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FILE - In this June 19, 2019, file photo, Amazon founder Jeff Bezos speaks during the JFK Space Summit at the John F. Kennedy Presidential Library in Boston. Bezos is one of the 50 Americans who gave the most to charity in 2020, according to the Chronicle of Philanthropy

Bild: keystone

Analyse

Jeff Bezos gegen die Gewerkschaften: Der Amazon-Kampf geht in letzte Runde

Muss Amazon in den USA Gewerkschaften zulassen? Das entscheidet sich in diesen Tagen ausgerechnet im stockkonservativen Bundesstaat Alabama.



«Wenn du es in New York schaffst, dann kannst du es überall schaffen», sang einst Frank Sinatra. Im Dixieland gibt es nun eine neue Version dieses Klassikers. Sie lautet: «Wenn du in Bessemer gewinnen kannst, dann kannst du überall gewinnen.» Um was geht es?

Bessemer ist eigentlich ein Kaff im tiefsten Süden des Bundesstaates Alabama. Doch derzeit steht es im Mittelpunkt der amerikanischen Politik, zumindest was die künftigen Beziehungen der Sozialpartner betrifft. In Bessemer betreibt Amazon nämlich ein Logistikzentrum mit 6000 Angestellten. Sie wollen sich einer Gewerkschaft anschliessen, während Jeff Bezos & Co. dies mit aller Macht verhindern wollen.

Die Arbeiterinnen und Arbeiter haben inzwischen ihre Stimme abgegeben. In den nächsten Tagen wird das Resultat ausgezählt. Es wird historisch sein, denn was sich in Bessemer abspielt, ist mehr als ein lokaler Arbeitskampf. Die Zukunft der Gewerkschaften in den USA wird massgeblich davon betroffen sein.

U.S. Sen Bernie Sanders, I-Vt., speaks at a rally, Friday, March 26, 2021, in Birmingham, Ala., ahead of a union vote at an Amazon warehouse in the state. Sanders said a labor victory at the tech and retail giant would resonate around the country. (AP Photo/Kim Chandler)

Ist nach Bessemer gereist: Bernie Sanders. Bild: keystone

Amazon fühlt sich im Recht. Die Firma zahlt bereits heute einen Mindestlohn von 15 Dollar die Stunde und bietet für amerikanische Verhältnisse einen komfortablen Krankenkassen-schutz an. Was wollen die Arbeiterinnen und Arbeiter also mehr?

Sie fühlen sich gedemütigt und zu Robotern degradiert. Bei Amazon herrscht ein Hyper-Taylorismus. Winslow Taylor hat gegen Ende des 19. Jahrhunderts das sogenannte «wissenschaftliche Management» erfunden, will heissen: Er hat jeden Arbeitsprozess in seine Einzelteile zerlegt und festgelegt, wie lange der Arbeiter dafür aufwenden darf.

Jeff Bezos hat dieses Prinzip bei Amazon auf die Spitze getrieben. Die Arbeiter müssen festgelegte Arbeitsläufe in einer festgelegten Zeit absolvieren und werden dabei genauestens überwacht. Selbst die Toilettenpausen dürfen nicht länger sein als vier Minuten. Damon Silvers von der Gewerkschaft A.F.L.-C.I.O. beschreibt dies im «New Yorker» wie folgt:

«Amazon hat eine optimale Abfolge von Arbeitsschritten festgelegt und will, dass die Angestellten sich exakt daran halten, und sie haben die Möglichkeit, die Angestellten jederzeit dabei zu beobachten.»

Gegen dieses rigide System lehnen sich die Arbeiter auf. So erklärt etwa Perry Connelly, ein betroffener Arbeiter, gegenüber der «Financial Times»: «Sie sagen mir, wie lange ich die Toilette benützen darf. Ich bin ein erwachsener Mann. Es dauert, solange es dauert.»

Amazon hingegen fürchtet sich vor europäischen Zuständen. In Frankreich, wo die Angestellten gewerkschaftlich organisiert sind, musste Amazon während der Coronakrise seine sechs Logistikzentren schliessen. In Italien gingen die Arbeiter nach Hause und verlangten «menschlichere Arbeitszeiten». In den USA hingegen gab es nur wenige und kurze Arbeitsunterbrechungen.

Das soll sich nun auch in Nordamerika ändern. Die Gewerkschaften rechnen sich gute Chancen aus, den Arbeitskampf zu gewinnen. Das sind die Gründe:

Amazon hat inzwischen gegen eine Million Angestellte und ist nach Walmart der zweitgrösste Arbeitgeber in den USA. Das Unternehmen floriert. Dank dem Lockdown hat der Umsatz 2020 um sagenhafte 38 Prozent zugenommen, mehr als 500’000 Arbeitnehmer wurden eingestellt. Jeff Bezos selbst soll im vergangenen Jahr um rund 70 Milliarden Dollar reicher geworden sein.

FILE - In this Tuesday, Feb. 9, 2021, file photo, Michael Foster of the Retail, Wholesale and Department Store Union holds a sign outside an Amazon facility where labor is trying to organize workers in Bessemer, Ala. Nearly 6,000 Amazon warehouse workers in Bessemer are deciding whether they want to form a union, the biggest labor push in the online shopping giant's history. Mail-in voting started in early February. Ballots must be received by the end of Monday March 29, 2021. The National Labor Relations Board starts counting votes the next day. (AP Photo/Jay Reeves, File)
Michael Foster

Ein Arbeiter protestiert vor dem Amazon-Gelände. Bild: keystone

Angesichts dieser Zahlen scheinen die Forderungen der Arbeitnehmer mehr als gerechtfertigt zu sein. Sie erhalten denn auch Zuspruch von ganz oben. Bernie Sanders ist eigens nach Bessemer gereist, um die Arbeiterinnen zu unterstützen. Präsident Joe Biden hat derweil die Arbeitgeber gewarnt, die Arbeitnehmer einzuschüchtern.

Genau dies tun jedoch die Amazon-Manager. Sie haben die Abstimmung unnötig kompliziert gestaltet und die Urnen per Video überwachen lassen. Gewerkschaftsvertreter durften das Firmengelände nicht betreten. Innerhalb des Logistikzentrums waren überall Anti-Gewerkschafts-Parolen aufgehängt und die Vorgesetzten verabreichten ihren Untergebenen regelmässig Lektionen, weshalb sie Nein stimmen sollten.

Trotzdem könnte Amazon als Verlierer dastehen. Nicht nur die Linken stehen hinter den Gewerkschaften, für einmal machen auch die Konservativen mit. So hat beispielsweise Marco Rubio, ein republikanischer Senator aus Florida, ebenfalls zu einem Ja für die Gewerkschaften aufgerufen. Weshalb?

Amazon ist der herausragende Vertreter dessen, was neuerdings «woke capitalism» genannt wird. Woke ist der Überbegriff für linksliberalen Multikulturismus. Gegen diesen Woke-Kapitalismus schiessen auch die Konservativen aus vollen Rohren. Dazu kommt, dass Jeff Bezos auch Eigentümer der linksliberalen «Washington Post» ist, ein weiteres Feindbild der Konservativen. Deshalb wäre es den Rechten noch so recht, würde Bezos eine Niederlage erleiden.

epa08982633 (FILE) - Founder and CEO of Amazon Jeff Bezos participates in the unveiling of an Amazon environmental initiative entitled 'The Climate Pledge', in Washington, DC, USA, 19 September 2019 (Reissued 02 February 2021). Jeff Bezos will step down as CEO of Amazon and will become the executive chair of Amazon?s board by the third quarter (Q3). Amazon Web Services (AWS) CEO Andy Jassy will become Amazon's new CEO.  EPA/MICHAEL REYNOLDS *** Local Caption *** 55479240

Jeff Bezos ist auch ein typischer Vertreter des Woke-Kapitalismus Bild: keystone

Schliesslich ist der Arbeitskampf in Dixieland Teil des Kampfes gegen Rassismus und für die Rechte der Schwarzen. Drei von vier Angestellten des betroffenen Logistikzentrums sind schwarz. «Bessemer ist nun unser Selma» erklärt Reverend William Barber, ein bekannter Geistlicher. Selma ist der Ort – ebenfalls in Alabama –, wo 1965 die Bürgerrechtsbewegung unter Martin Luther King einen legendären Protestmarsch über die örtliche Brücke durchgeführt hatte.

Der Arbeitskampf in Bessemer ist daher erst der Beginn eines langen Kampfes. «Jeff Bezos muss sich warm anziehen», sagt Nina Turner, eine demokratische Senatorin, der «Financial Times». «Wir haben die Arbeiterbewegung mit der Bürgerrechtsbewegung vereinigt. Dank all den Fortschritten, die wir gemacht haben, werden wir dieses Ding wiederholen.»

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