Wirtschaft
Digitales

Claude von Anthropic: Chatbot-Plug-In lässt Software-Aktien stürzen

Claude: Wie ein Chatbot die Börsen beschäftigt

Die Börsen weltweit erlebten gestern ein Rumpeln, abgestürzt sind insbesondere Aktien von Software-Firmen. Experten nannten Künstliche Intelligenz als Ursache – insbesondere die KI-Firma Anthropic, die kürzlich eine Chatbot-Erweiterung präsentierte. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
04.02.2026, 11:3304.02.2026, 13:43

Was ist Claude?

Claude ist die künstliche Intelligenz der US-amerikanischen Firma Anthropic. Es handelt sich bei Claude um ein Sprachmodell, oder ein GPT (englisch: generative pre-trained transformer), also ein «generativer vortrainierter Transformer».

Anthropic PBC wurde von ehemaligen Mitarbeitenden von OpenAI – dem Herausgeber von ChatGPT – gegründet. Claude ist damit ein Konkurrenzprodukt zu ChatGPT.

Ebenso wie bei OpenAI steht der Börsengang von Anthropic noch aus – bei beiden KI-Firmen wird er noch in diesem Jahr erwartet. Dennoch hat der Chatbot Claude bereits riesigen Einfluss auf die Finanzmärkte.

November 14, 2025, New York City, New York, USA: Anthropic says Chinese hackers used its Claude AI chatbot in cyberattacks..Anthropic reports that Chinese hackers used its artificial intelligence tech ...
Der Chatbot Claude. Bild: imago images

Was ist neu?

Vor einigen Tagen stellte Anthropic eine Erweiterung, also ein Zusatzmodul, für seinen Chatbot vor. Dabei handelt es sich um ein Plug-in, das die Arbeit von Juristinnen und Juristen massiv erleichtern soll. Das Unternehmen erklärte, sein Tool könne «juristische Arbeiten wie Vertragsprüfungen, die Sichtung von Geheimhaltungsvereinbarungen, Compliance-Workflows, juristische Briefings und vorgefertigte Antworten» automatisieren.

Anthropic ist Teil einer ganzen Reihe von KI-Startups, die unter anderem Tools für die Rechtsbranche entwickeln. Anthropic unterscheidet sich jedoch dadurch, dass es eigene Modelle entwickelt, die an die spezifischen Anforderungen einer Branche angepasst werden können. Claude ist damit sehr benutzerfreundlich.

Anthropic selbst erklärte, das Plugin biete keine Rechtsberatung: Von KI generierte Analysen sollten von zugelassenen Rechtsanwälten überprüft werden, bevor sie als Grundlage für rechtliche Entscheidungen herangezogen werden, so das Start-up.

… Na, und?

Das Thema KI und Arbeitsplätze, die dadurch möglicherweise überflüssig werden, beschäftigt nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch die Börsen. Diese zeigen sich aufgrund des KI-Booms und der damit verbundenen Unsicherheit seit einiger Zeit extrem nervös.

Ein Grund: Investorinnen und Experten sehen in Tools und Chatbots wie Claude und seinen Erweiterungen eine grosse Gefahr für das auch «Sitzplatzmodell» genannte Prinzip von Softwares: Softwareanbieter verkaufen ihr Produkt mehrmals, also jeweils einmal pro Nutzerin und Nutzer. Anbieter wie Microsoft könnten durch KI-Modelle unter Druck geraten, da Unternehmen künftig nicht mehr so viele Lizenzen kaufen müssten – wenn überhaupt.

«Die Sorge wird sein, dass das Aufkommen von Tools wie dem von Anthropic vorgestellten zumindest die Margen dieser datengesteuerten Unternehmen verringern und im schlimmsten Fall zu ihrer vollständigen Disintermediation [Entfernung als Anbieter] führen wird.»
Börsenexperte gegenüber dem britischen «Guardian»
Bild

Wie haben die Märkte reagiert?

Börsen wie die Wall Street sind deswegen seit längerem «skeptisch» gegenüber Software-Aktien wie Microsoft oder Adobe. Am Dienstag kippte die Stimmung – zumindest vorübergehend – von «skeptisch» in «panisch»: Aktien solcher Softwarefirmen wurden reihenweise verkauft. Insgesamt wurde so ein Börsenwert von fast 300 Milliarden US-Dollar vernichtet.

Die Börsenwelt spricht in diesem Zusammenhang auch von einer «SaaSpocalypse»: eine Apokalypse für sogenannte «software-as-a-service»-Aktien.

Am Dienstag brachen zunächst die Aktien von Firmen ein, die spezifische Softwares für Juristinnen und Juristen herstellen. Danach folgten jene, die Softwares allgemein herstellen, und schliesslich wurden auch weitere Aktien in Mitleidenschaft gezogen. Einige sprachen gar von einem «globalen Ausverkauf im Technologiesektor». Tatsächlich verloren Softwareaktien nicht nur an der Wall Street, sondern auch in Europa und später in Asien.

Welche Aktien haben besonders verloren?

In den USA verloren Softwareaktien wie Adobe, Salesforce, Intuit, ServiceNow, Autodesk, Palo Alto Networks, Microsoft und Oracle an einem Tag teils zweistellig. Thomson Reuters, zu dem auch die juristische Datenbank Westlaw gehört, sackte am Dienstag um mehr als 18 Prozent ab.

Der Index der Technologiebörse Nasdaq verlor kurzzeitig knapp zwei Prozent, am Ende des Tages waren es 1,5 Prozent.

Den europäischen Software-Grössen ging es nicht anders: Die Aktien von Relx (Medienkonzern und Anbieter von Online-Datenbanken; minus 14 Prozent), die London Stock Exchange Group (Anbieter von Finanzmarktdaten und -infrastruktur; minus 13 Prozent) oder Pearson (u.a. Verlag für Schul- und Universitätslehrbücher; minus 9,6 Prozent) verloren massiv.

Wie geht es weiter?

Eine sehr gute Frage, die derzeit wohl niemand beantworten kann. Die Märkte sind aufgrund der zahlreichen KI-Startups was man als «nervös» bezeichnen würde: Im Moment weiss wirklich niemand so genau, wie gross die Kreise sein werden, welche die KI-Revolution zieht. Damit weiss auch niemand, wie stark die Verlierer tatsächlich verlieren werden – und wer das überhaupt sein wird. Und über all dem schwelt die Angst, dass sich der KI-Boom selber als «Bubble» entpuppen wird.

Was das für Anlegerinnen und Investoren bedeutet, erklärt ein Experte gegenüber «Bloomberg» so:

«Dieses Jahr wird entscheidend dafür sein, ob Unternehmen zu den Gewinnern oder Verlierern der KI gehören werden, und die wichtigste Fähigkeit wird darin bestehen, die Verlierer zu vermeiden. [...] Bis sich die Lage beruhigt hat, ist es gefährlich, sich der KI in den Weg zu stellen.»
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
75 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
eldorak
04.02.2026 11:55registriert April 2019
Ausgerechnet im Juristischen bereich soll es ein Problem sein, wo man teilweise Jahre auf einen Prozess wartet, weil alle komplett überlastet sind?
851
Melden
Zum Kommentar
avatar
Retter vom Genitiv
04.02.2026 13:43registriert März 2025
Na, dann soll doch der Claude mal als kleine Fingerübung die Files vom Jeffrey analysieren. Da steckt sicher genügend Juristenfutter drin.
440
Melden
Zum Kommentar
avatar
Cantillon
04.02.2026 12:38registriert Oktober 2025
"wurden fast 300 Milliarden US-Dollar vernichtet."

Wie kann etwas vernichtet werden das nur theoretisch da ist ?
319
Melden
Zum Kommentar
75
Preise für Gold und Silber ziehen nach Turbulenzen wieder an
Die Preise für Gold und Silber setzen ihren Aufwärtstrend nach den jüngsten Turbulenzen fort. Der Preis für eine Feinunze Gold (etwa 31,1 Gramm) stieg in der vergangenen Nacht an der Metallbörse in London wieder auf mehr als 5000 US-Dollar.
Zur Story