Trump steckt in der China-Falle
In einer Woche reist Donald Trump nach Peking. Er ist spät dran. Bereits im vergangenen Jahr haben die Staatsoberhäupter von Australien, Frankreich, Neuseeland, Spanien und der EU Xi Jinping die Ehre erwiesen. Im laufenden Jahr sind diejenigen von Finnland, Irland, Südkorea, dem Vereinigten Königreich, Deutschland und Spanien dazu gekommen.
Der US-Präsident ist der Hauptgrund für diese Massenwallfahrt ins Reich der Mitte. Mit seinem Zollkrieg und seinen Angriffen auf die EU und die Nato hat er die traditionellen Verbündeten der USA so stark verunsichert, dass sie sich nach Alternativen umschauen. Die üblichen Ermahnungen wegen Verletzung der Menschenrechte und die Angst vor einer neuen Abhängigkeit werden dabei über Bord geworfen.
Gleichzeitig setzt diese Massenwallfahrt den amerikanischen Präsidenten unter Druck. «Nachdem er gesehen hat, wie so viele andere Führer Mini-Deals mit Peking abgeschlossen haben, könnte Trump versucht sein, sie zu übertreffen, indem er, begleitet von grossartigen Ankündigungen, mit Peking einen noch grossartigeren Deal abschliesst», stellt der China-Experte Michael Kovrig in «Foreign Affairs» fest.
Selbst im Trump-Lager macht sich diese Befürchtung breit. So stellt der Ökonom Oren Cass – grundsätzlich ein Befürworter der Wirtschaftspolitik des Präsidenten – in einem Gastkommentar in der «New York Times» die bange Frage: «Wird Trump das schlimmste Raubtier der Welt zu uns einladen?»
Cass spielt dabei auf Spekulationen an, die davon ausgehen, dass Trump mit Xi einen Vertrag abschliessen will, der vorsieht, dass China eine Billion (im deutschen Sinn) Dollar in den USA investieren will. «Das wäre ein nicht erzwungener Fehler historischen Ausmasses», so Cass. China sei kein Investor wie andere, so Cass weiter. Es spiele nach seinen Regeln und ziele darauf ab, die gesamte Wertschöpfungskette zu dominieren und die Konkurrenz zu erdrücken.
«China zu erlauben, vertikal integrierte Lieferketten auf beiden Seiten des Pazifiks zu beherrschen, würde das Übel potenzieren», so Cass. «Es würde mehr Schaden anrichten als seinerzeit die Wahl, China in die Welthandelsorganisation aufzunehmen.»
Treffen löst gemischte Gefühle aus
So weit wird es wahrscheinlich nicht kommen. Trotzdem wird das Treffen der beiden Präsidenten rund um den Globus mit gemischten Gefühlen verfolgt werden, schliesslich leben wir in einer G2-Welt, einer Welt, die von zwei Supermächten beherrscht wird. «Das ist kein gutes Gefühl», stellt der «Economist» fest. «Die eine Supermacht hat einen Anführer, der seine Verbündeten wie Sündenböcke behandelt, und der die Institutionen, welche die internationale Stabilität garantieren, auseinanderreisst. Die andere hat ein autoritäres Regime, das seine Nachbarn unterdrückt und heimlich Konflikte in anderen Ländern befeuert, die es entschärfen könnte.»
Trump hält sich bekanntlich für den genialsten Dealmaker aller Zeiten. Ob das reichen wird, um in Peking Erfolg zu haben, ist fraglich, denn er hat schlechte Karten. Dank seiner Zollpolitik ist zwar das Handelsdefizit mit China von einst 400 Milliarden Dollar um die Hälfte geschrumpft. Doch der Schein trügt: China leitet einfach einen grossen Teil seiner Exporte in die USA über andere Länder um.
Zudem tauschen die beiden Länder sehr unterschiedliche Güter aus. Zyniker bezeichnen die Exporte der USA als die «drei Bs», will heissen: Beef, Beans und Boeing (Rindfleisch, Bohnen und Flugzeuge von Boeing). Die Chinesen hingegen haben ihre Stellung als «Werkstatt der Welt» noch weiter ausgebaut und produzieren fast alles, was das Herz der amerikanischen Konsumenten begehrt. Rund ein Drittel aller Güter dieser Welt werden heute schon im Reich der Mitte hergestellt. Die UN Industrial Development Organization geht davon aus, dass es 2030 schon 45 Prozent sein werden.
Indem er die Strafzölle für verfassungswidrig erklärte, hat der Supreme Court Trumps Position zusätzlich geschwächt. Daher gibt es auch die Befürchtung, dass der US-Präsident versucht sein könnte, in Sachen Taiwan zu viele Zugeständnisse an Peking zu machen.
Vor dem Irankrieg waren die Erwartungen an das Treffen von Xi und Trump sehr hoch. Inzwischen hat Ernüchterung eingesetzt. «Es wäre schon ein grosser Sieg, wenn die beiden Präsidenten ein nettes Treffen haben und beschliessen, weiterhin miteinander Handel zu betreiben», erklärt Michael Hart von der Amerikanischen Handelskammer in China im «Economist».
