Sie schafft ein Format, in dem Kritik an der SRG regelmässig Platz finden soll. In der ersten Sendung lädt sie ihre linken sowie rechten Kritiker ins Fernsehstudio ein und lässt sie über die ideologische Ausrichtung der «Tagesschau» diskutieren. Doch auch das nützt nichts.
Das Parlament und der Bundesrat befinden sich längst mitten in der Diskussion über die Fragen: Was darf die SRG? Und wer darf sie wie stark kontrollieren?
Die CVP fordert im Parlament eine politische Oberaufsicht, bei der jede Partei proportional zu ihrer Wählerstärke an der Gestaltung des Programms der SRG beteiligt ist. Die SP wünscht sich eine «Demokratisierung des Fernsehapparats», weniger Staatsnähe, ein Bildungsfernsehen finanziert durch Gebühren. Die Bürgerlichen wollen die staatliche Kontrolle ausbauen und wünschen sich ein bürgerliches Fernsehprogramm.
Um auf den Dauerbeschuss aus der Politik zu reagieren, eröffnet die SRG eine «Beschwerdekommission Radio und Fernsehen». Diese flutet der Hofer-Club umgehend mit Beschwerdebriefen. 1977 wird der zuständige SRG-Anwalt in einem Artikel der «Schweizer Illustrierten» offenlegen, dass die Beschwerden «oft von politisch Andersdenkenden [kommen], die im Grunde einfach nicht vertragen, dass auch eine andere Meinung über Bildschirm und Radio verbreitet wird».
1975 sind sich Bundesrat und Parlament – beide bürgerlich dominiert – jedoch grösstenteils einig, dass die Forderungen des Hofer-Clubs nach mehr staatlicher Kontrolle angebracht sind. Sie arbeiten einen entsprechenden Radio- und Fernsehgesetzesartikel aus. Nur die SP spricht sich dagegen aus.
1976 kommt es zur Abstimmung. Das Stimmvolk schmettert das neue Gesetz mit 56,7 Prozent Nein-Stimmen ab. Und der Bundesrat steht vor einem Scherbenhaufen.
Guerrilla-Radio gegen SRG-Monopol
Auch nach der Abstimmung bleiben Linke der Meinung: Das SRG-Programm ist zu regierungstreu, zu wenig kritisch. Die Wünsche der Jugend haben keinen Platz. Ganz besonders nicht im Radio.
1979 bildet sich deshalb Widerstand gegen das bundesrätliche Verbot von Privatradios: Der ehemalige SRG-Mitarbeiter Roger Schawinski gründet «Radio 24». Er beginnt vom italienischen Pizzo Groppera aus bis nach Zürich Rock- und Popmusik zu senden. Er schafft ein werbefinanziertes Programm für die Jungen.
Mehrfach versuchen Schweizer Behörden, den Sender einstellen zu lassen. Ohne nachhaltigen Erfolg. In Italien sind private Radiosender erlaubt. Die Schweizerinnen und Schweizer empfangen schon lange zahlreiche ausländische Radiosender. Die Forderung, das Rundfunkmonopol der SRG abzuschaffen, findet immer mehr Unterstützung. In Zürich gehen «Radio 24»-Hörerinnen und -Hörer auf die Strasse. Sammeln 212'000 Unterschriften.
Auf diesen Druck hin erlaubt der Bundesrat schliesslich Privatradios. Am 1. November 1983 kann «Radio 24» erstmals legal aus Zürich auf Sendung gehen. Nur durch diese Konkurrenz schafft die SRG noch im selben Jahr den Jugendsender Radio DRS 3 (heute Radio SRF 3).
Bevölkerung steht hinter SRG
Auch an der Fernsehfront tut sich etwas: In ganz Europa kommen Privatsender mit neuen Unterhaltungs- und Infotainment-Formaten auf, die sich grosser Beliebtheit erfreuen. Mit dieser Entwicklung will das Schweizer Fernsehen mithalten.
1984 beginnt TV DRS wöchentlich die Unterhaltungsserie «Motel» auszustrahlen. Diese bricht alle Tabus: Sie thematisiert Drogenkonsum und Rassismus, sie zeigt erstmals die Brustwarzen einer Frau und einen Kuss zwischen zwei Männern. Und das in Zeiten, in denen zahlreiche Homosexuelle im Land an AIDS sterben.
Auf jede Folge folgt im «Blick» eine grosse Schlagzeile, in der man sich über die gebührenfinanzierte Serie echauffiert. Trotzdem bleibt die Serie beliebt. Genauso wie viele andere Formate.
Insbesondere das Schweizer Fernsehen verdient sich seinen Platz in den Herzen der Schweizerinnen und Schweizer. Die Bevölkerung dankt es ihm am 2. Dezember 1984, als sie nach dem dritten Versuch des Bundesrats endlich Ja zu einem neuen Radio- und Fernsehartikel in der Bundesverfassung stimmt. Ein Meilenstein, der aus der Schweizer Medienlandschaft das macht, was sie heute ist.
Das Gesetz, das 1991 verankert wird, erlaubt endlich auch private Fernsehsender. Und es formuliert erstmals einen klaren Auftrag an die SRG, die ihre Aufgabe als Service public definiert: Die SRG muss mit vielfältigen und sachgerechten Informationen zur freien Meinungsbildung, Bildung und Unterhaltung des Volks beitragen, die Vielfalt des Landes und der Bevölkerung berücksichtigen, das schweizerische Kulturschaffen fördern und den Kontakt zur Auslandschweiz pflegen.
Des Weiteren hält das neue Gesetz explizit fest: «Das Gesamtangebot an Programmen in einem Versorgungsgebiet darf nicht einseitig bestimmten Parteien, Interessen oder Weltanschauungen dienen.» Und: «Soweit das Bundesrecht nichts anderes bestimmt, sind die Veranstalter nicht an Weisungen von eidgenössischen, kantonalen oder kommunalen Behörden gebunden.»
Das Vermächtnis von Christoph Blocher
Der Blick zurück in die turbulenten Jahre zwischen 1960 und 1991 zeigt, wie die Parteien und der Bundesrat lange versucht haben, den Rundfunk als Machtinstrument zu nutzen. Und wie sie scheiterten. Weil sich am Ende die Bevölkerung durchsetzte. Sie wollte eine unabhängige, öffentlich-rechtliche SRG, die sachlich und neutral informiert – und parallel dazu private Radio- und Fernsehsender.
Der Machtkampf um die SRG fand mit dem Durchsetzen des Volkswillens jedoch nicht sein Ende. Genauso wenig, wie es die Kritik des Hofer-Clubs fand. Dem Club angehört hat nämlich eine besondere Persönlichkeit: SVP-Mogul Christoph Blocher. Seine Partei wird sich bis heute gegen die SRG wehren. Aber mehr dazu im dritten und letzten Teil dieser Serie.
