Epstein-Files: Eine Übersicht für alle, die den Durchblick verloren haben
Eine Woche ist es her, seit das US-Justizministerium einen Schwall neuer Ermittlungsakten der sogenannten Epstein-Files veröffentlicht hat. Enthalten im riesigen Konvolut sind E-Mails, Gerichtsdokumente, ärztliche Gutachten, Fotos und Videos – insgesamt mehr als drei Millionen Seiten, über 100’000 Bilder und tausende Videoaufnahmen, verteilt auf mittlerweile elf Datensätze.
Doch trotz dieses gewaltigen Umfangs schaffen die Akten weniger Klarheit als neue Unruhe. Auch beklagen viele, in dem seit Jahrzehnten wuchernden Skandal um sexuellen Missbrauch Minderjähriger längst die Übersicht verloren zu haben. Die folgende Übersicht offenbart die bisher noch zu wenig beachtete politische Sprengkraft der verschiedenen Ebenen sowie das tiefgreifende Versagen der US-Justiz.
Opferschutz als Kollateralschaden
Die wohl schwerwiegendste Folge der jüngsten Veröffentlichung ist eine massive Panne beim Schutz der Betroffenen. Anwälte von fast 100 mutmasslichen Opfern werfen dem Justizministerium vor, sensible Daten unzureichend geschwärzt zu haben. Zeitweise waren Klarnamen, E-Mail-Adressen, private Bankdaten und sogar Nacktbilder zu sehen, auf denen Gesichter identifizierbar waren. Mehrere der betroffenen Frauen berichten im Anschluss von Todesdrohungen und akuter Gefährdung.
Das Justizministerium zog daraufhin Tausende Dokumente und Medien zurück und sprach von einem «technischen oder menschlichen Fehler». Beanstandete Unterlagen sollen künftig umgehend offline genommen, geprüft und in geschwärzter Form neu publiziert werden. Der New Yorker Richter Richard M. Berman setzte eine Konferenz an, um das weitere Vorgehen zu klären. Für viele Betroffene kommt diese Reaktion jedoch zu spät: Die Veröffentlichung habe alte Traumata heraufbeschworen und neues Leid verursacht.
Jahrzehntelanges Wegschauen
Politisch wirkt der Fall ebenso nach und beherrschte diese Woche sowohl die Schlagzeilen der US-Medien als auch die öffentliche Debatte. Bill und Hillary Clinton sollen Ende Februar vor dem Kontrollausschuss des Repräsentantenhauses unter Eid aussagen. Damit wenden sie ein drohendes Verfahren wegen Missachtung des Kongresses ab. Bill Clinton war in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren mit Epstein befreundet.
Ihm selbst wird zwar kein Fehlverhalten vorgeworfen, doch begann während seiner Präsidentschaft (1993 bis 2001) der Skandal ruchbar zu werden. Clintons wie auch die späteren Regierungen versäumten es, den Fall frühzeitig aufzuklären.
Die neu veröffentlichten Dokumente zeigen eindrücklich, dass es frühzeitig Möglichkeiten für eine umfassendere Strafverfolgung gegeben hätte. Besonders aufschlussreich ist der Entwurf einer Anklageschrift aus der Mitte der 2000er-Jahre, in dem Epstein gemeinsam mit drei weiteren Mitangeklagten aufgeführt wird. Die Namen dieser Personen sind geschwärzt, die Anklageschrift selbst gelangte nie an die Öffentlichkeit. Warum das Verfahren nicht weiterverfolgt wurde, ist bis heute unklar.
Der Jurist und ehemalige Bundesanwalt Eddie Honig wertet gerade dieses Dokument als Beleg dafür, dass der Fall Epstein nicht an fehlenden Hinweisen, sondern an institutionellem Versagen scheiterte. Es habe immer wieder Meldungen und Anzeigen von jungen Frauen und Mädchen gegeben, die von Polizei und FBI entweder ganz ignoriert oder nicht konsequent verfolgt wurden – unabhängig davon, wer gerade in der Regierung sass.
Prominente Namen und ihre Bedeutung
Wie schon bei früheren Veröffentlichungen sorgen auch diesmal die prominenten Namen zunächst für die grösste öffentliche Aufmerksamkeit. In den Akten finden sich E-Mail-Kontakte mit Tech-Milliardär Elon Musk, Hinweise auf Treffen mit Bill Gates sowie neue Details zur Rolle des früheren britischen Prinzen Andrew. Neu genannt wird etwa auch Steve Tisch, einflussreicher Filmproduzent («Forrest Gump») und Co-Besitzer des NFL-Football-Teams New York Giants.
In einem Mail-Austausch aus dem Jahr 2012 zwischen Jeffrey Epstein und Elon Musk geht es um eine mögliche Reise auf Epsteins Insel. Musk fragt, an welchem Tag dort die «wildeste Party» stattfinde. Musk erklärte später auf X, er habe nur sehr wenig Kontakt gehabt und befürchte, dass einzelne Mails missinterpretiert werden könnten.
Dabei gilt: Die blosse Erwähnung eines Namens belegt weder strafbares Verhalten noch eine Beteiligung am sexuellen Missbrauch. Die Akten zeichnen jedoch das Bild eines weitverzweigten Netzwerks, in dem Epstein als weltweit geschätzter Gastgeber, Vermittler und Knotenpunkt fungierte – und in dem sich Akteure aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Adel bewegten, teils auch nach seiner Verurteilung 2008.
Wie einzelne E-Mails belegen, forderte Epstein sein Netzwerk immer wieder dazu auf, ihm noch unbekannte «interessante Persönlichkeiten» zu nennen, mittels derer er etwa Einfluss auf die Wirtschaft, den Kunsthandel oder wissenschaftliche Forschungen nehmen wollte. Wie ein deutsches Investigativ-Kollektiv am Donnerstag berichtete, bemühte sich Epstein dank solcher Kontakte 2009 um den Kauf der damals grössten europäischen Privatbank Sal. Oppenheim.
In Grossbritannien wackelt die Regierung, in Norwegen die Monarchie
In Grossbritannien belasten neue Enthüllungen sowohl die Royals als auch die Regierung. Neue E-Mail-Verläufe aus den Akten sollen die Echtheit des berüchtigten Fotos stützen, das den früheren Prinzen Andrew mit Virginia Giuffre zeigt – dem Opfer, das ihm sexuellen Missbrauch vorwarf und sich später mit 41 Jahren das Leben nahm. Andrew und Epstein-Komplizin Ghislaine Maxwell hatten Zweifel an der Echtheit geäussert beziehungsweise von einem «Fake» gesprochen. Weitere Mails deuten auf fortgesetzte Kontakte und mögliche Treffen selbst nach Epsteins Verurteilung hin.
Parallel stürzt die enge Verbindung des früheren Ministers Peter Mandelson zu Epstein Premierminister Keir Starmer in eine Regierungskrise. Starmer entschuldigte sich bei den Opfern, weil er Mandelsons Verharmlosungen, Epstein kaum gekannt zu haben, geglaubt und ihm einen Spitzenposten anvertraut hatte. Neue Akten werfen zudem den Verdacht auf, Mandelson habe während der Finanzkrise sensible Informationen weitergegeben; die Polizei ermittelt. In Starmers Labour-Partei mehren sich Stimmen, die angesichts solcher Fehltritte seinen Rücktritt fordern.
In Norwegen steht derweil Kronprinzessin Mette-Marit unter Druck, nachdem ihr Name Hunderte Male in den Akten aufgetaucht ist. Berichtet wird von jahrelangem privaten Mail-Kontakt und Aufenthalten in Epsteins Umfeld. Mehrere Organisationen fordern vom Königshaus umfassende Aufklärung. Die Kronprinzessin verschob unter dem Eindruck der Affäre eine geplante Auslandsreise und sprach am Freitag eine öffentliche Entschuldigung aus. Die deutsche Epstein-Expertin Julia Amalia Heyer vom «Spiegel» nennt Mette-Martis Fall aussergewöhnlich. Offenbar habe diese «aus purer Langeweile» und Naivität angefangen, mit Epstein zu flirten.
Gerade zu Norwegen scheint Epstein besonders intensive Kontakte gepflegt zu haben. Gegen den Ex-Ministerpräsidenten und früheren Generalsekretär des Europarates, Thorbjørn Jagland, ist laut Agenturberichten vom Freitag eine Ermittlung wegen des Verdachts schwerer Korruption eingeleitet worden. Er soll von Epstein Geschenke, Reisen und andere Vorzüge angenommen haben.
Zusätzliche Brisanz erhält die Lage, weil in Oslo gleichzeitig ein Vergewaltigungsprozess gegen ihren ältesten Sohn Marius Borg Høiby begonnen hat. Bei vielen Norwegern weckt diese Häufung an Skandalen grundsätzliche Zweifel an der Zukunft der Monarchie.
Geopolitische Dimensionen und Spionageverdacht
Über die USA und Westeuropa hinaus erhält der Skandal auch eine geopolitische Dimension. Polens Ministerpräsident Donald Tusk liess die Akten nach möglichen Polen-Bezügen durchsuchen und stellte die These einer russischen Geheimdienstoperation in den Raum – einer sogenannten «Honey Trap» gegen westliche Eliten. Belege dafür gibt es bislang nicht.
Stefan Meister, Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, sagt zwar auch, vieles sei Spekulation, man könne aber feststellen, dass Epstein aufgrund seines Netzwerks für den russischen Inlandsgeheimdienst FSB «sehr interessant gewesen» sei.
In Litauen leiteten die Behörden unterdessen ein Vorverfahren wegen Verdachts auf Menschenhandel ein, nachdem Medienbelege auf Kontakte Epsteins zu litauischen Künstlerinnen und Models sowie Geschäftsbeziehungen zu einem Unternehmer hingewiesen hätten.
Moskau reagierte auf die Ankündigung Polens scharf: Putins Vertrauter Kirill Dmitrijew wies die Russland-Verdächtigungen als Lüge zurück, attackierte «linke Eliten» und streute seinerseits Verschwörungsbehauptungen. Dmitrijew gilt zudem als Russlands Chefunterhändler in Gesprächen mit den USA und soll gute Beziehungen zum Trump-Sondergesandten Steve Witkoff aufgebaut haben – was die politische Brisanz zusätzlich erhöht.
Und was ist mit Donald Trump?
Trumps Name taucht in den neu freigegebenen Dokumenten laut «New York Times» in mindestens 4500 Akten auf; Hinweise auf eine Verwicklung in Epsteins Verbrechen sind aber bisher nicht bekannt geworden. Das US-Justizministerium betonte zudem, es habe kein Eingreifen des Weissen Hauses gegeben. Die Nachrichtenagentur AP bezweifelt indes die Aussage des Ministeriums, «bekannte Persönlichkeiten und Politiker» seien ausdrücklich nicht anonymisiert worden.
Trotzdem reagiert US-Präsident Donald Trump nach der Aktenfreigabe zunehmend gereizt. Mitte Woche erklärte vor Journalisten, es sei «jetzt wirklich an der Zeit, dass das Land sich wieder etwas anderem zuwendet». In den Akten sei über ihn nichts herausgekommen, ausser einer «Verschwörung gegen mich» durch Epstein und andere. Auf die Frage einer CNN-Reporterin, was er den Opfern sage, die sich weiterhin um Gerechtigkeit betrogen fühlten, reagierte Trump mit wüsten Beschimpfungen. Beobachter sehen darin einen Hinweis, dass die Frage zumindest einen wunden Punkt traf.
Trump pöbelt gegen CNN-Reporterin Kaitlan Collins:
Selbst wenn für den harten Kern der Maga-Bewegung und viele Verschwörungstheoretiker die lückenlose Aufklärung von höchster Bedeutung ist, glaubt die Epstein-Expertin Julia Amalia Heyer nicht, dass Trumps geringschätziger Umgang mit dem Skandal ihm wirklich gefährlich werden könne. Bisher habe man ihm diesbezüglich noch keine Unwahrheit nachweisen können. Auch sei Trump einer der wenigen Prominenten, die nachweislich bereits vor Epsteins erster Verhaftung dauerhaft mit ihm gebrochen haben.
Fazit: Ein Skandal ohne Abschluss
Die bisher und neu veröffentlichten Epstein-Files liefern weniger abschliessende Antworten als ein bedrückendes Gesamtbild: eines global vernetzten Machtmilieus, jahrzehntelangen Justizversagens und eines Systems, das Hinweise auf schweren Missbrauch ignorierte. Dass ausgerechnet die Veröffentlichung der Akten erneut Opfer gefährdete, unterstreicht die besondere Tragik dieses Falls.
So bleibt der Epstein-Skandal auch nach Millionen Seiten offen gelegter Dokumente ein Skandal ohne Abschluss – und noch ohne Gerechtigkeit für viele der Betroffenen, im Gegenteil. (aargauerzeitung.ch)
