DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa08265603 US President Donald J. Trump listens as he meets with the Coronavirus Task Force and pharmaceutical executives, at the White House in Washington, DC, USA, 02 March 2020. The Coronavirus (COVID-19) has infected nearly 100,000 people worldwide and killed more than 3,000.  EPA/KEVIN DIETSCH / POOL

Bild: EPA

Analyse

Wie Donald Trump innert 72 Stunden die Kontrolle verloren hat

72 Stunden, welche die amerikanische Politik auf den Kopf gestellt haben: Jetzt muss der Präsident um seine Wiederwahl zittern.



Alles schien nach Plan zu verlaufen: Wie erwartet sprach der Senat Donald Trump im Impeachment-Prozess frei. Nur einer, Mitt Romney, brach aus der geschlossenen Front der Grand Old Party aus. Alle anderen folgten wie Schafe der Twitter-Peitsche des Präsidenten.

Die Wirtschaft brummte, die Börse boomte, und die Demokraten machten sich zuerst in Iowa lächerlich, um sich danach gegenseitig zu zerfleischen und so den Sozialisten Bernie Sanders zum Kronfavoriten für die Präsidentschaftskandidatur zu machen. Trump konnte sich beruhigt seinem Golf-Handicap widmen. Die Wiederwahl im kommenden November schien gesichert.

Dann kam das Coronavirus. Kein Problem, alles im Griff, spätestens im April wird der Spuk vorbei sein, erklärte Trump und verbreitete dabei wie üblich auch ein paar falsche Fakten. Doch Viren lassen sich weder wegtweeten noch einschüchtern.

FILE - In this March 2, 2020 file photo, travelers Meredith Ponder, left, and Coleby Hanisch, both of Des Moines, Iowa, wear masks to remind them not to touch their faces as they ride a train at Seattle-Tacoma International Airport in SeaTac, Wash.   The spread of the coronavirus, including cases in the U.S., has many small business owners canceling or changing plans, arranging for staffers to work from home, even asking employees who have traveled to places with widespread outbreaks to stay home for as long as a month.  (AP Photo/Elaine Thompson, File)

Die Züge der Untergrundbahn in New York werden wegen des Coronavirus regelmässig desinfiziert. Bild: AP

Die Anzahl der Infizierten steigt und steigt. Inzwischen sind in den USA mehr als 150 Menschen an Covid-19 erkrankt und ein Dutzend daran gestorben.

Nun zeigt sich, wie schlecht das Land darauf vorbereitet ist. Menschen können nicht getestet werden, weil die Ausrüstung fehlt. Kalifornien ruft den Notstand aus. Im Bundesstaat Washington mehren sich die rätselhaften Ansteckungen und dessen Metropole Seattle wird bereits mit der chinesischen Stadt Wuhan verglichen.

Das Weisse Haus macht bisher eine mehr als schlechte Figur. Vor laufenden Kameras musste sich Trump von seinem Epidemiologen Anthony Fauce erklären lassen, dass ein Impfstoff nicht innerhalb von Monaten zur Verfügung stehen werde und dass man auch nicht auf andere Grippenimpfungen ausweichen könne.

Dass der Präsident ausgerechnet seinen Vize an die Spitze einer Taskforce gegen das Virus hievte, wird als schlechter Witz interpretiert. Der tiefgläubige Mike Pence gilt als wissenschaftsfeindlich und inkompetent.

epa08270655 US Vice President Mike Pence, surrounded by members of President Trump?s Coronavirus Task Force, speaks to the media about the coronavirus in the Press Briefing Room of the White House in Washington, DC, USA, 04 March, 2020.  EPA/JIM LO SCALZO

Soll Schlimmes verhüten: Vize-Präsident Mike Pence. Bild: EPA

Das Coronavirus infiziert nicht nur Menschen, es sorgt auch für Turbulenzen an den Finanzmärkten. Nach einer katastrophalen Woche mit einem Minicrash befinden sich die Börsen derzeit auf einer Achterbahn. Daran kann auch der Fed-Präsident Jay Powell nichts ändern, der überraschend und auf Druck des Präsidenten den Leitzins um ein halbes Prozent gesenkt hat.

Schlimmer noch: Angesichts der absehbaren Pandemie ist eine Rezession der realen Wirtschaft im Sommer ein sehr realistisches Szenario geworden.

Hart getroffen muss Trump die Tatsache haben, dass der Freudensprung der Aktienbörsen vom Mittwoch nicht etwa ihm, sondern Joe Biden zugeschrieben wird. Der Dow Jones legte 4,5 Prozent zu, weil die Investoren nun hoffen, die Gefahr von Bernie Sanders sei gebannt.

Auch viele Banker mögen Trump nicht. Sie lehnen seine Handels- und seine Einwanderungspolitik ab, ebenso seine Weigerung, die Klimaerwärmung zu akzeptieren und sein ungebührliches Verhalten gegenüber Frauen. Mit Biden hingegen kann die Wall Street gut leben.

Womit wir bei des Pudels Kern angelangt sind: der Wende in der amerikanischen Politik. In den letzten 72 Stunden ist alles anders geworden. Der bereits abgeschriebene und verhöhnte Joe Biden ist nach dem Super Tuesday von den Toten auferstanden und zum Favoriten für die demokratische Präsidentschaftskandidatur avanciert.

Democratic presidential candidate former Vice President Joe Biden speaks Wednesday, March 4, 2020, in Los Angeles. (AP Photo/Marcio Jose Sanchez)
Joe Biden

Von den Toten auferstanden: Joe Biden. Bild: AP

Das hatten weder Trump noch seine Handlanger bei Fox News auf der Rechnung. Bisher hatten sie Sanders aktiv unterstützt in der Hoffnung, eine Rote-Gefahr-Kampagne gegen die Demokraten führen zu können. Daraus wird nun wahrscheinlich nichts.

Entsprechend absurd fallen die ersten Reaktionen aus. Fox-News-Moderator Tucker Carlson versucht, eine These zu basteln, wonach Biden eine Marionette von Alexandria Ocasio-Cortez und den anderen aufmüpfigen neuen Frauen im Abgeordnetenhaus sei. Das werden ihm selbst die Fox-News-Zuschauer nicht abkaufen.

abspielen

Verbreitet absurde Verschwörungstheorien: Tucker Carlson. Video: YouTube/Fox News

Sean Hannity lässt derweil in einem unterwürfigen Interview Trump drohen, die Hunter-Biden-Story wieder aufleben zu lassen und zum Schwerpunkt seiner Kampagne zu machen. Viel Glück damit. Unfreiwillig rückt der Präsident damit sein Impeachment wieder in den Vordergrund.

Biden hingegen kann sich nur auf eine Koalition von Schwarzen, Vorstadt-Müttern und einer harten Anti-Trump-Front verlassen. Diese Koalition hat Power. «Mit Biden haben die Demokraten gute Chancen, nicht nur die Präsidentschaft zu gewinnen, sondern auch ihre Mehrheit im Abgeordnetenhaus zu behalten und eine neue Mehrheit im Senat zu gewinnen», stellt Nicholas Kristof in der «New York Times» fest.

Am schmerzlichsten für Trump dürfte jedoch sein, dass er sich das alles selbst eingebrockt hat. Joe Biden ist nicht über Nacht ein politisches Genie geworden. Er lebt vom Wunsch, dass die Amerikaner sehnlichst etwas wollen, das Trump ihnen nie wird bieten können: Ruhe – und einen anständigen Mann im Oval Office.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Trump auf dem Titel

1 / 81
Trump auf dem Titel
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

So bauen die Chinesen ein Notspital innert zehn Tagen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

So stehen die Chancen einer Viertage-Woche in der Schweiz

Island hat die viertägige Arbeitswoche eingeführt, internationale Firmen testen sie, doch in der Schweiz bleibt sie scheinbar utopisch. Ein Wirtschaftsexperte sagt, wer den ersten Schritt machen sollte.

Vier Tage pro Woche arbeiten, Vollzeit bezahlt werden: Island führt nun die Viertage-Woche ein, nachdem ein Experiment den positiven Effekt des Modells untermauert hat. Gleiche Produktivität in kürzerer Zeit – eigentlich ein perfekter Match für die wirtschaftsorientierte Schweiz. Warum fasst das Modell hierzulande nicht Fuss?

Schweizer Arbeitgebende bieten die Viertage-Woche kaum an. Eine Ausnahme ist das Grafikunternehmen Büro a+o in Aarau. Sie hätten das Modell im Jahr 2017 eingeführt, …

Artikel lesen
Link zum Artikel