In dem Moment, da die kleine Meise zum ersten Mal das Vogelhäuschen verlässt und in die Welt hinausfliegt, ist sie so aufgeregt, dass sie den Schwanz hebt und scheisst. Es ist dies, neben den Auftritten des verfressenen Eichhörnchens, der spitzenmässige Höhepunkt eines 87-tägigen Web-Feeds des TV-Senders NRK. Sie heisst «Piip Show», und schon zu Beginn, im März 2014, twittert die dänische Kronprinzessin Mette-Marit: «Thats why we looooove Norwegian broadcasting.»
Thats why we looooove Norwegian broadcasting @yichijin: "#nrkpiip is the best thing on the internet right now".
— HRH Mette-Marit (@CrownPrincessMM) 13. März 2014
NRK hatte zwei Nisthäuschen und einen Futterplatz irgendwo in der norwegischen Natur platziert und auf ein Wunder gehofft, und siehe da, es geschah: Tiere, die genauso ansehnlich waren wie die von Stardesignern gebauten Kulissen (eine sah aus wie das hippste Café von Oslo), kamen herbei, balgten und vögelten, und Vögelchen kamen zur Welt. 30'000 Norweger waren ständig online, weltweit kamen noch ein paar tausend Vogelfans dazu. Der 14-stündige Zusammenschnitt fand am TV ein Millionenpublikum.
Das Prunkstück von NRK ist jedoch die TV-Live-Übertragung einer 134-stündigen Fahrt mit einem Hurtigruten-Schiff: Von 5 Millionen Norwegern waren 3,5 Millionen dabei. «Minutt for Minutt». Das war 2011 und brachte NRK einen Eintrag im «Guinness Book of Records» für die längste TV-Sendung aller bisherigen Zeiten.
Entlang der Schifffahrtsroute standen damals Tausende – auch die norwegische Königin – und wurden zu einem Volk von Smartphone-bewehrten Winkern. Sie filmten einander und das Schiff und twitterten live aus der Live-Sendung, das Schiff filmte mit elf Kameras zurück. Kinder hielten Plakate in die Höhe auf denen stand: «Ich komm zu spät zur Schule», und die Lehrer freuten sich, denn sie schauten alle auch während des Unterrichts fern. Die Bevölkerung machte sich begeistert und unaufgefordert zum Teil eines Medien-Events.
Angefangen hatte das norwegische Slow TV 2009 mit einer 7-stündigen Bahnfahrt von Bergen nach Oslo im Führerstand. 1,2 Millionen schauten zu. Das war zwar in Echtzeit, aber eine aufgezeichnete Sendung: Während der 160 Tunnelfahrten wurde Archivmaterial über die jeweiligen Tunnel eingeblendet. Die schwarzen Löcher hielt man damals noch nicht für zumutbar.
Jetzt gab NRK bekannt, dass sie im Frühling 2017 eine Woche lang einer Rentierherde auf ihrer Wanderung vom Hochland an die Küste folgen werden. Gestartet wird die Live-Übertragung, wenn die Rentiere losgehen. Also irgendwann. Und ganz leise, um die Tiere nicht zu stören. Gelassenheit ist die neue Tugend von Norwegens TV-Machern.
Ein norwegischer Kaviar-Produzent wiederum sendet seit dem 19. August live aus seiner Kaviar-Herstellung. 308 Tage dauert es, bis der Kaviar in eine Tube kommt. Bis dahin sehen wir vor allem blaue Fässer mit roten Deckeln, in denen der gesalzene Fischrogen gelagert wird. Manchmal flattert eine schwarze Plastikplane in der Lüftung. Sonst passiert. Nichts. Rein. Gar. Nichts. Meistens bewegen sich auch die Planen. Nicht. Nur die Uhr links im Bild tut, was eine Uhr eben so tut. Weniger passierte noch nie im Internet.
Zuschauen tut auch fast niemand. das «SuperSlowTV» von Mills Kaviar ist quasi das harte Avantgarde-Arthouse-Kino-Brötchen im norwegischen Entschleunigungs-Hype. Denn normalerweise funktioniert die Formel ZEN – Zuschauen, Entspannen, Nichtnichtstun – nämlich hervorragend. Slow TV bringt in Norwegen regelmässig Twitter zum Zusammenbruch.
Slow TV schafft im Norden, was bei uns nur «Tatort» und grosse Sportereignisse zustande bringen: es macht Fernsehen wieder zum «Lagerfeuer der Nation», zur sozialen Skulptur. Denn Slow TV ist wie die epischste aller TV-Serien. Und Reality TV avant la lettre. Das einzige Script ist das zähe Zerrinnen der Zeit. Als NRK einmal nur 18 Stunden lang Lachs-Live-Fischen zeigte, beschwerten sich die Zuschauer, das wäre zu kurz.
In Norwegen ist das Fernsehen wieder zum Ort geworden, an dem man sich trifft, aber nicht, um sich eine Geschichte erzählen zu lassen, sondern um einander via Social Media Geschichten zu erzählen. Aufgeregt flattert der Twitter-Vogel um den lethargischen alten TV-Bildschirm. Endlich finden sich die Medien.
Eine einsam der Küste entlang wandernde Kuh etwa, die 2011 gut 40 Minuten lang gezeigt wurde, heizte die kollektive Fantasie derart an, dass ganze Romane über sie geschrieben werden könnten. «Wird die Kuh weitergehen? Wird sie Halt machen? Wir wissen es nicht. Und das ist spannend», gab ein Norweger der «New York Times» zur Auskunft. Und ja, er meinte das tatsächlich ernst.