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Muss die Inflation zähmen: Jerome Powell, Chef der US-Notenbank.
Muss die Inflation zähmen: Jerome Powell, Chef der US-Notenbank.Bild: keystone
Analyse

Was du jetzt alles über die Inflation wissen musst

Es gibt verschiedene Formen der Inflation. Nicht alle sind schädlich.
05.12.2021, 12:3423.12.2021, 14:16

Das Inflations-Gespenst treibt wieder einmal sein Unwesen. In den USA ist die Teuerung über sechs, in Europa über vier Prozentpunkte gesprungen. In der Türkei droht gar eine Hyperinflation. Haben also all diejenigen, die seit Jahren unablässig vor der Inflation gewarnt haben, recht bekommen? Nicht ganz. Aber der Reihe nach.

Als Mahnmal der Inflation gilt nach wie vor die Situation in Deutschland zu Beginn der Zwanzigerjahre. Selbst für banale Dinge wie Brot und Milch mussten Milliarden-Beträge bezahlt werden. Banknoten wurden in Lastwagen ausgeliefert. Respektable Bürgerfrauen prostituierten sich, um ihre Kinder zu ernähren. Verzweifelte Männer drehten den Gashahn auf und brachten sich und ihre Familien um.

Während der deutschen Hyperinflation wurden die Geldscheine aufgestapelt.
Während der deutschen Hyperinflation wurden die Geldscheine aufgestapelt.

Diese Bilder der Inflation haben sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Wie aber ist es dazu gekommen? Deutschland hatte weder den Ersten Weltkrieg finanziert, noch konnte es die absurd hohen Reparationszahlungen, die ihm von den Siegermächten aufgebürdet worden waren, begleichen. Deshalb begann die Reichsbank, im grossen Stil Geld zu drucken.

In der Fachsprache heisst dies: Der deutsche Staat begann, seine Schulden zu monetarisieren. Weil jedoch niemand Vertrauen in dieses Papiergeld hatte, wurden die Beträge auf den Geldnoten immer absurder, das Teuerungs-Karussell drehte sich immer schneller. Erst eine umfassende Währungsreform konnte den Spuk beenden.

Diese Art von Hyperinflation ist nicht verschwunden. Wir finden sie nach wie vor in Ländern wie Zimbabwe oder Venezuela. Auch in diesen Ländern druckt die Zentralbank hemmungslos Geld, das durch nichts abgesichert ist, und versucht so, eine zerrüttete Wirtschaft über die Runden zu bringen.

Falls Präsident Recep Tayyip Erdogan weiter macht wie bisher, könnte auch die Türkei in eine ausser Kontrolle geratene Inflationsspirale geraten. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Türkei eine Stagflation droht. Was ist damit gemeint?

Nach dem Zweiten Weltkrieg erholte sich die Wirtschaft in den Industrieländern überraschend schnell. Der internationale Handel hingegen war noch schwach ausgeprägt, die Märkte waren vorwiegend national. Eine boomende Binnenwirtschaft hatte zur Folge, dass die Unternehmen ihre Preise laufend erhöhen konnten. Starke Gewerkschaften wiederum sorgten dafür, dass die Löhne mithielten.

Das Phänomen von steigenden Preisen und Löhnen wird Zweitrunden-Effekt genannt. Solange die Wirtschaft boomte, störte dies kaum jemanden. Dann kamen in den Siebzigerjahren die beiden Ölschocks. Die Scheiche am Persischen Golf schlossen sich zur OPEC zusammen und erhöhten praktisch über Nacht die Erdölpreise um ein Vielfaches.

Die Ölscheiche von Katar bei einem OPEC-Treffen.
Die Ölscheiche von Katar bei einem OPEC-Treffen.Bild: EPA/EPA

Weil die Wirtschaft der Industriestaaten in hohen Mass vom Öl abhängig war, löste dies einen gewaltigen Teuerungsschub aus. Dieser Schub würgte das Wirtschaftswachstum, nicht jedoch die Inflation ab. Das Resultat war die schlimmste aller Welten: eine stagnierende Wirtschaft und gleichzeitig eine galoppierende Inflation, eben eine Stagflation.

Die Stagflation konnte nur mit einer drastischen Massnahme bezwungen werden, mit einer künstlich mit hohen Leitzinsen der Zentralbanken hervorgerufenen Rezession. Es dauerte mehrere schmerzvolle Jahre, bis die Inflation gebändigt war und die Wirtschaft sich erholen konnte.

Seither ist die Inflation zumindest in den entwickelten Ländern verschwunden. Es folgte, was von Ökonomen die «grosse Mässigung» (great moderation) genannt wird. Was war geschehen?

Arbeiterinnen in einer Foxconn-Fabrik in Shenzhen.
Arbeiterinnen in einer Foxconn-Fabrik in Shenzhen.Bild: AP

Die Globalisierung war geschehen. Sie führte dazu, dass sich die Märkte sowohl für Unternehmen wie für Arbeitnehmer grundlegend veränderten. Die Unternehmen konnten ihre Preise nicht mehr erhöhen, weil sonst ein anderer Anbieter aus China oder den ehemaligen Oststaaten in die Lücke sprang und sie unterbot. Die Gewerkschaften konnten keine Lohnerhöhungen mehr durchdrücken, weil die Unternehmen sofort drohten, ihre Fabriken in diese Gebiete zu verlagern.

Nicht sparsame Staaten haben daher die «grosse Mässigung» erzwungen. Die Staatsschulden erhöhten sich munter weiter. Es waren die offenen Märkte, welche das Inflationsgespenst verscheuchten. Doch ist eine Null-Inflation auf Dauer überhaupt erstrebenswert? Nein, das zeigt ein kurzer historischer Rückblick.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es in Europa keine Inflation. Schuld daran war der Goldstandard. Dieser war eher zufällig entstanden, weil die damalige Supermacht Grossbritannien ihre Währung mit dem gelben Metall absicherte, und weil London das Finanzzentrum der Welt war.

Der Goldstandard verhinderte zwar die Inflation. Gleichzeitig hatte dieses starre Regime jedoch einen schweren Mangel: Unter der Fuchtel des Goldstandards war es nicht möglich, die Wirtschaftszyklen zu glätten. Deshalb litten die entstehenden Industriestaaten unter sich rasch abwechselnden Boom- und Rezessionsphasen, begleitet von Bankpleiten. Unter diesen Umständen konnte kein breiter Mittelstand entstehen. Selbst im sich entwickelnden Europa lebten die meisten Menschen in prekären Verhältnissen.

Die wenigsten Länder hatten damals auch eine Zentralbank, welche mit ihrer Geldpolitik die Wirtschaftszyklen hätte zähmen können. Die Schweizerische Nationalbank beispielsweise wurde erst 1906, die US-Notenbank Fed erst 1913 ins Leben gerufen.

Das Gebäude der US-Notenbank in Washington.
Das Gebäude der US-Notenbank in Washington.Bild: keystone

Heute streben die Zentralbanker keine Null-Inflation an. Ihr erklärtes Inflationsziel liegt bei zwei Prozentpunkten. Weshalb?

Eine leichte Inflation wirkt wie Öl im Getriebe der Wirtschaft. Sie macht es möglich, dass kleine Krisen, welche durch die Anpassung an veränderte Bedingungen notwendig werden, relativ schmerzlos überwunden werden können. Steigen beispielsweise Löhne nominal leicht, dann werden Angebotsschocks wie ein steigender Benzinpreis leichter verkraftet. Schuld daran ist, was Ökonomen die «Geldillusion» nennen. Will heissen: Wer nominal mehr Geld erhält, kann mit einer realen Geldeinbusse leben, welche durch eine Entwertung entstanden ist.

Viel wichtiger ist jedoch, dass eine leichte Inflation verhindert, dass die Wirtschaft in eine Deflation fällt. Darunter versteht man das Phänomen, dass Geld nicht entwertet, sondern aufgewertet wird.

Deflation ist nicht gleich Deflation. Wenn ein bestimmtes Produkt, beispielsweise ein Laptop, nicht nur viel billiger, sondern auch viel besser wird, dann ist das eine höchst erfreuliche Form vom Deflation.

Es gibt jedoch auch eine äusserst bösartige Form der Deflation. Sie entsteht, wenn Arbeitgeber immer tiefere Löhne und Konsumenten immer tiefere Preise durchsetzen können. Dann beginnt ebenfalls eine gefährliche Spirale zu drehen. In der Erwartung, dass sie Güter und Dienstleistungen in Zukunft noch günstiger erwerben können, halten sich Konsumenten zurück. Die Nachfrage bricht ein.

Arbeitslose stehen während der Grossen Depression vor einer Suppenküche Schlange.
Arbeitslose stehen während der Grossen Depression vor einer Suppenküche Schlange.Bild: Newscom

Schlimmer noch sind die Auswirkungen der Deflation auf die Unternehmer. Weil sie damit rechnen müssen, dass die Zinslast immer stärker drücken wird, nehmen sie keine Kredite mehr auf und investieren nicht mehr. Die «animal spirits» – der Unternehmergeist – erlöschen, die Wirtschaft erlahmt und stürzt in eine schwere Krise.

Das bekannteste Beispiel einer verheerenden Deflationsspirale ist die Grosse Depression der Dreissigerjahre. An dieser Stelle sei daher mit einem weit verbreiteten Irrtum aufgeräumt: Hitler kam nicht wegen der Hyperinflation an die Macht. Diese ereignete sich zu Beginn der Zwanzigerjahre. In den Dreissigerjahren hingegen litt die deutsche Wirtschaft unter einer hartnäckigen Deflation, was die Voraussetzungen für einen Triumph der Nazis schuf.

So, das wäre geklärt. Wenden wir uns also wieder der Gegenwart zu. Die aktuelle Inflationsgefahr ist eine Folge der Coronakrise. Die Weltwirtschaft wurde gleichzeitig von einem Angebots- und einem Nachfrageschock gebeutelt, ein seltenes Ereignis. Wegen der Lockdowns und der Einreisesperren wurden die globalen Lieferketten empfindlich getroffen. Gleichzeitig mussten Teile der Wirtschaft (Gastwirtschaft, Tourismus, Unterhaltung, etc.) ihren Betrieb einstellen.

Die Lockdowns haben zudem die eingespielten Abläufe einer auf «just in time» getrimmten Wirtschaft aus dem Tritt gebracht. Verbunden mit ihrer Natur nach volatilen Energiepreisen hat dies zu massiven Teuerungsschüben geführt.

Geschlossenes Restaurant während des Lockdowns in Österreich.
Geschlossenes Restaurant während des Lockdowns in Österreich.Bild: keystone

Die meisten Ökonomen gehen jedoch davon aus, dass sich diese Schübe im Laufe des kommenden Jahres wieder abschwächen werden. Sie sprechen daher von einer «vorübergehenden Inflation», welche nicht zu vergleichen sei mit der Stagflation der Siebziger- und Achtzigerjahre.

Sie ist auch nicht zu vergleichen mit der aktuellen Situation in der Türkei. In einzelnen Branchen herrscht zwar ein Mangel an Arbeitskräften, etwa im Gastrobereich, bei der Pflege oder bei Chauffeuren. Sie können mit teils massiven Lohnerhöhungen rechnen. Diese sind erstens mehr als verdient, und zweitens nicht relevant für die Volkswirtschaft. Sie allein können keine der gefürchteten Zweitrunden-Effekte auslösen.

Trotzdem mehren sich die Zweifel, wonach die Inflation tatsächlich «vorübergehend» sein soll, denn sie ist höher und hartnäckiger ausgefallen als erwartet. Die US-Notenbank hat daher bereits angetönt, erste Schritte zur Bekämpfung einzuleiten.

Gleichzeitig gibt es eine Minderheit von Ökonomen, die prophezeien, dass das Inflationsgespenst uns auch langfristig wieder heimsuchen werde. Der Einfluss der Globalisierung schwäche sich ab, gleichzeitig zeige die sich abzeichnende Überalterung der Industrienationen erste Wirkung. Das werde die Macht der Arbeitnehmer stärken und zu neuen Lohnschüben führen, warnen sie.

Diese These steht jedoch auf wackligen Füssen. Das zeigt das Beispiel von Japan, das Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt. Die Bank of Japan kämpft jedoch seit Jahrzehnten nicht etwa gegen die Inflation, sondern gegen eine leichte Deflation, bisher mit mässigem Erfolg.

Roboter unterstützen die alternde Bevölkerung von Japan.
Roboter unterstützen die alternde Bevölkerung von Japan.Bild: keystone

Japan straft auch alle Lügen, welche in hohen Staatsschulden die Ursache für eine unausweichliche Hyperinflation sehen. Das Land hat nicht nur die älteste Bevölkerung, es hat auch die höchsten Staatsschulden der Welt. Sie betragen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt bald einmal 300 Prozentpunkte, ein Wert, der bei konservativen Ökonomen Ohnmachtsanfälle auslöst.

Die Japaner hingegen bleiben gelassen, und sie haben auch Grund dazu. Erstens befinden sich mehr als die Hälfte dieser Schulden in den Händen der Bank of Japan, und diese wiederum gehört dem Staat. Der japanische Staat ist so gesehen gleichzeitig sein grösster Gläubiger und sein grösster Schuldner. Wo also liegt das Problem?

Gleichzeitig wissen die Japaner, dass das Wohlergehen einer Volkswirtschaft nicht von der Höhe der Staatsschulden abhängt, sondern von der Fähigkeit, Güter und Dienstleistungen herzustellen, die auf dem Weltmarkt begehrt sind. Solange dies der Fall ist, und solange die Schulden des Staates in der eigenen Währung erfolgen, gibt es keinen Grund zur Sorge. Japan ist mit dieser Einsicht bisher gut gefahren und ist zum Vorzeigemodell einer neuen ökonomischen Theorie geworden, der Modern Monetary Theory. Aber das ist eine andere Geschichte.

«Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.» So beginnt Leo Tolstois berühmter Roman «Anna Karenina». Das gilt auch für die einzelnen Länder in Zeiten der Inflation. Diese kann verschiedene Ursachen und verschiedene Verläufe haben, und muss daher im Einzelnen untersucht werden.

Das gilt speziell in der aktuellen Situation. Ja, die Notenbanken und die Politik haben die Corona-Krise mit einer Geldschwemme und gewaltigen Staatsdefiziten bekämpft. Und ja, sie sind damit das Risiko einer Inflation eingegangen. Sie taten dies jedoch im Wissen, dass sie die Instrumente kennen, mit denen eine allfällige Inflation auch bekämpft werden kann.

Eine Hyperinflation ist eine üble Sache. Doch derzeit gibt es keinen Grund zur Annahme, dass wir in eine solche Situation schlittern könnten. Die Inflations-Hysteriker sollten vielmehr zur Kenntnis nehmen, dass sich das Risiko der Notenbanker ausbezahlt hat. Die Weltwirtschaft ist bisher erstaunlich glimpflich durch die Coronakrise gekommen, weit glimpflicher als zu erwarten war.

Hätten die Zentralbanker und Politiker auf die Inflations-Hysteriker gehört, dann sähen wir uns heute in einer Situation, die wahrscheinlich weit schlimmer wäre als die Situation zu Zeiten der Grossen Depression. Inflation wäre dann unser kleinstes Problem.

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Notgeld in Deutschland

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