Der Euro-Franken-Kurs ist auf Rekordjagd. Der letzte Höhepunkt ist erst drei Wochen alt und vom nächsten ist der Franken nur noch eine Haaresbreite entfernt. 95 Rappen pro Euro. Dieses Niveau wird der Wechselkurs schon in den nächsten Tagen erreichen, wenn es im gleichen Tempo weitergeht wie bisher.
Seit Anfang Jahr hat sich die Schweizer Valuta um mehr als 7,5 Prozent zum Euro aufgewertet. Eine lineare Fortsetzung dieses Trends würde einen Kurs von 93 Rappen bis Ende Jahr bedeuten. Genau dort erwartet Credit-Suisse-Chefökonom Claude Maurer den Wechselkurs bis Weihnachten.
«Auf den Devisenmärkten spielt endlich wieder die Musik», frohlockt der langjährige Währungsexperte Andreas Herth, der die Devisenhandelsabteilung der Credit Suisse vor rund zehn Jahren verlassen hatte, um sich selbstständig zu machen. «Die letzten Jahre waren ausgesprochen langweilig für uns Händler», erklärt er sein derzeitiges Stimmungshoch.
Die Zinsen schienen einzementiert, und wenn sich die Notenbanken ein kleines Stück weit bewegten, dann immer schön koordiniert in die gleiche Richtung. Der unerwartet starke Inflationsanstieg hat das Kartell gesprengt und die Devisenmärkte entfesselt.
Im Vergleich zum japanischen Yen notiert der Dollar derzeit nun so hoch wie zuletzt vor etwa einem Vierteljahrhundert. Die Aufwertung des Greenback beträgt seit Jahresbeginn man sage und schreibe 25 Prozent. Auch der Euro hat in den zurückliegenden neun Monaten mehr als zwölf Prozent auf den Dollar verloren und das britische Pfund büsste in der gleichen Zeit sogar 15 Prozent ein.
Die US-Notenbank dreht derzeit am heftigsten an der Zinsschraube – aus gutem Grund. In Amerika hat sich die Inflation schon viel tiefer in den Wirtschaftsalltag hineingefressen als in Europa und in der Schweiz.
Viele Beobachter und auch Akteure auf den Finanzmärkten befürchten inzwischen, dass sich die amerikanische Notenbank gezwungen sehen könnte, die Wirtschaft in eine Rezession zu drängen, um die sich immer schneller drehende Spirale von höheren Preisen zu höheren Löhnen und wieder zu höheren Preisen zu stoppen. Die Wetten laufen auf einen US-Leitzins von über vier Prozent bis Ende Jahr. Zu Beginn des Jahres hatte der Satz noch bei null Prozent gelegen.
In Europa ist die Lohn-Preis-Spirale trotz einer Inflationsrate von über acht Prozent im Euro-Raum zwar noch nicht richtig in Gang gekommen. Die Arbeitslosenquote in der Währungszone liegt im Mittel noch immer bei über sechs Prozent und hält die Gewerkschaften in Schach.
Trotzdem sieht sich inzwischen auch die Europäische Zentralbank zu resolutem Handeln gezwungen. Sie muss nicht zuletzt befürchten, dass die Euro-Länder zusätzliche Inflation importieren, wenn sie sich für teure Dollars mit Rohstoffen und Energie eindecken müssen.
Der Dollar-Franken-Kurs erweist sich im Vergleich zu vielen anderen Währungspaaren als erstaunlich stabil. Seit Mai dieses Jahres oszilliert er um die 96 Rappen pro Dollar, obschon viele Marktteilnehmer erwarten, dass sich die Zinsdifferenz zu Gunsten des Dollar bis Ende Jahr auf gegen drei Prozentpunkte ausweiten wird. «Der Franken wird von den Investoren offensichtlich wieder als sicherer Hafen gesucht», konstatiert Credit-Suisse-Ökonom Claude Maurer.
Der Nationalbank kann diese Stabilität zum Dollar nur recht sein, denn sie verhindert eine Beschleunigung der Inflation, wie sie durch den Import der in Dollar fakturierten Rohstoffen erzeugt werden kann.
Dennoch erwartet Claude Maurer, dass die Nationalbank in der kommenden Woche noch einmal kräftig an der Zinsschraube drehen wird. Er geht von einer Erhöhung des Leitzinses von -0,25 Prozent auf 0,5 Prozent aus. Der prognostizierte Dreiviertelschritt liegt sogar noch leicht unter dem, was die Marktteilnehmer im Durchschnitt erwarten.
Die Notwendigkeit für eine derart scharfe Reaktion der Nationalbank ist mindestens nicht offensichtlich. Die Inflation liegt in der Schweiz mit 3,5 Prozent deutlich tiefer als in den meisten anderen Ländern und es gibt auch kaum Anzeichen, dass hierzulande bald eine Lohn-Preis-Spirale in Gang kommen könnte.
Doch die Nationalbank hat schon bei ihrem ersten Zinsschritt im Juni klargemacht, dass sie schnell aus dem Negativzinsterritorium herauskommen und sich einen sicheren Abstand zur Nulllinie verschaffen möchte. Auch deswegen erwartet die Credit Suisse, dass das Noteninstitut im Dezember den Leitzins noch einmal um 0,75 Prozent auf 1,25 Prozent erhöhen wird. Die Normalisierung der weltweiten Zinslandschaft ist eben erst richtig in Gang gekommen. Die Unsicherheit in Bezug auf den künftigen Kurs der Notenbanken ist riesig.
Auch der kommende Zinsentscheid der Nationalbank birgt viel Überraschungspotenzial. Nirgends wird dieser Prozess deutlicher sichtbar wie auf den Devisenmärkten. «Wir erwachen aus einem Tiefschlaf», freut sich Andreas Herth.