Wie Jeffrey Epstein reich wurde
Zugegeben, es ist eine einfache Antwort. Aber sie stammt von einer Person, die es wissen muss: Mitte Dezember zeichnete ein Team der «New York Times», darunter Wirtschaftsjournalistin Silver-Greenberg, die Geschichte von Epsteins Vermögen nach: Der Artikel berichtete, so die «Times», «die Wahrheit darüber, wie sich ein Studienabbrecher an die Spitze der amerikanischen Finanzwelt und Gesellschaft hochgearbeitet hat».
Doch die Herkunft von Teilen des am Ende auf 600 Millionen geschätzten Epstein-Vermögens blieb auch nach monatelanger Recherche unklar. Die jüngste Veröffentlichung weiterer Epstein-Files durch das US-Justizministerium Ende Januar brachte weiteres Licht ins Dunkel. Einige Fragen sind aber noch immer nicht geklärt.
Bei der Recherche zu der verworrenen Geschichte von Epsteins Geld kristallisieren sich aber drei Schlüsselelemente heraus. Erstens: Jeffrey Epstein verstand es hervorragend, mit reichen Menschen umzugehen, sie zu bezirzen und zu manipulieren – eine Eigenschaft, die ihn fast immer vor Konsequenzen seiner oft kriminellen Machenschaften bewahrte. Zweitens: Fast alle Banken spielen in dieser Geschichte eine unrühmliche Rolle. Und drittens: Frauen waren oft Epsteins Schlüssel zum Erfolg – auf verschiedenste Weisen.
Studienabbrecher aus der Arbeiterschicht
Jeffrey Epstein sei, so soll es Ace Greenberg, ein Topbanker bei Epsteins späterem Arbeitgeber, gesagt haben, der perfekte Mann für die Wall Street: P.S.D. – «poor, smart, with a deep desire to become rich». Also: arm, gescheit und mit einem ausgeprägten Verlangen, reich zu werden.
Greenberg lernte Epstein 1976, damals 23 Jahre alt, bei einem Event in einer Kunstgalerie kennen. Epstein war in einer Arbeiterfamilie in Brooklyn aufgewachsen, galt als Mathematikgenie und exzellenter Klavierspieler. Er hatte die High School früh abgeschlossen, besuchte kurz zwei Universitäten, sein Studium schloss er jedoch nie ab. Zwischen 1974 und 1976 unterrichtete Epstein Mathematik an der Dalton School, einer der renommiertesten Privatschulen New Yorks. Dort wurde er allerdings, so die NYT, nach dem ersten Schuljahr entlassen – angeblich wegen «schlechter Performance», möglicherweise aber auch, weil sein «etwas unübliches Verhalten», besonders in Bezug auf junge Studentinnen, auffiel.
Aber Epstein unterrichtete in der Dalton School den Sohn von Michael Tennenbaum, einem weiteren Banker und Kollegen von Greenberg. Sein Sohn schwärmte gegenüber Tennenbaum von Epstein: Dieser sei wahnsinnig gut in Mathematik und käme bei den Leuten, besonders bei Frauen, gut an.
Tennenbaum und Greenberg, die beiden Banker, stellten Epstein kurz danach bei der New Yorker Investmentbank Bear Stearns ein.
Aufstieg bei Bear Stearns
Zwischen 1976 und 1981 arbeitete sich Jeffrey Epstein in der Investmentbank empor. Die Beziehungen zu Tennenbaum und Greenberg, dessen Tochter er zu daten begann, halfen ihm dabei beträchtlich.
Mehrmals hätte Epstein, der sich durchaus als guter Verkäufer und Händler herausstellte, eigentlich gefeuert werden sollen, wurde aber immer vor Konsequenzen verschont. So fanden Führungspersonen der Bank kurz nach seiner Einstellung heraus, dass er bei seinem Lebenslauf gelogen hatte: Epstein hatte, anders als von ihm behauptet, keinen Universitätsabschluss in Kalifornien vorzuweisen. Greenberg und Tennenbaum, der seine Aktionen laut NYT heute tief bedauert, stellten sich aber hinter ihren Schützling.
Die Zeitung beschreibt die Szene so:
Er [Tennenbaum] bestellte Epstein in sein Büro. «Sie haben über Ihre Ausbildung gelogen», sagte er.
«Ja, ich weiss», antwortete Epstein ruhig. Er hatte nie einen Hochschulabschluss gemacht. Tennenbaum erinnert sich, dass ihn dieses Geständnis entwaffnete. Jahrzehnte später wird er es als Beispiel für Epsteins Fähigkeit aufführen, seine Opfer zu manipulieren – in diesem Fall ihn selbst.
«Warum haben Sie das getan?», stammelte Tennenbaum.
Ohne einen oder zwei beeindruckende Abschlüsse, sagte Epstein, «wusste ich, dass mir niemand eine Chance geben würde». Das fand Tennenbaum einleuchtend.
Auch später, lange nachdem die Beziehung zu Greenbaums Tochter geendet hatte – er habe, so die Tochter, «über alles gelogen» –, entkam Epstein zahlreiche Male einer Entlassung bei seinem Arbeitgeber Bear Stearns. So kaufte er einer Freundin Diamanten, gab einer weiteren Freundin Insidertipps, lieh einem Bekannten 15'000 Dollar und buchte Luxus-Trips, alles auf Firmenrechnung.
Ganz ungeschoren kam er aber nicht davon: Die US-Börsenaufsichtsbehörde führte bei der Bank eine Untersuchung wegen Insiderhandels durch, in deren Zuge sie auch Epstein verhörte. Später begann auch sein Arbeitgeber gegen ihn zu ermitteln. Epstein, der als «limited partner» (eine Stufe unter Partner) mittlerweile etwa 200'000 Dollar jährlich verdiente (mehr als 800'000 heute), reagierte aggressiv auf die Vorwürfe. Als überaus milde Strafe musste er 2500 Dollar zahlen und wurde für zwei Monate beurlaubt. Doch Epstein liess sich das nicht gefallen – und kündigte.
Während er die Bank hinter sich liess, nahm er einen wichtigen «Vermögenswert» mit: seine Bear-Stearns-Kontakte.
Die Zeit danach
Während seiner Zeit bei der Investmentbank hatte sich Jeffrey Epstein den Ruf eines diskreten Bankers, der sich ausserordentlich gut mit besonders wohlhabenden Menschen verstand, erarbeitet. Trotzdem, so schreibt es die «New York Times», war der Mann, der 2008 erstmals als Sexualstraftäter verurteilt werden wird, in den ersten zwanzig Jahren seiner Geschäftstätigkeit «weniger ein Finanzgenie als vielmehr ein begnadeter Manipulator und Lügner».
Seine ehemaligen Mitarbeitenden bei Bear Stearns halfen Epstein trotz seines frühen Rufes als zwielichtiger Banker dabei, den weiteren Schritt in seiner Vermögensanhäufung zu gehen.
Spätestens ab hier wird es komplex: Die Liste der reichen Personen, mit denen sich Epstein anfreundete und die ihm zu weiterem Geld und Ansehen verhalfen, ist lang. Was sich aber in dieser Zeit festigt, ist seine Taktik: Einem Schneeballsystem nicht unähnlich, nutzte Epstein bestehende Kontakte – oft waren es Frauen, manche davon seine festen Freundinnen –, um weitere, noch einflussreichere Kontakte zu knüpfen. Oft gab er bei diesen dann mit anderen einflussreichen und berühmten Kontakten an.
So schlich sich der New Yorker an Banker und Unternehmer, an reiche Erben und Adelige heran und verschaffte sich so Zugang in die Kunstszene, zur Wissenschaftselite, zu Silicon-Valley-Tech-Milliardären und Politikern – darunter sogar der damalige US-Präsident Bill Clinton.
Doch wie kam er dabei an Geld? Einerseits durch eine Vielfalt an Finanzdiensten, die er für vermögende und oft auch befreundete Personen tätigte: Verwalten von Privatgeldern, Hilfe in Steuerfragen, Aufspüren von verschollen geglaubten Geldern, oder Finanz-Deals, an denen er mitverdiente.
Andererseits aber auch durch gezieltes – man kann es nicht anders sagen – Abzocken. Offenbar wusste Jeffrey Epstein dabei genau, welche Menschen er übers Ohr hauen konnte, und mit welchen er es sich nicht verscherzen durfte.
Durch Schlüsselfiguren zum Millionär
Welche Rolle seine später aufgedeckten Machenschaften als Sexualstraftäter und Menschenhändler in seiner Anhäufung von Reichtum spielten, bleibt vor allem in den ersten zwei Jahrzehnten seiner Karriere unklar. Doch Frauen waren bereits früh sein Schlüssel zum Erfolg.
So war der Kontakt zu einer Person bei Bear Stearns, die sich für Epstein als wegweisend erweisen sollte, eine junge Verkäuferin – und ehemalige Miss Indianapolis – namens Paula Heil. Durch sie (die beiden führten eine Beziehung) lernte Epstein den reichen Briten Nick und dessen Vater Douglas Leese kennen. Der Vater, ein Unternehmer mit weitreichenden Verbindungen zur Waffenindustrie und zur britischen Regierung, fand sogleich Gefallen an Epstein und wurde sein Mentor. Die Familie Leese vermittelte ihm weitere Kontakte an der Wall Street. Wenige Jahre später endete die enge Freundschaft: Douglas Leese beschuldigte Epstein, auf seine Rechnung private Concorde-Flüge und Aufenthalte in Luxushotels abgerechnet zu haben.
Zu dieser Zeit soll Epstein laut NYT zwar viel Geld ausgegeben, aber noch sehr wenig davon gehabt haben – er habe oft nur knapp seine Miete zahlen können. Dafür investierte er in seine Kontakte. Manchmal habe er sich am Telefon vorgestellt mit: «Bear Stearns» – obschon er nicht mehr dort arbeitete.
Das konnte man aber leicht übersehen: Ein ehemaliger Mitarbeiter sendete regelmässig junge Bear-Stearns-Sekretärinnen an Epsteins Adresse. Dieser begann eine Affäre mit mindestens einer dieser Frauen. Aber vor allem benutzte er sie, um an Informationen über mögliche Klienten und Kontakte bei der Bank zu gelangen.
Ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter stellte Epstein dem Videospiele-Unternehmer Michael Stroll vor. Ihm verdankte er die langersehnte grössere Anschubfinanzierung: Stroll vertraute Epstein 450'000 Dollar an, die dieser in einen angeblichen Öl-Deal investieren wollte. Der Deal fand allerdings nie statt, und Epstein verschwand mit dem Geld von Strolls Bildfläche.
Auch bei anderen Investoren warb er um Geld, um danach damit abzutauchen.
Später war Epstein mit Ana Obregón, einer prominenten spanischen Schauspielerin, liiert. Bald darauf wurde er von den Obregóns und anderen spanischen Familien beauftragt, ihr Geld aufzuspüren, das Jahre zuvor durch den Zusammenbruch einer grossen Maklerfirma verschwunden war.
Epstein fand das Geld in einer Filiale einer kanadischen Bank auf den Kaimaninseln. Für diesen Fund wurde er reichlich belohnt – und gemeinsam mit dem vorher «verdienten» Geld machte ihn dies noch in den 80er-Jahren erstmals zum Millionär.
Ein Milliardär speist Epsteins Firma
1987 machte Epstein mit dem Milliardär Leslie Wexner seine in monetärer Hinsicht bis dahin bedeutendste Bekanntschaft. Es war ein Zufall: Epstein sass auf einem Flug neben einem reichen Bekannten Wexners, der die beiden Männer später einander vorstellte. Leslie Wexner war damals bereits der Gründer der bekannten Bekleidungsmarke The Limited, später baute er sich ein Imperium auf, zu dem Marken wie Victoria's Secret und Abercrombie & Fitch gehören.
Obwohl mehrere Angestellte Wexner vor Epstein gewarnt haben sollen, wurde dieser ein Jahr später dessen persönlicher Finanzberater. 1991 hatte Epstein die Vollmacht über sämtliche Finanzen Wexners. Gemäss Forbes erhielt er bis 2007 mindestens 200 Millionen Dollar von Wexner – praktisch als Cash auf die Hand. Hinzu kamen zahlreiche Immobilien, die er für wenig oder gar nichts überschrieben erhielt. Und ein Flugzeug: Eine Boeing 727 mit dem Spitznamen «Lolita Express» gehörte von 1990 bis 2001 zu Wexners Limited, bevor sie für einen unbekannten Betrag an Epstein übertragen wurde. Es war das Flugzeug, das später minderjährige Frauen auf seine 1997 erworbene Privatinsel Little St.James transportierte.
Bis heute ist unklar, was Wexner im Gegenzug von Epstein erhielt. Als gesichert gilt, dass der später verurteilte Sexualstraftäter seinen reichen Bekannten jeweils junge Frauen zuführte. Im Raum steht der Verdacht, dass er sie beim Sex filmte und die Männer damit erpresste – wofür es bis dato jedoch keine Beweise gibt.
Fest steht: Kurz nachdem sich seine Lebensgefährtin Eva Andersson von ihm getrennt hatte, lernte Epstein 1992 Ghislaine Maxwell kennen. Nach dem Tod ihres Vaters, eines britischen Verlegers, Unternehmers und Politikers, stand er ihr finanziell und als Freund bei. Die beiden wurden ein Paar. Laut NYT begann nun die Zeit, in der Epstein (auch mit der Hilfe Maxwells) systematisch Hunderte von jungen Frauen und Teenagern anwarb und sie sexuell missbrauchte. Maxwell wurde 2021 wegen ihrer zentralen Rolle in Epsteins Sexhandelsring verurteilt und verbüsst derzeit eine 20-jährige Haftstrafe.
Derweil häufte Epstein sein Vermögen dank enorm grosszügiger Steuervergünstigungen auf den amerikanischen Jungferninseln nahezu steuerfrei an. 1996 liess er sich dort nieder, 1998 gründete er eine Finanzberatungsfirma namens Financial Trust Company – im selben Jahr, als er für rund acht Millionen Dollar die Insel Little St. James kaufte, die heute wegen ihrer Rolle in seinem Sexhandelsring als «Pädophileninsel» bezeichnet wird.
Zwischen Ende der 1990er Jahre und 2007 wuchs Financial Trust gemäss den in öffentlichen Gerichtsakten enthaltenen Finanzberichten vor allem durch Wexners Geld. Und Epstein liess es sich gut gehen: Er fuhr in einem Rolls-Royce durch Manhattan und kaufte sich zahlreiche Immobilien, etwa in Palm Beach, Florida, rund zwei Kilometer von Donald Trumps Anwesen Mar-a-Lago entfernt. Beide hatten sich bereits in New York kennengelernt und Epstein begann, in Mar-a-Lago Partys mit NFL-Cheerleadern und «Calender Girls»-Kandidatinnen zu besuchen.
Gegenüber neuen Bekanntschaften verwies Epstein zudem stets auf seine Verbindungen zu David Rockefeller und behauptete, das Vermögen der berühmten Rockefeller-Dynastie zu verwalten. Eine Person, die Rockefeller nahestand und ihm bei der Verwaltung seines Vermögens half, hat dies gegenüber der NYT bestritten. Es war aber vor allem Epsteins langjährige Beziehung zum Milliardär Wexner, die bei Reichen und Banken Eindruck machte. Und so spann er in den 90er-Jahren sein Beziehungsnetz unermüdlich weiter – bis er in die obersten Sphären gelangte.
Epstein begann, Politikern viel Geld zu spenden, was ihm wiederum neue Bekanntschaften verschaffte. 1989 begleitete Epstein Wayne Owens, einen demokratischen Kongressabgeordneten aus Utah, auf einer Reise in den Nahen Osten. Es ging um Möglichkeiten zur Förderung der Geschäftsbeziehungen zwischen Israel und seinen Nachbarn. Bis zu seinem Ende unterhielt Epstein so Beziehungen etwa zu Israels Premier Benjamin Netanjahu oder zu Saudi-Kronprinz Mohammed bin Salman.
Über den Senator George Mitchell lernte Jeffrey Epstein auch Lynn Forester kennen – eine Frau, die sich von grossem Wert für ihn herausstellen sollte. Epstein überredete Forester, sich von ihm bei ihrer Scheidung von einem prominenten Politiker beraten zu lassen, sodass sie nicht über den Tisch gezogen würde.
Dies erinnert an eine Strategie, die er auch bei anderen meisterlich anwandte:
Über Lynn Forester, die in den 90er-Jahren von Bill Clinton in eine Beratungskommission des Weissen Hauses berufen worden war, lernte Epstein den US-Präsidenten kennen. Epstein hatte zuvor viel Geld gespendet und war mehrmals Gast im Oval Office. 1995 waren die beiden Männer so gut befreundet, «dass Clinton Epsteins kranker Mutter eine Genesungswunschkarte schrieb», so die NYT.
Forester machte Epstein auch mit dem Harvard-Rechtsprofessor Alan Dershowitz bekannt. Epstein vermittelte Dershowitz an die Bank Bear Stearns, wo er zwar seit Jahren nicht mehr Mitarbeiter war, aber als mittlerweile gewichtiger Kunde sein Geld auf mehreren Konten lagerte. Dershowitz seinerseits wurde zum bekanntesten Verteidiger Epsteins. In einem Meinungsbeitrag für die «Los Angeles Times» plädierte er für die Herabsenkung des Alters der sexuellen Mündigkeit auf 15 Jahre.
Der 2. Akt: Ein neuer Milliardär
2007 sprang Epsteins grösster «Sponsor» ab: Laut Leslie Wexner, der 2020 in einem Brief schreiben wird, er bereue die Beziehung zu Epstein zutiefst, trennten sich die Wege der beiden Männer, weil Epstein rund 45 Millionen Dollar seines Vermögens veruntreut habe. Dieser Absprung läutete das Ende des Financial Trust ein: Von 2000 bis 2006 hatte die Firma, Epsteins damaliges Hauptgeschäft, Gebühreneinnahmen in Höhe von 300 Millionen US-Dollar erzielt. In den folgenden sechs Jahren waren es weniger als fünf Millionen US-Dollar.
Hinzu kam die Finanzkrise, die auch Epstein nicht verschonte: Von 2008 bis 2012 verzeichnete seine Financial Trust Nettoverluste in der Höhe von 166 Millionen Dollar. Und schliesslich musste er auch einen wesentlichen Dämpfer in seinem Beziehungsnetz und seinem Ruf hinnehmen: 2008 bekannte er sich in Florida in zwei Fällen der Prostitution schuldig. Es war ein überaus guter Deal mit der Staatsanwaltschaft, bei dem seine Beziehung zu Alan Dershowitz entscheidend war.
Es hätte Epsteins finanzielles Ende sein können, schliesslich war er nun ein verurteilter Sexualstraftäter – und damit nicht unbedingt eine Person, mit der sich Banken und die High Society gerne sehen lassen. Doch es kam anders.
Epstein intensivierte in den Jahren nach 2007 seinen Kontakt zum Milliardär Leon Black, CEO und Mitbegründer des Private-Equity-Giganten Apollo Global Management, den er seit den 1990er-Jahren kannte. 2012 kamen die beiden Männer auf die Idee, Epstein könnte Black in Fragen der Treuhand- und Nachlassplanung, in Steuer- und Philanthropieangelegenheiten sowie der Geschäftstätigkeit von Blacks Family Office beraten.
Gesagt, getan: 2013 gab es eine Vereinbarung zwischen Black und Epsteins inzwischen neu gegründeter, zweiter Firma Southern Trust. Auch diese Firma würde von nun an primär durch eine Quelle gespiesen werden: 2013 zahlte Black Epsteins Firma rund 50 Millionen, 2014 waren es gar 70 Millionen und 2015 30 Millionen – alles für seine finanziellen Dienste. 2016 scheint Black Epstein kein Geld gezahlt zu haben, und Southern Trust meldete für dieses Jahr keine Gebühreneinnahmen. 2017 leistete Black seine letzte Zahlung an Epstein in der Höhe von 8 Millionen Dollar – die einzigen Gebühreneinnahmen, die Southern Trust für dieses Jahr offiziell aufführte.
2018 endete auch diese (Geschäfts-)Beziehung – angeblich, weil Epstein Black von einem 30-Millionen-Kredit nur zehn Millionen zurückzahlen wollte.
Die fehlenden Puzzle-Teile
Somit liess sich Epstein in der zweiten Hälfte seiner Karriere also primär von zwei Milliardären sponsern. Das Geld, das er mit Wexner und Black verdiente, erklärt zusammengezählt aber allein noch nicht alles: Von 1999 bis 2018 erzielten Epsteins beide Unternehmen einen Umsatz von über 800 Millionen Dollar: mehr als 360 Millionen Dollar an Dividenden und 488 Millionen Dollar an Gebühren von sehr vermögenden Kunden, angeblich für die Erbringung von Finanzdienstleistungen. Das rechnete Forbes kürzlich vor.
Der grosse Teil der Einnahmen verdankte Epstein Wexner (über 200 Millionen), Black (170 Millionen) und dem Hedgefonds-Manager Glenn Dubin (15 Millionen). Allerdings fehlte bis vor kurzem die Erklärung für weitere 103 Millionen US-Dollar an Gebühreneinnahmen.
Mit der jüngsten Veröffentlichung eines Teils der Epstein-Akten durch das US-Justizministerium Ende Januar 2026 sind fehlende Puzzle-Teile hinzugekommen. So waren es zwei weitere, bisher in diesem Zusammenhang unerkannt gebliebene Milliardäre, die Epstein beträchtliche Summen überwiesen hatten: Ariane de Rothschild, eine französische Unternehmerin, und ihre Familie, die Rothschild-Dynastie, zahlten Epstein um 2015 etwa 25 Millionen US-Dollar. Mortimer Zuckerman, der Epstein schon seit Jahrzehnten kannte, ist verantwortlich für weitere 20 Millionen.
Offiziell waren diese Summen eine Abgeltung für finanzielle Dienste Epsteins, angeblich für Dienstleistungen im Bereich Nachlassplanung. Diese Gebühren seien aber, so «Forbes», «abnormal hoch». Sie entsprächen den Kosten «für drei der teuersten Anwälte für Treuhand- und Nachlassplanung des Landes, die in den grössten Anwaltskanzleien der Welt arbeiten und sich ausschliesslich mit diesem einen Fall befassen», so ein Vermögensplanungsexperte gegenüber «Forbes». Bei einem echten Anwalt wären solche Summen niemals zulässig – er hätte längst seine Lizenz verloren.
Jeffrey Epstein wurde 2019 erneut verhaftet und nahm sich noch im selben Jahr im Alter von 66 Jahren das Leben. Er hinterlässt viele Opfer – besonders abscheulich sind seine Verbrechen an Frauen und Mädchen, die er verschleppt, genötigt, vergewaltigt und ausgenutzt hat. Als Opfer sehen sich auch jene finanziell geschädigten Personen, die auf Epstein hereingefallen sind und/oder mit ihm paktiert haben.
Und was ist mit dem restlichen Geld, das Epstein besass und dessen Herkunft noch immer nicht geklärt ist?
Darüber gibt es, ähnlich wie beim Suizid Epsteins, zahlreiche Spekulationen. Fest steht: Mit jeder neuen Veröffentlichung von Teilen der Epstein-Akten fügen sich weitere Puzzleteile hinzu. Die jüngste Freigabe könnte aber die letzte sein: Laut US-Justizministerium sind nun alle Akten veröffentlicht. Viele zweifeln dies an: Es sei noch längst nicht alles publik gemacht worden.
Und werden doch noch weitere Files zum Vorschein kommen, werden sich die Medien abermals durch Tausende Seiten an Finanzberichten, E-Mails, Fotos und Kontoauszüge wühlen – in der Hoffnung, die Teile zu finden, die das Epstein-Puzzle vervollständigen.
Das «Problem»: Epstein bescherte JPMorgan hunderte Millionen Dollar an Einlagen, hohe Gebühreneinnahmen und lukrative neue Kunden (z. B. Google-Co-Gründer Sergey Brin). Er vermittelte wichtige Deals, darunter eine milliardenschwere Übernahme, was ihn zu einem sogenannten «Superkunden» machte. Den Warnungen einiger Mitarbeitenden zum Trotz setzte sich die Führungsetage, darunter besonders Jes Staley – ein Topmanager und enger Vertrauter Epsteins – immer wieder für ihn ein.
Die NYT geht sogar so weit zu sagen: JPMorgan hat indirekt Jeffrey Epsteins Verbrechen ermöglicht. So eröffnete die Bank neue Konten für junge Frauen, teils ohne eine persönliche Prüfung, zu der sie eigentlich verpflichtet gewesen wäre. Insgesamt wickelte die Bank über eine Milliarde Dollar an Transaktionen ab. So habe JPMorgan finanzielle Strukturen ermöglicht, die es Epstein erlaubten, seinen Menschenhandel zu betreiben.
JPMorgan wurde nach Epsteins Tod verklagt und zahlte den Opfern hohe Vergleichszahlungen. Doch kein Topmanager wurde je rechtlich zur Verantwortung gezogen.
2013 verliess Jes Staley, Epsteins Vertrauter bei der Bank, JPMorgan. Epstein begann im selben Jahr, seine 176 Millionen Dollar von JPMorgan zu seiner neuen Heimat, der Deutschen Bank, zu transferieren. Über die Deutsche Bank kam Epstein in Kontakt mit dem Silicon Valley, er freundete sich unter anderem mit den Unternehmern Peter Thiel und Elon Musk an und investierte in Tech-Firmen wie Coinbase, Palantir oder SpaceX.
Jahre später zahlte auch die Deutsche Bank mehr als 100 Millionen Dollar an die Opfer und Aufsichtsbehörden, die wegen der Beziehungen der Bank zu Epstein geklagt hatten.
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