Wirtschaft
Schweiz

Ein Label für Flug-Food? Coop, Migros und Co. winken ab

Ein Label für Flug-Food? Coop, Migros und Co. winken ab

Betroffene Unternehmen wehren sich gegen eine Deklarationspflicht für Frischprodukte, die per Flugzeug importiert werden. Unterstützt wird die Forderung hingegen von einem der mächtigsten Verbände der Schweiz.
12.01.2024, 06:44
Chiara Stäheli / ch media
Mehr «Wirtschaft»

Crevetten aus Vietnam, Ananas aus Costa Rica oder Rindfleisch aus Paraguay: In der Produktepalette der Detailhändler finden sich etliche Lebensmittel, die per Flugzeug in die Schweiz gelangen. Deren Klimabilanz ist deutlich schlechter als bei identischen Produkten, die per Schiff, Bahn oder Lastwagen eingeführt werden. Gemäss einem Bericht der Wissenschaftskommission des Nationalrats belastet etwa eine per Flugzeug importierte Mango die Umwelt zehnmal stärker als eine Mango, die per Schiff geliefert wird.

[KI-GENERIERT] Eine Ananas fliegt über die Schweiz.
«Nicht matchentscheidend»: Die IG Detailhandel ist wenig begeistert von einer Deklarationspflicht.ki-generiertes Bild:/dall-e/watson

Ein anderer Bericht im Auftrag des Bundesamts für Umwelt zeigt noch deutlichere Unterschiede: Werden die pro Tonne und Kilometer verursachten Treibhausgasemissionen betrachtet, so fallen diese beim Flugtransport 12- bis 16-mal höher aus als beim Lastwagentransport. Im Vergleich mit dem Bahn- oder Schiffstransport sind sie gar bis zu 30-mal höher.

Um das Ernährungssystem nachhaltiger zu gestalten und Konsumentinnen und Konsumenten einen «bewussteren Kaufentscheid» zu ermöglichen, sollen deshalb künftig per Flugzeug eingeführte Frischprodukte deklariert werden müssen. Dazu zählen Fisch, Fleisch, Gemüse und Früchte. Die vorberatenden Kommissionen von National- und Ständerat haben eine entsprechende parlamentarische Initiative von Christine Badertscher (Grüne/BE) angenommen. Noch bis zum 22. Januar können Betroffene zur geplanten Anpassung im Lebensmittelgesetz Stellung nehmen. Dann berät das Parlament die Vorlage.

Bauern sind dafür, Detailhändler dagegen

Wenig begeistert von einer Deklarationspflicht zeigt sich nebst dem Gastronomie- und Hotellerieverband Gastrosuisse auch die IG Detailhandel, welche die Interessen von Coop, Migros und Denner vertritt. Sie verweist darauf, dass das Transportmittel «nicht matchentscheidend» sei, wenn es um die Umweltbelastung von Lebensmitteln gehe. Schliesslich verursache die Produktion «einen weitaus höheren Anteil an Schadstoffen als der Transport».

Zudem würden einige Detailhändler eingeflogene Lebensmittel schon heute freiwillig deklarieren oder gar auf solche Produkte verzichten. Es soll deshalb weiterhin den Unternehmen überlassen werden, «mit welchen Massnahmen die Nachhaltigkeit und die Emissionsreduktion im Detailhandel vorangetrieben werden kann».

Der Bauernverband hingegen unterstützt die Forderung nach einer Deklaration der Flugtransporte. Angesichts «der klima- und umweltpolitischen Bemühungen der Schweiz» seien unnötige Flugtransporte von Lebensmitteln nicht tolerierbar. Wenn die problematische Transportart erkennbar sei, könnten Konsumentinnen und Konsumenten ihre Lebensmitteleinkäufe nachhaltiger gestalten. Der dadurch entstehende Aufwand sei geringfügig, so der Bauernverband. Schliesslich würden Lebensmittel schon heute hinsichtlich ihrer Herkunft geprüft - und die Detailhändler könnten die Deklaration vermeiden, wenn sie per Flugzeug importierte Lebensmittel aus dem Sortiment streichen.

Auch die Umweltallianz - der Zusammenschluss von Greenpeace, Pro Natura, WWF und dem Verkehrs-Club Schweiz - begrüsst die Deklarationspflicht. Diese soll nicht nur schriftlich erfolgen, sondern mit dem Symbol eines Flugzeugs auf der Verpackung ergänzt werden. Die Umweltallianz will zudem noch einen Schritt weitergehen: Anstatt lediglich Flugtransporte zu kennzeichnen, sollen künftig alle Konsumprodukte mit ihrem vollständigen ökologischen Fussabdruck deklariert werden müssen. So könne man den Konsumentinnen die Möglichkeit geben, die nachhaltigsten Produkte leichter zu identifizieren. Zudem verhindere man dadurch «das von einigen Produzenten und Einzelhändlern praktizierte Greenwashing». (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Nikotinentwöhnung durch Erdbeeren – das behauptet zumindest diese Tiktokerin
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
81 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Max Dick
12.01.2024 06:55registriert Januar 2017
Grundsätzlich eine vernünftige Sache, aber dass ausgerechnet der Bauernverband plötzlich auf Umweltschutz macht, ist doch eher witzig.
889
Melden
Zum Kommentar
avatar
ELMatador
12.01.2024 07:45registriert Februar 2020
Genau mein Humor, der Bauernverband erwähnt den Umweltschutz als wichtigen Faktor. Gleichzeitig hat aber genau ebendieser Verein alle Umweltschutzvorlagen bezüglich Landwirtschaft bekämpft und die meisten davon sehr erfolgreich.


Stoppt die Lobbygruppen im Parlament! Interessensgruppen dürfen kein so hohes Gewicht haben und über die Bevölkerung hinweg unsere Gesetze und Gesetzgeber manipulieren.
5911
Melden
Zum Kommentar
avatar
Pulmoll
12.01.2024 07:23registriert Mai 2021
Das erinnert mich irgendwie and die ganze Einweg-Plastiksäckli-Geschichte. Migros und Coop machen Werbung mit Nachhaltigkeit, aber sobald es um konkrete Massnahmen geht, steigen sie voll auf die Bremse.
526
Melden
Zum Kommentar
81
«Halten Sie den Schnauf für nachher!» – in der Klima-«Arena» stösst Brotz an seine Grenzen
Nach dem Sieg der Klimaseniorinnen am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eskaliert die SRF-«Arena» komplett. SVP-Nationalrat Christian Imark lässt nämlich nur eine Person ausreden. Und das ist nicht Moderator Sandro Brotz.

Macht die Schweiz genug für den Klimaschutz? Dieser Frage widmete sich die SRF-«Arena» diesen Freitag. Obwohl der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) genau diese vergangene Woche klar beantwortet hatte: Nein, die Schweiz ergreife nicht ausreichend Massnahmen gegen den Klimawandel, um seine Bevölkerung vor diesem zu schützen. Damit verletze der Bund das Menschenrecht auf Respekt für das Privat- und das Familienleben.

Zur Story