Wirtschaft
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A young girl hugs her mother while lining up with other people to withdraw cash from an ATM outside a National Bank branch in Athens, Greece June 28, 2015. Greece said it may impose capital controls and keep its banks shut on Monday after creditors refused to extend the country's bailout and savers queued to withdraw cash, taking Athens' standoff with the European Union and the International Monetary Fund to a dangerous new level.  REUTERS/Alkis Konstantinidis

Lange Warteschlangen: Eine Frau mit ihrer Tochter vor einer Bank in Athen. Bild: ALKIS KONSTANTINIDIS/REUTERS

«Die wollen uns nur reinlegen» – auf den Strassen in Griechenland herrscht Verzweiflung, Wut und Ratlosigkeit



Mit Überraschung, Ratlosigkeit und Sorge haben die Griechen auf die Ankündigung ihres Ministerpräsidenten Alexis Tsipras reagiert, das Volk in einem Referendum am 5. Juli über die Sparvorgaben der Gläubiger entscheiden zu lassen.

«Ich habe einen Laden. Ich brauche das Geld, um ihn am Laufen zu halten.»

Maria Kalpakidou

A worker cleans the word ''NO'' written in Greek with spray paint early morning calling for a ''No'' vote in the upcoming referendum, at the entrance of a suburban railway station in northern Athens, Sunday, June 28, 2015.  The European Central Bank has announced it is maintaining emergency credit to Greek banks at its current level. The decision keeps a key financial lifeline open but does not provide further credit to Greece's banks, which are seeing deposits drain away as many anxious Greeks withdraw savings. (AP Photo/Thanassis Stavrakis)

Referendum: Das griechische Wort für «Nein» ist hier mehrfach auf den Zaun vor einem Bahnhof in den Vororten Athens gesprayt worden.   Bild: Thanasssis Stavrakis/AP/KEYSTONE

Trotz heftiger Kritik der Eurostaaten und der Frage, was eine solche Volksabstimmung nach dem Auslaufen der Finanzhilfen am 30. Juni noch bringen könnte, stimmte das Parlament in Athen dem Referendum zu. Die Griechen stehen nun zwischen allen Stühlen – und wollen zunächst einmal ihr Geld abheben.

«Wir haben für Syriza gestimmt, damit sie entscheiden, und nicht, damit sie die Verantwortung uns übertragen.»

Nikos

Vor den Geldautomaten in Athen und Thessaloniki bildeten sich am Samstag lange Schlangen. In Thessaloniki spuckten einige Automaten kein Geld mehr aus, dafür wurde die Schlange vor der Nationalbank immer länger. «Ich habe einen Laden. Ich brauche das Geld, um ihn am Laufen zu halten», sagt die 42-jährige Maria Kalpakidou. «Wenn wir bis 4. Juli kein Abkommen haben, wird unser Bankensystem zusammenbrechen», glaubt sie.

Der 52-jährige Nikos stimmt ihr zu: «Es gibt eine Menge Angst vor dem, was passieren wird.» Er habe beim letzten Mal Syriza gewählt, sagt er: «Aber wir haben für sie gestimmt, damit sie entscheiden, und nicht, damit sie die Verantwortung uns übertragen.»

«Was bedeutet schon ein Ja oder Nein zu Massnahmen, wenn wir die Konsequenzen nicht kennen?»

Giannis Monogios

Giannis Monogios, ein junger Händler, ist genervt: Die Regierung sei «unverantwortlich und heuchlerisch», schimpft er. «Was bedeutet schon ein Ja oder Nein zu Massnahmen, wenn wir die Konsequenzen nicht kennen?» Auch Amalia Notara hält die Regierung für feige: Das Referendum sei eine «indirekte Form, Nein zu sagen, ohne die Verantwortung zu übernehmen».

Letzte Volksabstimmung vor 40 Jahren

Griechenland hat keine Übung mit Referenden, das letzte liegt mehr als 40 Jahre zurück. Damals, 1974, sollte die Bevölkerung zwischen Monarchie und Republik wählen, sie entschied sich für die Republik. Taxifahrer Anastasios Markatos ärgert sich: «Das ist ja toll, dass sie uns jetzt nach unserer Meinung fragen. Als wir Europa beigetreten sind, hat uns niemand gefragt.»

Viele Griechen zeigen sich verärgert, vor die Wahl gestellt zu werden. Vor einem Kiosk in Athen steht der Informatiker Takis Bezaitis und studiert die Schlagzeilen der Zeitungen. «Euro oder Drachme» titelt die rechtsgerichtete «Eleftheros Typos». Bezaitis lacht: «den Schweizer Franken», sagt der 40-Jährige. Dann wird er ernst. Die Wahl zwischen Ja und Nein lasse ihn ratlos.

«Die wollen uns nur reinlegen, das lassen wir nicht mit uns machen.»

Giorgos

Die Anwältin Notara will für die Sparmassnahmen der Gläubiger stimmen. Ein Nein, fürchtet sie, werde Griechenland in den Bankrott führen und auf Jahre isolieren. Der 27-jährige Giorgos dagegen will mit Nein stimmen: «Die wollen uns nur reinlegen, das lassen wir nicht mit uns machen», sagt er.

Sprayen gegen die Krise: Athener malen ihren Frust an die Wand

Damit ist Giorgos einer Meinung mit der linksgerichteten Zeitung «Efimerida ton Syntakton»: «Sie wollen, dass wir eine Kolonie werden», titelt das Blatt und ersetzt in einer Karikatur den griechischen Sitz in der Eurogruppe durch einen Elektrischen Stuhl.

«Ob die Lösung, für die wir uns entscheiden, schlecht sein wird oder sehr schlecht, für uns kommt es auf dasselbe raus.»

Dimitris Darras (Arbeitslos)

Umfrage: Knappe Mehrheit für Verbleib in Eurozone

Viele Griechen aber sind nach den jahrelangen Diskussionen und Sparmassnahmen nur noch müde. Sie glauben schon lange nicht mehr an eine bessere Zukunft – wie Dimitris Darras, einer der vielen Arbeitslosen in Athen: «Ob die Lösung, für die wir uns entscheiden, schlecht sein wird oder sehr schlecht, für uns kommt es auf dasselbe raus», sagt er und zuckt mit den Schultern.

Und während Tsipras inmitten der allgemeinen Verwirrung für ein «Nein» beim Referendum wirbt, zeigt eine jüngste Umfrage, dass immerhin 50,2 Prozent der Griechen für eine Einigung mit den Gläubigern sind – egal zu welchem Preis. 37,4 Prozent sind dagegen, 12,4 Prozent unentschieden. (dhr/sda/afp)

Cartoon zur Krise in Griechenland

Griechenland – ein Land in der Krise

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