Russlands Wirtschaft steckt in der «Todeszone»
Nach dem Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 verschärften die westlichen Staaten ihre Sanktionen gegen Russland massiv. Obwohl die Massnahmen nicht wie erhofft zu einer sofortigen Lähmung der russischen Wirtschaft führten, wirkten sie zunächst tatsächlich dämpfend: Im ersten Kriegsjahr schrumpfte das russische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,2 Prozent. Das war jedoch weniger als der Rückgang um 2 Prozent nach den Sanktionen aufgrund der Annexion der Krim im Jahr 2015. Auch der Rückgang um 2,7 Prozent aufgrund der Covid-19-Pandemie 2020 war deutlich stärker.
Und bereits im zweiten Halbjahr 2022 kehrte die russische Wirtschaft überraschend wieder auf den Wachstumspfad zurück und wuchs auch in den beiden folgenden Jahren, und zwar kräftig: 2023 um 4,1 Prozent und 2024 um 4,3 Prozent. Kein Wunder, dass Stimmen laut wurden, die behaupteten, die Sanktionen würden eher dem Westen schaden als Russland.
Umbau zur Kriegswirtschaft
Grund für die Widerstandsfähigkeit der russischen Wirtschaft trotz der Sanktionen und der horrenden Kosten des Krieges – allein im Jahr 2025 etwa 135 Milliarden US-Dollar – war der Umbau zur Kriegswirtschaft. Damit wurden die Staatsausgaben, und zwar primär für den militärisch-industriellen Komplex, zum wichtigsten Wachstumsmotor. Der Aufschwung wurde also nicht durch strukturelle Verbesserungen der Produktivität oder der Marktbedingungen angetrieben, sondern durch steigende Löhne und staatliche Transferleistungen, die in direktem Zusammenhang mit den Kriegsanstrengungen standen.
Der Anteil der russischen Militärausgaben am BIP ist in den letzten beiden Jahren massiv gestiegen, wie die untenstehende Grafik zeigt. Inklusive der inneren Sicherheit verschlingt die Verteidigung mittlerweile gut 40 Prozent der föderalen Mittel Russlands, wobei rund ein Drittel der Staatsausgaben als «geheim» klassifiziert ist und daher öffentlich nicht nachvollziehbar ist.
Kennzeichen der Kriegswirtschaft ist zudem, dass die Rüstungsproduktion gegenüber der zivilen Produktion Vorrang geniesst. Verteidigungsaufträge sichern die Beschäftigung in den Regionen, in denen die Rüstungsindustrie angesiedelt ist, und verhindern so soziale Unruhen. Zugleich entziehen sie aber den zivilen Sektoren Kapital und Arbeitskräfte.
Hinzu kommt die Inlandsverschuldung: Hatten viele Russen kurz nach Kriegsbeginn Vermögenswerte, die sie zuvor im Ausland gehalten hatten, zurück in inländische Banken verlegt und damit Liquidität geschaffen, zeichnen die russischen Banken nun – auch mangels Alternativen – massenhaft Staatsanleihen, über die sie private Investitionen aufsaugen und an den Staat weiterleiten. Faktisch handelt es sich um Kriegskredite.
Dies schafft kurzfristig Liquidität, ist aber mit der Gefahr einer wachsenden Schuldenfalle verbunden, denn diese Papiere weisen Zinssätze von 14 bis 18 Prozent auf. Mittlerweile nehmen Zinszahlungen bis zu 8 Prozent der Staatsausgaben ein; doppelt so viel wie vor dem Krieg. Zudem führt dies zu einer Verdrängung ziviler Investitionen, denn Privatkredite verteuern sich und Unternehmen verlieren zusehends den Zugang zu Kapital, da dieses bevorzugt in den Militärsektor fliesst.
In der Todeszone
Alexandra Prokopenko vom Carnegie Russia Eurasia Centre hat diese Entwicklung der russischen Wirtschaft kürzlich in einem Beitrag im Economist mit einem Bergsteiger verglichen, der sich in der Todeszone über 8000 Meter Höhe befinde, in der der menschliche Körper sich schneller verbraucht, als er sich regenerieren kann. Die russische Wirtschaft habe sich in «zwei unterschiedliche Stoffwechselsysteme aufgespalten», den militärischen Sektor und den privaten Bereich mit kleinen Unternehmen und der Konsumgüterindustrie. Der militärische Sektor entspreche den lebenswichtigen Organen, die vorrangig mit Blut versorgt würden, während der private Sektor den Extremitäten entspreche, die der Kälte ausgesetzt seien.
Prokopenko führt das Bild der Todeszone weiter aus: Die vom Militärsektor abhängige russische Wirtschaft zehre nun von einer internen finanziellen Umverteilung zugunsten von Vermögenswerten, die zur Zerstörung bestimmt sind (eben Rüstungsgüter) – wie ein Körper, der sein eigenes Muskelgewebe verstoffwechsle, um Energie zu gewinnen. Dieser Zustand Russlands sei keine Rezession, von der man sich erholen könne, wenn man sich ausruhe, sondern wie eine Höhenkrankheit: Je länger man bleibe, desto schlimmer werde es. In der Todeszone gebe es langfristig kein Überleben, warnt Prokopenko, aber auch der Abstieg – also der Ausstieg aus der Kriegswirtschaft – sei mit Gefahren verbunden.
Risse im Gefüge
Nach fast vier Jahren Krieg zeigt das Gefüge der russischen Kriegswirtschaft Risse: Im vergangenen Jahr verzeichnete die russische Fertigungsindustrie den stärksten Rückgang seit März 2022, unmittelbar nach Beginn des Angriffskriegs. Die Produktionszahlen gingen zehn Monate in Folge zurück, die Auftragseingänge brachen ein. Die Konsumentennachfrage schwächte sich ab, und die Inflation blieb trotz insgesamt sinkender Tendenz hoch. Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich 2025 auf 0,6 Prozent, und der Internationale Währungsfonds erwartet, dass es 2026 mit 0,8 Prozent weiterhin langsam bleiben wird.
Der Chef des russischen Industriellen- und Unternehmerverbandes, Alexander Schochin, sagte unlängst, dass Kohlebergbau, Bau- und Stahlindustrie von zahlreichen Pleiten betroffen seien. Dem Auto- und Landmaschinenbau geht es nicht besser. Der Lada-Hersteller AwtoWAS etwa konnte kaum vom Rückzug westlicher Produzenten vom russischen Markt profitieren, denn die chinesische Konkurrenz ist übermächtig. Marketing-Direktor Dmitry Kostromin sprach Ende Februar vom schwächsten Januar- und Februar-Geschäft seit 20 Jahren.
In einer solchen Situation sollte eigentlich die Zentralbank der Wirtschaft unter die Arme greifen und den Leitzins senken. Dieser ist nach rekordhohen 21 Prozent vom Oktober 2024 bis Juni 2025 immer noch hoch und liegt derzeit bei 15,5 Prozent. Vermutlich wird die Zentralbank ihn aber angesichts der Haushaltsprobleme vorerst nicht weiter senken, zumal auch die Inflation nach wie vor deutlich über den ursprünglich von der Zentralbank für 2026 anvisierten 4 Prozent liegt.
Öleinnahmen brechen weg
Zur Verschärfung der Haushaltslage und einem steigenden Haushaltsdefizit trägt überdies vornehmlich die Tatsache bei, dass Russland die Einnahmen aus dem Ölgeschäft wegbrechen. Zum einen liegt dies an den niedrigen Weltmarktpreisen, zum andern an den US-Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil, die im Oktober 2025 in Kraft traten. Sie richten sich gegen die zentralen Einnahmequellen des russischen Staates und haben die Lage für Russland spürbar ungemütlicher gemacht. Die beiden Mineralölkonzerne sind auf erhebliche staatliche Unterstützung angewiesen, was das Budget weiter belastet.
Zudem haben die USA die Verfolgung von Russlands Schattenflotte verstärkt, die Moskau dazu nutzt, die Sanktionen zu umgehen. Anfang Januar brachte die US-Marine etwa den unter russischer Flagge fahrenden Öltanker «Marinera» im Nordatlantik auf. Aktionen wie diese treffen die russischen Ölexporte, die im Januar denn auch um 350'000 Barrel pro Tag im Vergleich zum Vormonat zurückgingen.
Noch bedrohlicher für Moskau ist, dass Indien – wohl auch unter amerikanischem Druck – seine Ölimporte aus Russland drastisch reduziert hat. Im Januar 2026 waren sie nur halb so hoch wie im Dezember und ein Drittel so hoch wie im Januar 2025. Behauptungen von US-Präsident Donald Trump, wonach Indien überhaupt kein Öl mehr aus Russland beziehen werde, hat der indische Regierungschef Narendra Modi bisher allerdings nicht bestätigt.
Gleichwohl sind die Folgen für Russland gravierend. Der vom Ölexport abhängige Staatshaushalt leidet darunter, dass Moskau sein Öl nicht mehr so leicht loswird. Im Januar flossen nach Angaben des Finanzministeriums lediglich 393 Milliarden Rubel (rund 3,9 Milliarden Franken) aus dem Öl- und Gassektor in die Staatskasse. Dies ist weniger als die Hälfte der Summe des Vorjahresmonats. Im gesamten Jahr 2025 fielen die Rohstoff-Einnahmen um 24 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und Besserung ist nicht in Sicht – im Gegenteil: Ab 2027 wird die EU schrittweise ein Importverbot für russisches Gas einführen. Dies dürfte zu Einnahmeausfällen in der Höhe von 13 bis 15 Milliarden Euro pro Jahr führen.
Trotz dieser Krise will der Kreml die horrenden Ausgaben für Militär und Sicherheit nicht senken – und hat stattdessen die Mehrwertsteuer auf den 1. Januar 2026 von 20 auf 22 Prozent erhöht. Die Erhöhung wird aller Voraussicht nach eine schwere Belastung für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) darstellen und zudem mit grosser Wahrscheinlichkeit die Inflation anheizen. Die zusätzlichen Einnahmen aus der Mehrwertsteuer werden zwar das föderale Budget entlasten; doch die Erhöhung trifft die niedrigen Einkommen ungleich stärker, da die Inflation die Reallöhne auffrisst. Dies kann zu sozialen Verwerfungen führen, die irgendwann auch dem Kreml gefährlich werden können.
Das Sparschwein wird geschlachtet
Mehrfach hat Moskau Haushaltsdefizite mit Geldspritzen aus dem Nationalen Wohlfahrtsfonds (NWF) – der eigentlich das Rentensystem absichern soll – gedeckt. Dieses inländische «Sparschwein» verfügt jedoch nur zu zwei Prozent des BIP über liquide Mittel – der Rest steckt in Beteiligungen und Langfristkrediten. Die über Jahre hinweg aufgebauten Geldreserven gehen jedoch allmählich zur Neige, wie selbst der Kreml einräumt.
Gemäss einem neuen Bericht von Analysten der Gazprombank könnten die liquiden Reserven des Fonds innerhalb von 1,3 Jahren aufgebraucht sein, wenn die aktuellen Ölpreise anhalten. Anfang 2026 verfügte der Fonds über Vermögenswerte in Höhe von 4,2 Billionen Rubel (rund 42 Milliarden Franken), vornehmlich Fremdwährungen und Gold, die von der Zentralbank verwaltet werden. Diese Reserven werden von der Regierung zur Deckung von Ausfällen bei den Öl- und Gaseinnahmen verwendet, wenn der Ölpreis unter 59 Dollar pro Barrel fällt.
Bei einem Ölpreis von 40 Dollar pro Barrel würden die verbleibenden Mittel etwas mehr als ein Jahr reichen, während sie bei 30 bis 35 Dollar bereits Ende 2026 aufgebraucht sein könnten. Ende Januar lag der Durchschnittspreis für Urals-Rohöl bei 36 bis 38 Dollar.
Düstere Aussichten
Noch dürfte der Kreml über genügend ökonomischen Spielraum verfügen, um den Angriffskrieg in der Ukraine zumindest kurzfristig fortzusetzen. Doch dieser Spielraum wird allmählich kleiner werden und irgendwann verschwinden – wann genau, das hängt vom Umfang der russischen Öl- und Gasexporte ab und von den Preisen, die dafür bezahlt werden. Beides ist kaum vorhersehbar.
Die Kriegswirtschaft ist zudem nicht nachhaltig: Der Krieg sichert zwar Arbeitsplätze und sorgt für industrielle Aufträge, bringt aber nur wenige dauerhafte Vermögenswerte oder Produktivitätssteigerungen hervor. Die Wirtschaftsleistung konzentriert sich auf Güter mit geringer Produktivität, die für die Kriegsführung notwendig sind. Obwohl Güter wie Munition, Uniformen und Befestigungsanlagen zum BIP beitragen, verbessern sie weder die langfristige Wohlfahrt noch die Kapitalbildung.
Zudem stranguliert die Kriegswirtschaft die zivile Wirtschaft, der sie Arbeitskräfte und Ressourcen entzieht. Private Unternehmen ächzen unter hohen Steuern, die den Krieg finanzieren, und unter zweistelligen Zinssätzen, was Kredite verteuert und Investitionen bremst. Die kriegsbedingten Ausgaben werden auch nicht sofort verschwinden, wenn der Krieg endet. Demobilisierte Soldaten zum Beispiel werden die Sozialkassen noch lange belasten.
Und schliesslich ist die Kriegswirtschaft kaum geeignet, Russland wieder in die Reihe der technologisch fortgeschrittenen Staaten zu bringen. In naher Zukunft wird das Land wohl kaum wieder in den globalen Handel und das Finanzsystem integriert und dürfte im Bereich der neuen Technologien weiterhin hinterherhinken. So hat Russland kein einziges Unternehmen unter den 100 weltweit führenden Technologieunternehmen nach Marktkapitalisierung (dem Gesamtmarktwert eines an der Börse gehandelten Unternehmens), wie die folgende Grafik illustriert:
Für ein Land, das einst den ersten Menschen in den Weltraum brachte, ist dies ein vernichtendes Zeugnis. Die mittel- und längerfristigen Aussichten für Russland sind düster.
