Wirtschaft
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Roger Koeppel spricht ueber seine Nomination als Staenderat an der Delegiertenversammlung der SVP des Kantons Zuerich, aufgenommen am Dienstag, 2. April 2019 in Zuerich Oerlikon. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

SVP-Vordenker und Ständeratskandidat Roger Köppel. Bild: KEYSTONE

Analyse

Wie Roger Köppel die Industrie der Zukunft ermorden will

Der ideologische Leithammel der SVP hat seine Vorstellung einer künftigen Umweltpolitik präsentiert. Es ist eine schlechte Version des Hollywood-Klassikers «Zurück in die Zukunft».



Klimawandel wird ein dominierendes Thema im kommenden Wahlkampf sein. Die SVP hat den Kampf gegen den «Klima-Wahn» zu einem zentralen Thema erklärt. In der «Weltwoche» hat Roger Köppel kürzlich einen Vorgeschmack gegeben, was uns erwartet.

Wer kennt sie nicht, die Redewendung «Ich bin zwar kein Rassist, aber …»? Köppel benutzt als Einleitung eine Variation davon: «Ich bestreite nicht, dass es den Klimawandel gibt», schreibt er. «Es gibt ihn seit Milliarden Jahren, und er wird noch Milliarden von Jahren weitergehen.»

Roger Koeppel spricht an der Delegiertenversammlung der SVP des Kantons Zuerich, aufgenommen am Dienstag, 2. April 2019 in Zuerich Oerlikon. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Die Sonne nur im Plakat: SVP-Werbung. Bild: KEYSTONE

Wie die Ich-bin-kein-Rassist-Typen, kommt danach ein grosses «Aber». Köppel verharmlost den menschengemachten Klimawandel bis zur Unkenntlichkeit: «Wie gross dieser Einfluss (des CO2, Anm. d. Verf.) ist, darüber allerdings streiten sich die Wissenschaftler», schreibt er. Das natürlich «verschweigen die Medien. Sie bringen nur die Alarmisten», jammert Köppel.

Danach folgt ein peinlicher Fehler. Die Schweiz stosse jährlich bloss 3,6 Millionen Tonnen CO2 aus, so Köppel. Wie der Energiejournalist Hanspeter Guggenbühl auf der Online-Plattform «infosperber» festhält, sind es zehnmal mehr, nämlich 36 Millionen Tonnen.

Okay, ein Kommafehler kann in den besten Familien vorkommen. Viel schlimmer ist die Tatsache, dass Köppel des Pudels Kerns nicht erkennen kann und eine völlig veraltete Klimapolitik vertritt. Sie geht wie folgt:

Die Schwellenländer wollen so werden wie wir. Sie werden daher ihren Energieverbrauch und ihren CO2-Ausstoss noch massiv steigern. Deshalb ist China bereits zur grössten CO2-Dreckschleuder geworden.

epa04098578 A woman wearing a protective mask walks along a commuter bridge overlooking a main road amidst smog in Beijing, China, 24 February 2014. Due to smog alerts, a city in northern China has banned a fifth of residents' vehicles from roads, reports stated since 23 February. In Beijing, an orange alert had been issued on 21 February due to smog which is the second-highest of four levels of urgency. The Environmental Protection Ministry has sent 12 inspection teams to Beijing, Tianjin, Hebei and surrounding areas to check on compliance to measures to reduce air pollution.  EPA/ROLEX DELA PENA

Smog in Peking: China hat weltweit den grössten CO2-Ausstoss. Bild: EPA/EPA

Afrika wird früher oder später folgen. Was wir Schweizer gegen den CO2-Ausstoss tun, ist daher irrelevant. «Fährt die Schweiz ihr CO2 jährlich um zehn Prozent herunter, wäre dies ein Hunderttausendstel von dem, was China et cetera in die Luft blasen. Die Reduktion wäre volkswirtschaftlich folgenreich für die Schweiz, aber fürs Weltklima wirkungslos», folgert Köppel.

Unsere Bemühungen, den CO2-Ausstoss zu minimieren, werden in dieser Betrachtungsweise nicht nur bedeutungslos. Gemäss Köppel führen sie gar zur «Ermordung der industriellen Gesellschaft».

Vielleicht sollte Köppel einmal die Begriffe «China» und «nachhaltige Energie» googeln. China ist längst der industrielle Frühzeit entwachsen. Es produziert inzwischen mehr als billige T-Shirts und Plastikspielsachen, viel mehr.

Die Chinesen haben in der Vergangenheit die industrielle Revolution verpasst. Sie haben dafür einen hohen Preis bezahlt. Ein zweites Mal wird ihnen das nicht passieren.

FILE - In this April 26, 2018, file photo, a robot assist receptionist is seen at the booth of a Chinese automaker during the China Auto 2018 show in Beijing, China. Under President Xi Jinping, a program known as

Ein Roboter als Empfangsdame: Die Chinesen sind wie die Japaner Technofreaks. Bild: AP/AP

Staatspräsident Xi Jinping hat daher hoch offiziell erklärt, China wolle spätestens in der Mitte dieses Jahrhunderts die führende Hi-Tech-Nation auf diesem Planeten sein. Ein realistisches Unterfangen: Bereits heute sind die Chinesen auf dem Gebiet der Solartechnik führend. Sie produzieren die meisten Elektroautos und das chinesische WeChat schlägt unser WhatsApp meilenweit.

Selbst auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI) ist China auf der Überholspur. Im viel beachteten Buch «AI Superpowers» schildert Kai-Fu Lee, weshalb die Chinesen den Westen in Sachen KI schlagen werden. KI gilt als Schlüsseltechnologie der Zukunft.

Auch Afrika wird kaum unseren ausgetretenen Pfaden folgen. Sehr viel wahrscheinlicher ist das Szenario eines so genannten «Leapfrogging». Will heissen: Entwicklungsstufen werden einfach übersprungen.

Ansätze dazu gibt es: Finanzgeschäfte werden etwa in Kenia primär mit dem Smartphone erledigt. Solarenergie breitet sich selbst in den ärmsten Ländern aus. Drohnenexperten erklären uns derweil, dass dank dieser Technologie in nicht allzu ferner Zukunft auch die Transportprobleme auf dem unwegsamen Kontinent gelöst werden können.

Die Vorstellung, dass die Schwellenländer in kleinen Schritten unserem Beispiel folgen werden und so zu immer schlimmeren CO2-Sündern werden, ist daher unzutreffend.

China unternimmt gewaltige Anstrengungen in Sachen nachhaltiger Energie, nicht weil es dort jede Menge von Greta Thunbergs und anderen «Klimahysterikern» gibt. Wenn die Chinesen nicht im eigenen Dreck ersticken wollen, haben sie gar keine andere Option.

Ein grosses Land hingegen fehlt auf der Öko-Landkarte: Russland. Um seine Grossmachtsträume zu verwirklichen, hat Waldimir Putin zwar sein Militär aufgerüstet, wirtschaftlich hingegen hat er versagt. Während China auf dem Weg zu einer Hi-Tech-Nation ist, bleibt Russland die «globale Tankstelle», abhängig von seinen Rohstoffen und dem Erdölpreis.

Russian President Vladimir Putin limbers up during a master class at a judo school in St. Petersburg, Saturday, Dec. 24, 2005. Putin, a judo black belt and a KGB veteran of 16 years, showed off his skills in the sport Saturday in nationwide television footage, giving a master class to students of a judo school in his home city. (KEYSTONE/AP Photo/Dmitry Lovetsky)

Wirtschaftlich nichts auf die Reihe gebracht: Wladimir Putin. Bild: AP

Ausgerechnet Putin will uns Köppel als mustergültigen, vernünftigen Staatsmann verkaufen. «Putin hat recht», so Köppel. «Besser ist es, sich auf den Klimawandel einzustellen, sich anzupassen, die Folgen abzuschätzen und die Massnahmen darauf einzurichten.»

Putin und die fossilen Brennstoffe als Zukunftsvision? Inzwischen hat selbst die deutsche Autoindustrie erkannt, dass die Zukunft dem Elektromobil gehört. Auf dem Weg in eine nachhaltige Gesellschaft sind noch sehr viele Probleme ungelöst, und es werden mit Sicherheit noch viele Fehler begangen werden.

Ein «Zurück in die Zukunft» mit Putin und Öl hingegen ist mehr als ein ökologisches Desaster. Um es à la Köppel auszudrücken: Es ist die Ermordung der digitalen Industrie.

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Wenn uns die Erde so behandeln würde wie wir sie

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