Claude: Wie ein Chatbot die Börsen beschäftigt
Was ist Claude?
Claude ist die künstliche Intelligenz der US-amerikanischen Firma Anthropic. Es handelt sich bei Claude um ein Sprachmodell, oder ein GPT (englisch: generative pre-trained transformer), also ein «generativer vortrainierter Transformer».
Anthropic PBC wurde von ehemaligen Mitarbeitenden von OpenAI – dem Herausgeber von ChatGPT – gegründet. Claude ist damit ein Konkurrenzprodukt zu ChatGPT.
Ebenso wie bei OpenAI steht der Börsengang von Anthropic noch aus – bei beiden KI-Firmen wird er noch in diesem Jahr erwartet. Dennoch hat der Chatbot Claude bereits riesigen Einfluss auf die Finanzmärkte.
Was ist neu?
Vor einigen Tagen stellte Anthropic eine Erweiterung, also ein Zusatzmodul, für seinen Chatbot vor. Dabei handelt es sich um ein Plug-in, das die Arbeit von Juristinnen und Juristen massiv erleichtern soll. Das Unternehmen erklärte, sein Tool könne «juristische Arbeiten wie Vertragsprüfungen, die Sichtung von Geheimhaltungsvereinbarungen, Compliance-Workflows, juristische Briefings und vorgefertigte Antworten» automatisieren.
Anthropic ist Teil einer ganzen Reihe von KI-Startups, die unter anderem Tools für die Rechtsbranche entwickeln. Anthropic unterscheidet sich jedoch dadurch, dass es eigene Modelle entwickelt, die an die spezifischen Anforderungen einer Branche angepasst werden können. Claude ist damit sehr benutzerfreundlich.
Anthropic selbst erklärte, das Plugin biete keine Rechtsberatung: Von KI generierte Analysen sollten von zugelassenen Rechtsanwälten überprüft werden, bevor sie als Grundlage für rechtliche Entscheidungen herangezogen werden, so das Start-up.
… Na, und?
Das Thema KI und Arbeitsplätze, die dadurch möglicherweise überflüssig werden, beschäftigt nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch die Börsen. Diese zeigen sich aufgrund des KI-Booms und der damit verbundenen Unsicherheit seit einiger Zeit extrem nervös.
Ein Grund: Investorinnen und Experten sehen in Tools und Chatbots wie Claude und seinen Erweiterungen eine grosse Gefahr für das auch «Sitzplatzmodell» genannte Prinzip von Softwares: Softwareanbieter verkaufen ihr Produkt mehrmals, also jeweils einmal pro Nutzerin und Nutzer. Anbieter wie Microsoft könnten durch KI-Modelle unter Druck geraten, da Unternehmen künftig nicht mehr so viele Lizenzen kaufen müssten – wenn überhaupt.
Wie haben die Märkte reagiert?
Börsen wie die Wall Street sind deswegen seit längerem «skeptisch» gegenüber Software-Aktien wie Microsoft oder Adobe. Am Dienstag kippte die Stimmung – zumindest vorübergehend – von «skeptisch» in «panisch»: Aktien solcher Softwarefirmen wurden reihenweise verkauft. Insgesamt wurde so ein Börsenwert von fast 300 Milliarden US-Dollar vernichtet.
Die Börsenwelt spricht in diesem Zusammenhang auch von einer «SaaSpocalypse»: eine Apokalypse für sogenannte «software-as-a-service»-Aktien.
Am Dienstag brachen zunächst die Aktien von Firmen ein, die spezifische Softwares für Juristinnen und Juristen herstellen. Danach folgten jene, die Softwares allgemein herstellen, und schliesslich wurden auch weitere Aktien in Mitleidenschaft gezogen. Einige sprachen gar von einem «globalen Ausverkauf im Technologiesektor». Tatsächlich verloren Softwareaktien nicht nur an der Wall Street, sondern auch in Europa und später in Asien.
Welche Aktien haben besonders verloren?
In den USA verloren Softwareaktien wie Adobe, Salesforce, Intuit, ServiceNow, Autodesk, Palo Alto Networks, Microsoft und Oracle an einem Tag teils zweistellig. Thomson Reuters, zu dem auch die juristische Datenbank Westlaw gehört, sackte am Dienstag um mehr als 18 Prozent ab.
Der Index der Technologiebörse Nasdaq verlor kurzzeitig knapp zwei Prozent, am Ende des Tages waren es 1,5 Prozent.
Den europäischen Software-Grössen ging es nicht anders: Die Aktien von Relx (Medienkonzern und Anbieter von Online-Datenbanken; minus 14 Prozent), die London Stock Exchange Group (Anbieter von Finanzmarktdaten und -infrastruktur; minus 13 Prozent) oder Pearson (u.a. Verlag für Schul- und Universitätslehrbücher; minus 9,6 Prozent) verloren massiv.
Wie geht es weiter?
Eine sehr gute Frage, die derzeit wohl niemand beantworten kann. Die Märkte sind aufgrund der zahlreichen KI-Startups was man als «nervös» bezeichnen würde: Im Moment weiss wirklich niemand so genau, wie gross die Kreise sein werden, welche die KI-Revolution zieht. Damit weiss auch niemand, wie stark die Verlierer tatsächlich verlieren werden – und wer das überhaupt sein wird. Und über all dem schwelt die Angst, dass sich der KI-Boom selber als «Bubble» entpuppen wird.
Was das für Anlegerinnen und Investoren bedeutet, erklärt ein Experte gegenüber «Bloomberg» so:
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