Ölschock erschüttert ganze Region: So hart trifft die Energiekrise asiatische Staaten
Die Energiekrise hat Asien mit voller Wucht erreicht. In Indien ruft Premierminister Narendra Modi die Bevölkerung zum Sparen auf, in Sri Lanka steigen die Strompreise, in Pakistan bleiben Schulen geschlossen, in Thailand werden Klimaanlagen gedrosselt. Aus einer geopolitischen Krise am Persischen Golf ist binnen Wochen ein Stresstest für Haushalte, Unternehmen und Regierungen geworden.
Der unmittelbare Auslöser ist der Iran-Krieg sowie die Blockade der Strasse von Hormus. Für Asien ist das besonders gefährlich: Die Region ist stärker von Öl und Gas aus dem Nahen Osten abhängig als andere Weltregionen.
Was in Europa vor allem als Preisschock ankommt, trifft viele asiatische Länder direkt bei der Versorgung, der Währung und letztlich der sozialen Stabilität.
Indien zeigt, wie eng diese Ebenen zusammenhängen. Modi forderte die Bürger auf, Speiseöl zu sparen, unnötige Auslandsreisen zu vermeiden und vorerst kein Gold zu kaufen. Das trifft in Indien nicht nur einzelne Kaufentscheidungen, sondern auch tief verankerte Gewohnheiten: Speiseöl gehört zum Alltag, Gold spielt bei Hochzeiten und als private Geldanlage eine grosse Rolle.
Auch Landwirte sollten weniger Düngemittel einsetzen, fordert Modi. Die Begründung ist bemerkenswert direkt: Indien müsse seine Devisenreserven schonen. Der Staat will die Preise für Diesel und Benzin an den Tankstellen dennoch nicht erhöhen.
Sparen wird zur Staatsaufgabe
Noch härter trifft es Länder, die weniger finanziellen Spielraum haben. Sri Lanka hat angekündigt, die Strompreise für grössere Verbraucher deutlich zu erhöhen. Stromkunden, die mehr als 180 Kilowattstunden im Monat verbrauchen, müssen ab Montag einen Aufschlag von 18 Prozent zahlen, kündigte die Versorgungskommission des Inselstaates am Sonntag an. Für Kunden, deren Konsum darunter liegt, soll sich am Preis nichts ändern.
Der Schritt folgt auf verschiedene andere Massnahmen, mit denen der Energieverbrauch in Sri Lanka gesenkt werden soll. «Der Preisanstieg wird auf die Industrie, Hotels, Unternehmen und Regierungsbehörden sowie religiöse Kultstätten angewandt, die mehr als 180 Einheiten pro Monat verbrauchen», hiess es in der Mitteilung der Kommission. Schon im vergangenen Monat waren die Strompreise um 40 Prozent erhöht worden. Benzin wurde um mehr als 35 Prozent teurer, zudem wurde die Zuteilung rationiert.
Ende März hatten die Behörden des südasiatischen Inselstaates zudem angeordnet, dass die Lichter von Strassenbeleuchtungen und Reklametafeln ab 21 Uhr ausgeschaltet werden. Zudem wurde eine Vier-Tage-Woche eingeführt und Homeoffice-Regelungen wieder in Kraft gesetzt, um das Verkehrsaufkommen und damit den Spritverbrauch zu verringern.
Das Land ist besonders verletzlich. Sri Lanka hatte sich erst mühsam von der Staatspleite im Jahr 2022 erholt. Nun droht die Energiekrise alte Wunden aufzureissen: steigende Preise, knappe Devisen, neue Belastungen für Unternehmen und Haushalte.
Der soziale Frieden hängt am Energiepreis
Energie ist in vielen asiatischen Staaten mehr als ein Wirtschaftsfaktor. Sie ist Teil eines stillen politischen Vertrags: Der Staat hält Strom, Benzin oder Gas fürs Kochen bezahlbar, dafür bleibt der Alltag berechenbar. Gerät dieser Vertrag unter Druck, geraten auch Regierungen unter Druck. In ärmeren Ländern geht es dabei nicht zuerst um Mobilität, sondern um Kochen, Lebensmittelpreise und Arbeit.
In Indien zeigt sich das beim Flüssiggas, das viele Haushalte und kleine Restaurants zum Kochen nutzen. Wird dieses Gas knapp oder deutlich teurer, schliessen Betriebe, Wanderarbeiter verlieren Einkommen und Lebensmittel werden teurer. Auch Düngemittel hängen an Gas und petrochemischen Grundstoffen. Wenn Fabriken weniger produzieren oder stillstehen, kann die Krise auf die Ernten durchschlagen. Dann wird aus einer Energiekrise eine Nahrungsmittelkrise.
Ähnlich ist die Lage in Bangladesch und Pakistan. Wo Gas in Kraftwerke umgeleitet wird, fehlt es der Industrie. Wo Schulen schliessen und Hochschulen in den Onlinebetrieb wechseln, soll Energie gespart werden – doch zugleich zeigt sich, wie tief der Mangel in den Alltag reicht. Die Massnahmen erinnern an die Pandemie: Homeoffice, Onlineunterricht, weniger Pendeln. Nur ist der Grund diesmal kein Virus, sondern ein externer Schock bei Energie und Rohstoffen.
Auch wohlhabendere Volkswirtschaften sind nicht geschützt. Japan und Südkorea wären bei einer anhaltenden Blockade der Strasse von Hormus besonders stark betroffen. Dort geht es um die Stromversorgung, Industrie und Lieferketten. Fällt Gas aus oder wird es deutlich teurer, steigen die Kosten entlang globaler Wertschöpfungsketten. Mikrochips, Elektronik, Chemieprodukte und Textilien sind Teil der Versorgung Europas.
Für Europa ist es deshalb nicht nur eine ferne Krise. Wenn Energie in Asien teurer wird, steigen Produktionskosten in jenen Ländern, aus denen Europa Elektronik, Textilien, Vorprodukte und Agrargüter bezieht. Wenn Lieferketten wegen knapper Rohstoffe, teurer Transporte oder geschlossener Fabriken stocken, trifft das auch deutsche Firmen.
Neue Abhängigkeiten drohen
Kurzfristig greifen viele Regierungen in Asien zu bekannten Instrumenten: Reserven freigeben, Preise deckeln, Subventionen erhöhen, Verbrauch senken. Doch diese Politik hat Grenzen. Subventionen belasten Haushalte, Preisdeckel senken den Anreiz zum Sparen, Rationierungen treffen Unternehmen und Bürger.
China steht in dieser Lage vergleichsweise robust da. Das Land ist zwar der grösste Rohölimporteur der Welt, verfügt aber über Reserven, Pipelines aus Russland und grosse eigene Kapazitäten bei Wind- und Solarenergie. Auch die staatliche Finanzkraft ist höher als in vielen Schwellenländern. Das schützt China nicht vor höheren Kosten, macht es aber widerstandsfähiger als viele Nachbarn.
Hinzu kommt Chinas Vorsprung bei erneuerbaren Energien. Das Land baut Wind- und Solarkraft in grossem Massstab aus und kontrolliert grosse Teile der Lieferketten für Solarmodule, Batterien und Elektroautos. Das macht China nicht unabhängig von Öl und Gas. Aber es verschafft der Führung mehr Spielraum, wenn Transporte durch den Persischen Golf teurer oder unsicherer werden.
Ganz immun ist China dennoch nicht. Die Industrie braucht weiter verlässliche Energie, der Transportsektor hängt stark am Öl, und höhere Importpreise können die ohnehin schwache Konjunktur zusätzlich belasten.
Zugleich dürfte Peking die Krise politisch nutzen: Je stärker andere asiatische Länder unter Energiepreisen und Devisenmangel leiden, desto grösser wird Chinas Gewicht als Kreditgeber und Handelspartner. Und die Abhängigkeiten steigen.

