bedeckt, wenig Regen
DE | FR
Wirtschaft
Schweiz

Lidl und Aldi fliegen kein Obst ein – Migros und Coop schon

Lidl und Aldi fliegen kein Obst ein – Migros und Coop wollen daran festhalten

14.01.2023, 11:32
Mehr «Wirtschaft»

Per Luftfracht aus Peru importierte Spargeln oder Trauben aus Südafrika sucht man in den Regalen der Discounter Aldi und Lidl in der Schweiz vergebens: Aus Umweltschutzgründen verkaufen die Unternehmen kein eingeflogenes Obst und Gemüse - anders als Migros und Coop. Ein Klimaexperte lobt zwar den Entscheid, dieser allein reiche aber nicht aus.

Kein Flugobst
Lidl und Aldi verzichten auf Flugobst.Bild: shutterstock/watson

Mit dem Verzicht auf sogenanntes «Flugobst und -gemüse» will Aldi neu einen Beitrag leisten zum Umweltschutz, wie das Unternehmen kürzlich bekanntgab. Der Discounter verbannt ab sofort eingeflogene Früchte und Gemüse aus seinen Läden und will damit laut eigenen Angaben jährlich 5000 Tonnen CO2 einsparen.

Konkurrent Lidl verzichtet sogar bereits seit dem Start in der Schweiz auf eingeflogene Gemüse und Früchte. Seit 2020 verkauft man ausserdem keine per Luftfracht transportierten Fleisch- und Fischprodukte mehr.

Migros und Coop halten an Flugfracht fest

Ganz anders sieht es bei den beiden mächtigsten Detailhändlern der Schweiz aus: Migros und Coop wollen beide nicht auf den Import von eingeflogenem Gemüse und Obst verzichten. «Gar keine Flugtransporte mehr durchführen ist aktuell (noch) kein Thema», so ein Migros-Sprecher.

Insgesamt mache der Anteil an Flugobst und -gemüse bei der Migros allerdings weniger als 1 Prozent des Sortiments aus. Die Transporte dieser Artikel verursachten einen CO2-Ausstoss von 18'000 Tonnen. Diese kompensiere man über die eigene Klimastiftung in Zusammenarbeit mit Myclimate.

Auch bei Coop heisst es, dass sich Flugtransporte wegen der kurzen Haltbarkeitsdauer mancher Produkte nicht komplett vermeiden liessen. «Würden wir darauf ganz verzichten, könnten wir unseren Kundinnen und Kunden Stand heute nicht mehr dasselbe umfangreiche Sortiment an exotischen Früchten und Gemüsen anbieten», so ein Sprecher.

Knapp 7400 Tonnen Flugobst und -gemüse
Im Jahr 2021 sind gemäss Zahlen des Bundesamtes für Zoll- und Grenzsicherheit (BAZG) 7357 Tonnen frisches Obst und Gemüse per Flugzeug in die Schweiz eingeführt worden. Sie hatten insgesamt einen Warenwert von über 56 Millionen Franken. Das ergibt im Schnitt einen Kilo-Warenwert von 7,60 Franken. Dieser hohe Kilopreis weist darauf hin, dass die Detailhändler vor allem hochpreisige Früchte und Gemüse per Flugzeug importieren.

Die 7357 Tonnen entsprechen 9,2 Prozent der gesamten Menge an über den Luftweg importierten Waren in die Schweiz. Damit ist Obst und Gemüse die Produktkategorie, von der prozentual die grössten Volumina per Flugzeug importiert wurden, gefolgt von den Maschinen, Werkzeugmaschinen und Teilen dafür (9%) und Bekleidungs- und Pelzwaren (5%). (awp/sda)

Sortimentseinschränkung als Folge

Wer mitten im Winter frischen Spargel oder am Baum gereifte exotische Früchte verkaufen möchte, erhält diese natürlich nicht vom Lieferanten aus der Region. Bei Aldi ist man sich deshalb bewusst, dass der jüngste Entscheid manche Einschränkung des Sortiments mit sich bringt.

«Wenn ein Artikel, der nicht zum Transport mit dem Schiff geeignet ist, in Europa saisonal bedingt nicht mehr verfügbar ist, verzichten wir darauf, diesen weiterhin anzubieten», sagt ein Unternehmenssprecher. Dies sei zum Beispiel auch bei Produkten wie Brombeeren der Fall.

Bei den beiden grossen Detailhändlern will man das Sortiment jedoch nicht eingrenzen - und verweist auf die Eigenverantwortung der Kunden. «Mit unserem Angebot richten wir uns grundsätzlich nach den Bedürfnissen unserer Kundinnen und Kunden und bieten ihnen die Wahlfreiheit», so Coop.

Die Migros ergänzt, man deklariere die Produkte transparent, um den Kunden die Wahl zu lassen. Konkret würden Früchte und Gemüse, die per Luftfracht eingeflogen wurden, mit dem «By Air»-Logo gekennzeichnet. Damit soll für die Kunden sichtbar werden, dass der Kauf des Produktes wenig ökologisch ist.

Deklaration hindert nicht am Kauf

Doch in der Praxis scheint das die Konsumenten nicht vom Kauf abzuhalten. Gemäss dem Coop-Sprecher ist die Nachfrage nach Produkten, die als Luftfrachtimport gekennzeichnet sind, seit der Einführung des Logos nämlich konstant geblieben.

Den Klimaexperten von Greenpeace, Georg Klingler, überrascht das nicht. Es wirkten viel mehr Faktoren auf den Kaufentscheid der Kunden als ein solches Logo, wie etwa die Platzierung der Ware, der Preis oder allfällige Aktionen, erklärt er.

«Wichtiger als die Verantwortung auf die Konsumentinnen und Konsumenten abzuschieben, ist daher, dass die Detailhändler Verantwortung übernehmen und dafür sorgen, dass sie nachhaltiger werden.» (sda/awp)

Transport ist für Ökobilanz nicht das Entscheidendste
Die Discounter Aldi und Lidl transportieren keine Früchte und Gemüse mit dem Flugzeug in die Schweiz. Damit wollen sie einen Beitrag leisten zum Klimaschutz – denn der Transport von Lebensmitteln per Flugzeug verursacht viele Treibhausgasemissionen. Doch wie sinnvoll ist das überhaupt?

Laut dem Klimaexperten von Greenpeace, Georg Klingler, verursacht der Transport von Lebensmitteln im Schnitt etwa 5 Prozent der Umweltbelastung eines Produktes. Bei Waren, die mit Luftfracht transportiert werden, ist dieser Anteil allerdings höher. «Mit einem Transport per Flugzeug werden bis zu 20 Mal mehr Emissionen verursacht als mit einem Transport per Schiff und Lastwagen», so Klingler.

Er hält den Verzicht auf Lufttransport deshalb für durchaus sinnvoll. Um ihren Fussabdruck aber substanziell zu verringern, müssten Detailhändler vermehrt den Food Waste verringern und tierische durch pflanzliche Proteine ersetzen. Nachhaltigkeitsorientierte Konsumenten sollten zudem möglichst auf pflanzliche, biologische, saisonale und regionale Produkte zurückgreifen.

Doch schwarz oder weiss gibt es nicht: «Wenn zum Beispiel Tomaten in einem fossil beheizten Schweizer Gewächshaus produziert werden, haben sie eine schlechtere Umweltbilanz als solche von einem unbeheizten spanischen Gewächshaus», sagt er. Anders sehe es aber beispielsweise bei einem mit Fernwärme beheizten Schweizer Treibhaus aus. (awp/sda)
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
«3'000 Franken im Monat machen mich nicht glücklich» – Rich Kid erzählt
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
166 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Yakari9
14.01.2023 11:56registriert Februar 2016
Also Coop und Migros bieten Flug-Obst an (auch in Aktionen), appelieren dann aber an die Eigenverantwortung des Kunden das Flug-Obst nicht zu kaufen?
2729
Melden
Zum Kommentar
avatar
Ihre Dudeigkeit
14.01.2023 11:44registriert März 2014
Die Neuen Palyer werden immer sympathischer.
18927
Melden
Zum Kommentar
avatar
Züriläckerli
14.01.2023 12:38registriert Februar 2017
Solange "kompensiertes" CO2 als klimaneutral gilt, wird sich nie etwas ändern! Früchte einzufliegen und das Treibhausgas dabei kompensieren nützt rein gar nichts, denn das CO2 kann nur vermieden werden, wenn man es gar nicht ausstösst. Das ist doch wohl auch für den dümmsten Zeitgenossen logisch. Nicht aber für die Migros.
578
Melden
Zum Kommentar
166
Signa-Prime-Gläubiger fordern rund 6,3 Milliarden Euro

Die Gläubiger der Signa Prime haben Forderungen von rund 6,3 Milliarden Euro angemeldet. Das geht aus einer Pressemitteilung des Sanierungsverwalters Norbert Abel hervorgeht. Von den bisher 219 Forderungsanmeldungen wurden nur rund 2,6 Milliarden Euro anerkannt.

Zur Story