Wirtschaft
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Gemächlich radeln und das Leben geniessen.
bild: shutterstock

Wohlstand ohne Wachstum ist möglich – oder warum der kapitalistische Velofahrer nicht umfallen muss

Deflation und stagnierendes Wirtschaftswachstum sind die biblischen Plagen der modernen Gesellschaft. Oder doch nicht? Japan zeigt, dass der Kapitalismus auch ohne Wachstum funktionieren kann.



Der tschechische Ökonom und Bestseller-Autor Tomas Sedlacek vergleicht den Kapitalismus gerne mit einem Velofahrer: Sobald er stillsteht, respektive nicht mehr wächst, fällt er um.  

Die verschobene Ökokatastrophe

Die Frage, ob der Kapitalismus zu permanentem Wachstum verdammt ist, beschäftigt die Menschheit seit Jahrzehnten. 1972 veröffentlichte der Club of Rome seinen legendären Report «Die Grenzen des Wachstums». Dieser gipfelte in der düsteren Prophezeiung, dass der kapitalistische Wachstumszwang in einer Ökokatastrophe enden müsse.

Chimneys of a power plant emitting smog are pictured from a plane, outskirts of Beijing January 8, 2016. REUTERS/Kim Kyung-Hoon

Rauchende Kamine von Kohlekraftwerken ausserhalb von Peking.
Bild: KIM KYUNG-HOON/REUTERS

Der Club of Rome versank bald wieder in der Versenkung, denn die Ökonomen hatten mittlerweile das «qualitative Wachstum» entdeckt. Investitionen in den Umweltschutz würden ebenfalls das Bruttoinlandprodukt (BIP) steigern, ohne das Ökosystem zu zerstören, so die neue Doktrin. Der kapitalistische Velofahrer konnte mit gutem Gewissen weiterradeln.  

«Nach fast allen gängigen Massstäben, um die Wohlfahrt zu messen, befindet sich Japan an der Spitze.»

Zachary Karabell, Foreign Affairs

Heute verbreiten Deflation und Stagnation Angst und Schrecken. Vieles deutet daraufhin, dass die modernen Volkswirtschaften in eine längere Phase eines unfreiwilligen Null-Wachstums verfallen könnten. Der Begriff «säkulare Stagnation» macht die Runde. Fällt der kapitalistische Velofahrer demnach doch bald auf die Nase?

Nicht unbedingt, wie das Beispiel Japan zeigt. Nippon wird zwar im Westen immer wieder als abschreckendes Beispiel angeführt. Die Wirtschaft stagniert dort tatsächlich seit Jahrzehnten und ja, auch der Yen neigt zu einer leichten Abwertung. Doch entscheidend sind nicht die Kennzahlen der Ökonomen, sondern die Wohlfahrt der Menschen; und die zeigt ein ganz anderes Bild, wie Zachary Karabell in der jüngsten Ausgabe von «Foreign Affairs» schreibt:

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Die Shibuya-Kreuzung in Tokio.
bild: shutterstock.

«In der Realität ist überhaupt nichts falsch in Japan», stellt Karabell fest. «Nach fast allen gängigen Massstäben, um die Wohlfahrt zu messen, befindet sich Japan an der Spitze. Es hat eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt und eine der tiefsten Kriminalitätsraten. Die Japaner erfreuen sich bester Gesundheit und eines exzellenten Bildungssystems.» Und wer schon einmal in Japan war, wird wahrscheinlich hinzufügen: Sie besitzen auch die beste Küche der Welt.

Stagnieren auf hohem Niveau

Das reale Japan hat somit wenig mit dem im Westen verbreiteten Zerrbild zu tun. Es stimmt zwar, dass Japan weltweit die höchsten Staatsschulden aufweist, aber auch die tiefsten Steuern. Die Japaner haben schlicht einen anderen Deal mit dem Staat geschlossen als der Westen. Er geht wie folgt: Wir kaufen Staatsanleihen zu mickrigen Zinsen, und ihr verschont uns mit dem Steuervogt.  

Bisher ist dieser Deal aufgegangen. «Die wirtschaftliche Stagnation hat kaum einen Einfluss auf die hohe Qualität des öffentlichen Lebens in Japan», schreibt Karabell.

«Vielleicht stösst die Welt an die Grenzen des Wachstums, aber sie stösst noch lange nicht an die Grenzen des Wohlstandes.»

Zachary Karabell

So gesehen muss man Japan daher keineswegs als Beispiel eines dekadenten Kapitalismus sehen. Nippon könnte vielmehr wegweisend sein für einen Kapitalismus ohne Wachstumszwang. Der technische Fortschritt wird dabei eine entscheidende Rolle spielen.

Macht das BIP im digitalen Zeitalter noch Sinn?

Das McKinsey Global Institute, die Denkfabrik des gleichnamigen Beratungsunternehmens, hat kürzlich geschätzt, dass bald Roboter fast jeden zweiten Job verrichten werden. Dies wird zwangsläufig zu tieferen Löhnen führen, aber auch zu tieferen Preisen. Beides zusammen wird das BIP schrumpfen lassen, doch ist das BIP in der digitalen Wirtschaft überhaupt noch der richtige Massstab?

«Bei Wikipedia zu browsen, auf YouTube Videos anzuschauen oder bei Google Informationen zu suchen, bedeuten einen Mehrwert für die Menschen, aber das kostet nichts und schlägt sich deshalb auch nicht im BIP nieder», stellt Karabell fest. Ähnlich kann man feststellen, dass beispielsweise Solarzellen zwar bei der Installation etwas kosten, dann aber gratis Strom liefern.

Keine Grenzen des Wohlstandes

Die digitale Welt wird wahrscheinlich auch im Westen das BIP schrumpfen lassen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der kapitalistische Velofahrer umfallen wird. Oder wie es Karabell treffend formuliert: «Vielleicht stösst die Welt an die Grenzen des Wachstums, aber sie stösst noch lange nicht an die Grenzen des Wohlstandes.»

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Einfach entspannt in die Zukunft radeln, ohne umzufallen.
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    Alle Leser-Kommentare
  • Aki Mari 09.03.2016 13:01
    Highlight Highlight "Japan has one of the worst levels of gender equality in the developed world, below that of Tajikistan and Indonesia, coming in 104th out of 142 assessed countries in 2014"

    http://www.japantimes.co.jp/news/2014/10/29/national/japan-remains-near-bottom-of-gender-gap-ranking/#.VuAPzlvhDC0
  • Aki Mari 09.03.2016 13:00
    Highlight Highlight "Das japanische Sozialnetz ist so loecherig wie schweizerischer Kaese. Das Arbeitslosengeld wird zum Beispiel nur ein halbes Jahr bezahlt. Wer nur eine gesetzliche Basisrente hat, bekommt ab 65 nur 312 Euro pro Monat. Mit diesen Almosen laesst sich in einer teuren Stadt wie Tokio nicht unbedingt angenehm leben."

    "Die Japaner geben weniger als 20% des Bruttosozialprodukts fur Sozialleistung aus, waehrend fast ein Drittel des Bruttosozialprodukts in Deutschland als Sozialleistung verwendet wird."

    http://www.tkumagai.de/Koen%20ICU%20NET.htm
  • chr_bopp 09.03.2016 10:45
    Highlight Highlight Nebenbei:

    Die Japaner leben wahrschein auch deshalb gut, weil sie privat in der Regel sehr reich sind - und ihre Schäfchen in den USA und sonstwo weiden lassen.
  • chr_bopp 09.03.2016 10:45
    Highlight Highlight Dass Wohlstand ohne Wachstum möglich ist, glaube ich sofort. War in der Schweiz ja jahrzehntelang so. Bis die Ebner-Boys und der Neoliberalismus alle nervös machten. Was mir nie einleuchten wollte: Wie kann der Kapitalismus funktionieren, wenn kein Mehrwert resultiert, der den Kapitalisten belohnt? Man sage nicht: Das sei nur Geld. Stimmt schon, aber irgendwann muss Wachstum "monetarisiert" werden, also fliessen können. Ohne Return wird keiner investieren und ohne Investitionen gibt es keine Verdienstmöglichkeiten. Müssen ja nicht gerade "Arbeitsplätze" sein. Das ist mir immer noch dunkel.
    • Kyle C. 09.03.2016 15:05
      Highlight Highlight Bin kein Ökonom, deshalb verstehe ich vermutlich ihren Post nicht. Was meinen Sie damit, dass kein Mehrwert den Kapitalisten belohnt? Mir scheint es eher so, als werden sie immer wie mehr belohnt...sei es nun mit Geld oder sogar mit politischem Gewicht...
    • chr_bopp 09.03.2016 18:42
      Highlight Highlight Kapitalismus ist, wenn man Geld investiert und das nur tut, wenn mehr Geld zurückkommt. Das investierte Kapital geht ja drauf für Löhne und Material und anderes. Die Produktion muss am Markt verkauft werden. Und mit den Löhnen, die ausbezahlt wurden, bezahlt wird. Wo kommt der Mehrwert her, wenn weniger Output rauskommt als Input reingegeben wurde? Das geht nur, wenn es wächst. (Im Klartext: Wenn sich immer mehr Leute verschulden.)
  • Tilman Fliegel 09.03.2016 07:27
    Highlight Highlight Wie sieht es denn in Japan mit dem Differenz von Reich zu Arm aus?
    • Philipp Löpfe 09.03.2016 10:53
      Highlight Highlight Japan ist zusammen mit Schweden das Industrieland mit der kleinsten Ungleichheit
  • Schneider Alex 09.03.2016 05:29
    Highlight Highlight Wer einsieht, dass quantitatives Wirtschaftswachstum lediglich zu einer Vervielfältigung des immer Gleichen, für den Durchschnitt der ansässigen Bevölkerung aber zu keiner nennenswerte Erhöhung des realen Einkommens bei höherer Abgabenlast und zu einer Verschlechterung der Lebensqualität durch Dichtestress und Umweltbelastung führt, muss versuchen, wo es geht, in diese Wachstumsspirale einzugreifen, die Bremse anzuziehen. Nur mit einer qualitativ hochwertigen Wirtschaft bei beschränktem Wachstum lässt sich die Lebensqualität in der Schweiz erhalten.
  • Herbert Anneler 09.03.2016 03:37
    Highlight Highlight Wachstum an sich ist etwas Natürliches und der menschliche Geist sinnt auch immer danach, Gutes noch besser zu machen. "Besser" ist das Stichwort der Zukunft: "besser und besser" bzw. "intelligenter und intelligenter" statt immer noch "mehr und mehr". Und nicht vergessen: Als Konsumenten einerseits, als Teilhaber von Pensionskassen, AHV/IV, Lebensversicherungen, Sparer, d.h. als Kapitalgeber anderseits sind wir Ottonormalverbraucher ein entscheidender und mitveranwortlicher Motor des Wachstums. Als Konsumenten können wir steuern, als Anleger (PK, AHV/IV etc.) haben wir viel zu wenig zu sagen.
    • stadtner 09.03.2016 10:16
      Highlight Highlight Nö. Dort, wo die Lebensbedingungen nicht gut und stabil sind, dort gibt es kein Wachstum. Wenn überhaupt herrscht dort die Arterhaltung. Same Shit in der Wirtschaft: Momentan ist sehr viel in Bewegung. Und wir alle wissen, dass die aktuellen Bedingungen (viel Öl, viel Fleisch, etc.) irgendwann sehr, sehr problematisch werden. Würde der Mensch wie die Natur handeln, würde er jetzt das Null-Wachstum wählen.
  • chrach 08.03.2016 21:55
    Highlight Highlight
    Zu dem Thema ist das Dokument der UN und der Begriff Bestanderhaltungsmigration ganz interessant. Es zeigt auf wieviel Zuwanderung in verschiedenen Situationen notwendig wäre um den Standart zu halten resp. weiter zu wachsen.

    "In Szenario IV, das darauf abzielt, die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter [...] konstant zu halten, ist die Zahl der Einwanderer sogar noch höher [...]. So
    läge beispielsweise in Deutschland die Gesamtzahl der Einwanderer nach Szenario IV bei 24
    Millionen (bzw. 487.000 pro Jahr)[...]."

    http://www.un.org/esa/population/publications/migration/execsumGerman.pdf
  • Toerpe Zwerg 08.03.2016 21:25
    Highlight Highlight Ich befürchte das Beispiel Japan eignet sich schlecht zur Illustration zun zukunftstauglichem Nullwachstum. Gerne lasse ich mich eines Besseren belehren, aber es kann nicht nachhaltig sein, in einer rasant überalternden und absehbar schrumpfenden Gesellschaft mit 250% BiP Staatschulden zu operieren.
    • Der Rückbauer 09.03.2016 09:03
      Highlight Highlight Das glaube ich auch. Nur aus dem Deal: "Der Staat bezahlt uns keine oder mickrigste Zinsen, dafür hält er die Steuern tief" zu schliessen, dass Nullwachstum allein zukunftstauglich ist, bezweifle ich. Wer sagt, dass in der Natur alles wachse, verkennt, dass Menschen aufs Alter schrumpfen und dann sterben. Die Abwendung vom quantitativen Wachstum (noch mehr BIP) zum qualitativen bedingt ein radikales Umdenken, vom Makro- zum Mikrokosmos. Wir sollten das Glück bewerten und nicht den Ferrari oder die Weltumrundung im Flugzeug. Mehr Philosophie würde nicht schaden.
  • LeChef 08.03.2016 20:27
    Highlight Highlight Wachstum ist grundsätzlich nicht unbedingt nötig, aber es ist auch nichts Schlechtes. Einige Kritikpunkte zum Text:
    - Bei steigender Bevölkerungszahl muss die Wirtschaft wachsen, damit nicht pro Kopf Einkommen verloren geht.
    -Bei sinkender Erwerbsbevölkerung, zb. durch Überalterung muss die Wirtschaft sogar pro (arbeitendem) Kopf wachsen, um dies auszugleichen.
    -Natürlich drücken sich Google-Suchen und Youtube-Videos im BIP aus, einfach auf der Produktionsseite (kosten ja auch Daten!)
    -Wenn wir ein nur annähernd so grosszügiges Rentensystem wie heute halten wollen, brauchen wir Wachstum!
  • Sheez Gagoo 08.03.2016 20:17
    Highlight Highlight Wurde Japan nicht in einem früheren Artikel als schlimmes Beispiel und als dem Untergang geweiht erwähnt? Unter anderem wegen den Schulden und dem niedrigen Wachstum? Wohl eine Frage der Perspektive. Immerhin werden verschiedene ök. Denkschulen gewürdigt.
  • Hayek1902 08.03.2016 20:15
    Highlight Highlight interessante ansichten zur digitalisieeung. bei japan bin ich aber nicht einverstanden: es mag jetzt alles noch in ordnung sein, aber was ist mit japans problematischer denographie? wie will man die steigenden sozialen kosten und die steigende pro-kopf-verschuldung weiterhin tragen können ohne wachstum?
  • DerTaran 08.03.2016 19:29
    Highlight Highlight Natürlich wächst die globale Wirtschaft solange weiter bis die Zahl der Menschen stagniert und Wohlstand für alle realsisert ist. Ob sich das noch mit dem BIP messen lässt ist aber eine andere Frage.
  • JustierNo1 08.03.2016 19:02
    Highlight Highlight Starker Artikel, habe ich mir aus der Perspektive noch nie überlegt. Bin gespannt, wie sich das in Zukunft entwickelt. Interessant wird vor allem die Frage, ob es einen "maximalen Wohlstand" gibt. Findet dann ein technologischer Fortschritt überhaupt noch statt oder versinkt der Mensch ins Nichtstun? Oder ist technologischer Fortschritt in einem maximalen Wohlstand per Definition nicht mehr möglich?
  • Kookaburra 08.03.2016 18:44
    Highlight Highlight Schade, dass das Umdenken erst jetzt beginnt. Schade, dass die Schweiz im letzten viertel Jhd. (oder halbem) gegenteilig argumentiert und agiert hat. Und traurig, dass die Schweiz und unsere Wohlfahrt fälschlicherweise vergebens verschenkt wurden...

    Aber gut, dass das Umdenken stattfindet.
  • Schmiedrich 08.03.2016 18:41
    Highlight Highlight Kann dieses Buch zum Thema nur sehr empfehlen. Gut erklärt, schöne und informative Gestaltung, innovative Karten, Statistiken und Diagramme über dieses sehr wichtige Thema.
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