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Crowdworker – neue Helden der Arbeit oder digitale Taglöhner?

Die Crowd macht's – und sie kostet wenig.
bild: shutterstock

Ohne sie könnten Amazon, Zalando und Co. einpacken: Click- oder Crowdworker erledigen im Internet Kleinstaufträge, meist für sehr wenig Geld.



Hast du dich schon mal gefragt, wer die Produkte anpreist, die du im Netz findest? Wer schreibt bei Zalando, dass die «Slim Fit Jeans» einen «authentic dark wash» haben? Wer hat das Hotel beschrieben, das du über eine Buchungsseite gefunden hast? Wer sagt dir, dass die Schuhe, die du dir gerade im Netz ansiehst, «camel-farben» und nicht beige sind?

Es sind Clickworker oder Microjobber, die sowas erledigen.

Gesunder Menschenverstand aus dem Netz

Einer von ihnen ist Stefan. Der 36-Jährige lebt in Zürich und arbeitet als Informatiker. Daneben verdient er sein Geld im Internet. Er hat sich vor einiger Zeit «aus Neugierde» bei der deutschen Plattform clickworker.com registriert.

Die Clickworker kategorisieren, beantworten Fragen, erledigen Suchaufträge im Netz. Sie machen das, was man keinem Computer und auch keinem Roboter anvertrauen kann – weil es für diesen Job den Menschenverstand und die Beurteilungskraft braucht: Ist das Kleid nun orange oder rot? Ist es ein Sommer- oder ein Cocktailkleid? Ist diese Seite pornografisch oder nicht?

Die drei Merkmale der Clickworker

Den Begriff «Clickworker»

Den Begriff «Clickworker» gibt es bereits seit dem Jahr 2001: Die Nasa hat ihn geprägt, als sie Tausende von Mars-Fotos zur Auswertung ins Netz stellte. Darauf markierten Helfer in aller Welt per Mausklick Krater.

20 Cents pro Auftrag

Die Zahl der Clickworker wächst rasant. Am Beispiel der gleichnamigen Plattform ist das ersichtlich: Sie hatte Ende 2014 730'000 registrierte Nutzer – doppelt so viele wie noch im Jahr 2012.

Auch aus der Schweiz arbeiten rund 3400 Leute nur für die Plattform Clickworker – sie nehmen die geringen Verdienstmöglichkeiten in Kauf. Auch Stefans Einkommen daraus ist durchaus bescheiden. «Ich habe in den paar Monaten, seit ich dabei bin, ein paar hundert Euro verdient», bilanziert er.

Adressen kopieren im Akkord

Begonnen hat Stefan mit einem Adress-Suchauftrag. «Ich musste auf vom Auftraggeber vorgegebenen Webseiten Kontaktdaten aus dem Impressum kopieren und in eine Datenbank einfügen», erklärt er. Mit solchen Jobs steht man ganz unten in der Hierarchie und verdient sehr wenig: «Ich bekam 20 Cent pro Adresse», erinnert er sich.

Gemäss einschlägigen Foren wie Netzjob bringen einfache Clickjobs zwischen 6 und 9 Euro pro Stunde ein:

(...) Ich habe die Erfahrung gemacht, dass vor allem die kleinen Rechercheaufgaben sehr lukrativ sein können. Das Bearbeiten bzw. Bewerten von Ebay-Kategorien z.B. wird mit 0,14 Euro pro Auftrag vergütet. Das klingt natürlich nach unfassbar wenig, aber als etwas geübter Bearbeiter schafft man es, diese Aufgabe in einer Minute abzuarbeiten (im Durchschnitt). Das heisst wiederum man kommt auf einen Stundenlohn von etwa 8,40 Euro, wenn man es ganz realistisch betrachtet aber auf jeden Fall auf mehr als 7 Euro. (...)

User auf Netzjobs

Klar ist: Wer auf diesem Wege Geld verdienen will, muss Gas geben. Sinkt seine Leistung, sinkt auch der Stundenlohn – Akkordarbeit, nannte man das früher.

Die Crowd kontrolliert

Bis Stefan soweit war, musste er allerdings noch ein paar Tests bestehen: «Nach der Registration musste ich einen Grammatiktest absolvieren», erzählt Stefan. «Der war ziemlich anspruchsvoll – selbst für einen wie mich, der ein paar Semester an der Uni studiert hat.»

Marketing-Konzept und Firmenlogo aus dem Netz

Auch Designer, Marketing-Fachleute und Architekten nutzen inzwischen Arbeitsvermittlungs-Plattformen im Netz. Die Crowd erstellt Marketing-Konzepte, entwirft Logs und gestaltet Webseiten, Buchcover oder Verpackungen und nimmt an Wettbewerben teil. Nur der Gewinner bekommt ein Honorar. Ein sparsames KMU, das heute ein neues Marketingkonzept braucht, kauft sich dieses lieber im Netz, von der Crowd erstellt, bevor es sich ein teures Team ins Haus holt.

Der Clickworker wird von seinen Kollegen – also wieder von der Crowd – beurteilt und korrigiert. Wer schlechte Beurteilungen erhält und viele Fehler macht, kommt nicht weiter – Aufträge bleiben aus. Wer hingegen das Qualitätsniveau hält und die Jobs erfolgreich erledigt, kann sich hocharbeiten. «Ich wurde so rasch zum ‹Autor›», erzählt Stefan. Die nächste Stufe ist der «Korrektor», der Texte korrigieren darf.

Stefan hat inzwischen das nächste Level erreicht: Er schreibt Texte für Produkte, damit sie auf Suchmaschinen schneller gefunden werden. «Man versucht damit, die Algorithmen von Google und Co. zu überlisten.» Dazu muss er beispielsweise die Eigenschaften einer Schweizer Uhr treffend beschreiben – bestimmte Wörter müssen im Text vorkommen, damit Käufer sie auf Suchmaschinen auch finden.

Die nächste Stufe, so Stefan, sind Produktbeschreibungen, wie sie auf Ebay stehen – vorzugsweise bei Neulancierungen. Auch hier ist der Clickworker gefordert: Er muss vorgegebene Schlagwörter nach einer bestimmten Häufigkeit verwenden, der Text muss stilistisch gut daherkommen und darf wiederum kein Plagiat sein.

Wer gut arbeitet, kann aufsteigen

Die Clickworker wählen die Arbeiten, die sie übernehmen, selber aus. Je nach Niveau und Bewertung werden ihnen Aufträge angezeigt und sie können die Liste abarbeiten. Abhängig von ihrem Profil und ihren Qualifikationen werden ihnen bestimmte Jobs bevorzugt angeboten.

Stefans Texte werden peinlichst genau auf den Inhalt überprüft, denn Plagiate sind hier verboten. «Es müssen eigenständige Texte sein, die nirgends im Internet schon vorkommen.» In dieser Kategorie könne man je nach Länge des Textes pro Auftrag «3 bis 50 Euro verdienen».

Kein Geld, kein Problem!

Die wenigsten hält der geringe Verdienst und die grosse Konkurrenz von ihrer Arbeit im Netz ab. Auch Stefan hält Clickworking für «eine gute Sache».

Andere Clickworker sehen das Ganze ebenso entspannt:

Ich schätze diese Art zu arbeiten, weil es mir die Möglichkeit gibt «tote» Zeit effektiv zu nutzen und ein paar Euros dazuzuverdienen. Man sollte sich nicht von den kleinen Beträgen abschrecken lassen, denn auch diese summieren sich. Man sollte die Einnahmen immer in Relation zu bestimmen Ausgaben setzen, ich z.B. bezahle von den Einnahmen die Hosting-Gebühren meiner Internetseiten und der Rest wird für Werbung oder Plug-ins ausgegeben.

Anonymer User auf Netzjobs

Für Stefan ist diese Art zu arbeiten gar das «Modell der Zukunft». Flexibel, direkt, unverbindlich.

Das Problem der Gewerkschaften

Die Mikrojobs sind bis anhin vor allem für die Gewerkschaften ein Problem. Aus folgenden Gründen, wie Nina Scheu von syndicom ausführt:

Für alle andern – meist sind es Studenten, die sich etwas dazuverdienen möchten, Leute wie Stefan, die es aus reine Neugierde ausprobieren – oder junge Eltern, welche die Zeit, in der das Baby schläft oder fremdbetreut wird, zur Arbeit nutzen möchten – sind es flexible, einfach zugängliche und unverbindliche Jobs, die darüber hinaus gar nicht schlecht qualifiziert sind.

Und jetzt du: Was sind Clickworker für dich?

Clickworking – Crowdsourcing – Sharing Economy: Hier findest du mehr dazu

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