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«Was soll's?» So antwortet Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro auf die Coronakrise.
«Was soll's?» So antwortet Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro auf die Coronakrise.
Bild: AP

Wie Super-Macho Jair Bolsonaro im Kampf gegen das Coronavirus versagt

Brasilien ist zum neuen Corona-Hotspot geworden – und Präsident Jair Bolsonaro gibt sich alle Mühe, die Epidemie noch dümmer zu managen als der US-Präsident.
21.05.2020, 06:5921.05.2020, 12:54

Als der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro gefragt wurde, weshalb sein Land so viel mehr Corona-Tote habe als China, entgegnete er lächelnd: «So what? Was soll ich dagegen tun?»

Die Antwort ist typisch für Bolsonaro. Sein Machismo ist selbst für südamerikanische Massstäbe unerträglich. Über das Coronavirus macht er sich lustig. Er besucht lieber Grill-Partys als Spitäler. Minister, die seine Meinung nicht teilen, feuert er kurzerhand.

Pro-Bolsonaro-Demonstranten in Brasília.
Pro-Bolsonaro-Demonstranten in Brasília.
Bild: EPA

Zuerst musste Luiz Henrique daran glauben. Der allseits beliebte Gesundheitsminister und Arzt hatte sich für einen Lockdown ausgesprochen. Sein Nachfolger Nelson Teich, ebenfalls ein Mediziner, warf nach wenigen Wochen freiwillig das Handtuch. Er mochte die verantwortungslose Politik des Präsidenten nicht mehr mittragen.

Das ist nicht weiter verwunderlich. Brasilien ist zum Corona-Hotspot geworden. Weit über 250’000 Menschen sind mittlerweile mit dem Virus infiziert. Nach den USA und Russland belegt Brasilien somit den dritten Platz der Corona-Hitparade. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Inoffiziell dürften es inzwischen Millionen sein.

Eingeborene im Amazonasgebiet sind davon genauso betroffen wie die Städter in Rio de Janeiro und São Paulo. Wer es sich leisten kann, flieht. So tauschte etwa Milliardär und Formel-1-Papst Bernie Ecclestone seinen Wohnsitz von einer Farm bei São Paulo mit einem Chalet in Gstaad ein.

All dies kann den ehemaligen Hauptmann der Armee Bolsonaro nicht erschüttern. Wie sein grosses Vorbild Donald Trump verachtet er Wissenschaft und Vernunft, und wie der US-Präsident schlägt er die Warnungen der Mediziner in den Wind. Auch er empfiehlt das umstrittene Medikament Hydroxychloroquin, das gegen Malaria eingesetzt wird. Dessen Wirkung gegen das Coronavirus ist hingegen nicht bewiesen und seine Nebenwirkungen können Menschen umbringen.

Wie Trump will Bolsonaro die Wirtschaft ohne Rücksicht auf Verluste wieder öffnen. Dies, obwohl die Corona-Fälle in Brasilien explodieren und die Spitäler bereits jetzt überlastet sind und in der Amazonas-Stadt Manaus notfallmässig Massengräber ausgehoben werden müssen.

Bolsonaros Vorbild ist Donald Trump.
Bolsonaros Vorbild ist Donald Trump.
Bild: AP

Es könnte alles noch viel schlimmer werden, denn das Virus ist mittlerweile auch in den Favelas angekommen, den Slums von São Paulo und Rio de Janeiro. Dort leben die Menschen auf engstem Raum und ohne sanitäre Einrichtungen.

All dies kümmert Bolsonaro nicht. Er ist mit dem Versprechen angetreten, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Deshalb hat er den liberalen Ökonomen Paulo Guedes zum Finanzminister ernannt und ihn mit weit reichenden Reformen beauftragt. Das hat dem Präsidenten den Goodwill des Businessführers eingebracht. Allgemein wurde erwartet, dass die seit Jahren stagnierende brasilianische Wirtschaft wieder in Schwung kommt.

Dank den versprochenen Wirtschaftsreformen drückte das brasilianische Establishment zunächst beide Augen zu, wenn es um das Verhalten seines Präsidenten ging. Anzügliche sexistische Bemerkungen überhörte man genauso wie martialische Prahlereien. Finanzminister Guedes bekannte gar, Bolsonaro «habe schlechte Manieren, aber grossartige Prinzipien».

Die ökologischen Zerstörungen, welche Bolsonaro im Amazonasgebiet zuliess, erregten zwar weltweite Proteste. In Brasilien selbst blieb die Position des Präsidenten unangetastet.

Das könnte sich nun ändern. Die weltweite Coronakrise trifft das Rohstoff-Land Brasilien schwer. Statt des erhofften Aufschwungs wird die Wirtschaft in eine schwere Rezession schlittern. Unternehmer und Top-Manager verlieren das Vertrauen in die Regierung.

Pro-Bolsonaro-Demonstrantin nach dem Rücktritt von Justizminister Sérgio Moro.
Pro-Bolsonaro-Demonstrantin nach dem Rücktritt von Justizminister Sérgio Moro.
Bild: EPA

Der Rücktritt von Sérgio Moro hat diesen Vertrauensverlust noch verstärkt. Der hoch geachtete Justizminister hatte sich geweigert, eine Bolsonaro nicht genehme Untersuchung zu stoppen. Inzwischen fürchtet das brasilianische Establishment, dass auch Finanzminister Guedes den Bettel hinschmeissen könnte.

Aussenpolitisch hat Bolsonaro sein Land ins Abseits manövriert. Aus Angst vor dem Virus hat selbst Venezuela seine Grenzen für Brasilianer hermetisch geschlossen. Der Trump-hörige Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, erklärt derweil: «Brasilien hat grosse wissenschaftliche und wirtschaftliche Kapazitäten, aber es ist offensichtlich, dass seine Führung das Coronavirus unwissenschaftlich bekämpfen will.»

PS: Die USA, Russland, Brasilien und Grossbritannien haben mittlerweile weitaus die meisten Corona-Infizierten. Alle vier Länder werden von Supermachos geführt, die sich anfänglich über das Virus lustig gemacht haben. Bloss Zufall?

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