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Wertvollste Pokémon-Kartensammlung in der Schweiz aufgetaucht

Schweizer Familie enthüllt bisher geheime Pokémon-Sammlung – sie ist Millionen wert

In der Schweiz ist die wahrscheinlich wertvollste Pokémon-Kartensammlung der Welt aufgetaucht. Die Besitzerfamilie gibt international Anlass für Spekulationen. Wir haben sie getroffen.
03.05.2026, 13:4703.05.2026, 13:54
Simon Mathis, Federico Gagliano / ch media

Seit den 90er-Jahren jagen Kinder nach ihnen: Pokémon. Die bunten Monster, die sich zähmen und trainieren lassen, haben seit ihrem Videospieldebüt die Welt erobert. Der Slogan «Schnapp' sie dir alle» zieht sich dabei durch alle Formate, die seitdem entstanden sind: Zeichentrickfilme, die App «Pokémon Go», Comics und auch Sammelkarten. Bei letzteren gestaltet sich die Jagd seit einigen Jahren jedoch als schwierig: Der Wert der Karten ist explodiert, seltene Exemplare werden für Millionen Dollar in Auktionen versteigert.

Seit einem Monat sorgt deshalb eine Website für Staunen – nicht nur bei Pokémonfans. Eine 20-jährige Schweizerin, die sich Jolina Gisèle nennt, enthüllt dort eine Pokémon-Kartensammlung, die den Rahmen bisher bekannter Kollektionen völlig sprengt. Ihre Sammlung umfasst über 60'000 Karten, viele von ihnen extrem selten und in einem makellosen Zustand. Bei einigen handelt es sich sogar um Unikate, die es nur einmal auf der Welt gibt. Der Wert der sogenannten «Jolina Gisèle Collection» ist nur schwer schätzbar. Aber er dürfte sich in einem höheren zweistelligen Millionenbereich bewegen.

In einem Video zur Sammlung sieht man Jolina als Bond-Girl mit dem Model und Influencer Kevin Lütolf, während die Kartensammlung im Dolder Grand in Zürich in Szene gesetzt wird. Der Webauftritt ist anlässlich des diesjährigen 30. Jubiläums von Pokémon entstanden. Die Identität der Besitzer sorgt seitdem für wilde Spekulationen in der Sammlerszene: Wer ist Jolina Gisèle? Ist sie eine bezahlte Schauspielerin, eine Multimillionärin, ein KI-Konstrukt?

Jolina Gisèle Collection: Pokémon Schweizer Familie Sammlung
https://www.aargauerzeitung.ch/leben/pokemon-sammlung-schweizer-familie-enthuellt-karten-mit-millionenwert-ld.4159232
Inszenierung als Bond-Girl: Wer steckt hinter Jolina Gisèle?Bild: zvg

Gemeinsames Hobby für Vater und Tochter

Die Antworten auf diese Fragen kann nun CH Media liefern. In einer Recherche konnten wir die bisher unbekannte Besitzerfamilie der Sammlung ausfindig machen und sie zum Gespräch treffen. Einzige Bedingung: Die Deutschschweizer Familie will anonym bleiben.

Jolina habe die Sammlung gemeinsam mit ihrem Vater aufgebaut. Dieser beantwortete uns zusammen mit seiner Frau einige der Fragen, die nun seit Wochen im Netz kursieren. Allen voran: Wie erreicht man eine derart aussergewöhnliche Sammlung? Die Antwort: Vor dem Hype damit anfangen. Denn die Ursprünge der Sammlung liegen im Jahr 2013. Damals besuchte Jolina Gisèle die Primarschule. Weil sie sehr introvertiert war, hatte sie Mühe, in der Schule neuen Anschluss zu finden. Da entdeckte sie etwas, das ihre Leidenschaft weckte: Pokémon-Sammelkarten. Sie sind so gross wie Jasskarten, zeigen aber verschiedene Pokémon, mit denen man gegeneinander spielen kann.

Jolina Gisèle Collection: Pokémon Schweizer Familie Sammlung
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Diese Pikachus mit Gold-, Silber- und Bronzepokalen gingen 1997 an die Gewinnerinnen und Gewinner eines Turniers in Japan.Bild: zvg

Ihre Klassenkameraden – vorwiegend Jungs – belächeln ihre Sammlung zunächst. Aber immerhin: Dank der Karten erweitert sich ihr Freundeskreis. Mit ihrem neuen Hobby findet Jolina erstmals auch etwas, das sie mit ihrem Vater teilen kann. Der Unternehmer hat wie seine Tochter ein eher verschlossenes Naturell. Er beginnt, sich in das Thema zu vertiefen. Zumal Jolina ihm damals als Siebenjährige die naive Frage stellte: «Papa, kannst du alle Pokémon-Karten kaufen?»

Das Sammelfieber seiner Tochter steckt ihn an. Er sucht Kontakte mit Personen, die Zugang haben zu seltenen Karten – insbesondere im Ursprungsland Japan. So entsteht Schritt für Schritt ein Netzwerk. «Was ich suchte, interessierte damals kaum jemanden», hält der Vater fest. Und ergänzt mit einem Lachen: «Auch aktuell habe ich Karten, die wohl niemanden ausser mich selbst interessieren.»

Sammler aus Leidenschaft

An anderen Karten seiner Sammlung hingegen ist das Interesse enorm. Seit der Pandemie ist ein regelrechter Boom um die Karten entstanden. Begonnen hat es zirka 2020, als der Youtuber Logan Paul eine seltene «Glurak»-Karte für 150'000 Dollar ersteigerte und dann prominent als Kette um den Hals trug. Das Nischenhobby wurde daraufhin zum Mainstream-Hype: Die Preise stiegen an, jeder suchte nach verlorenen Kartenschätzen im eigenen Keller und Dachboden.

Das Unternehmen Professional Sports Authenticator (PSA), welches Sammelkarten aller Art bewertet und authentifiziert, wurde derart mit Anfragen überschwemmt, dass sie ihren Betrieb drei Monate lang pausierten. Noch heute muss man bis zu einem Jahr warten, um eine Bewertung zu bekommen. Für die Schweizer Sammlerfamilie kein Problem: Rund 12'000 ihrer Karten sind bereits bewertet.

Jolina Gisèle Collection: Pokémon Schweizer Familie Sammlung
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Ein weiteres Herzstück der Sammlung: Das «University Magikarp» in fünffacher Ausführung.Bild: zvg

Dazu muss man wissen: Der finanzielle Wert von Pokémonkarten wird in erster Linie vom Sekundärmarkt bestimmt – also von Sammlerinnen und Sammlern, die Karten kaufen und weiterverkaufen. Entscheidend ist nicht nur die Seltenheit, sondern auch der Zustand der Karten. Kleine Kratzer, schräg abgedruckte Sujets, gebogene Ecken: Das alles vermindert den Wert einer Karte stark. Wer heute Karten sammelt, packt sie deshalb sofort in eine Schutzhülle.

Als das Sammelkartenspiel in den 1990er-Jahren herauskam, ging man ganz anders mit den Karten um. Es ging vor allem darum, mit ihnen zu spielen. Kratzer und Abnutzungen gehörten dazu. Deshalb sind ältere «Vintage»-Karten, die sich in einem makellosen Zustand befinden, besonders wertvoll. Seltene Karten, die von PSA mit 10 bewertet werden, haben auf dem Sekundärmarkt den grössten Wert. Zur Einordnung: Laut der Familie erhielt ein Grossteil der bewerteten Karten in der «Jolina Gisèle Collection» diese höchstmögliche Einstufung.

Hobby ist teurer geworden

Es gibt Fans, die den Hype seit Längerem kritisch sehen. Sie sprechen von einer Blase, die bald platzen könnte. Kinder kommen teils fast gar nicht mehr an Karten, weil Erwachsene sie ihnen wegschnappen – und zu Mondpreisen weiterverkaufen. Auch Jolinas Vater empfindet die Entwicklung als bedenklich. «Für mich als Sammler ist eine solche Preisexplosion schlecht. Das Hobby wurde dadurch teurer.» Deshalb habe er vor einigen Jahren mit dem Sammeln aufgehört.

Das persönliche Gespräch macht deutlich: Der Vater ist alles andere als ein kalkulierender Investor, wie es ihm manche online vorwerfen. Seine Leidenschaft ist spürbar, er kennt sich in der Materie aus, gerät immer mal wieder ins Schwärmen. «Viele der Karten erzählen eine Geschichte», sagt er. Als eine seiner Lieblingskarten nennt er «Super Secret Battle». Sie stammt aus 1999 und war ein Preis für die Gewinner lokaler Turniere in Japan. Daher war sie nicht frei im Markt verfügbar, was sie äusserst rar macht.

Jolina Gisèle Collection: Pokémon Schweizer Familie Sammlung
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Sie gehören zu den Lieblingskarten des Schweizer Sammlers: «Super Secret Battle».Bild: zvg

Selbst hat die Familie aber nie an Turnieren mitgespielt: «Ich weiss zwar, wie das Kartenspiel funktioniert, aber ich spiele nicht», sagt Jolinas Vater. «Meine Leidenschaft ist das Sammeln.» Seine Faszination sei schwierig in Worte zu fassen: «Die Karten sehen einfach cool aus. Entweder man verliebt sich in sie, oder nicht.»

Trotz dieser Leidenschaft erwägt die Familie nun einen Verkauf ihrer Sammlung. «Sie ist mittlerweile eher eine Belastung geworden», sagt Jolinas Mutter. Über den Wert der Sammlung will die Familie nicht sprechen. Mit Blick auf vergangene Auktionen lässt sich höchstens der Wert einzelner Karten erahnen. So befinden sich in der Schweizer Sammlung zwei «Pikachu Illustrator»-Karten mit hohen Bewertungen.

Eine solche Karte mit Bewertung 9 wurde Ende März vom US-Auktionshaus Heritage für 1,4 Millionen Dollar versteigert. Die Illustrator-Karte ist so etwas wie der Heilige Gral der Pokémonsammler. Aktuell gibt es nur eine einzige «Illustrator» mit PSA-Bewertung 10. Sie wurde Anfang Jahr – erneut von Logan Paul – für 16,5 Millionen Dollar versteigert, wie unter anderem «BBC» berichtete. Abnehmer war der Risikokapitalgeber AJ Scaramucci, der Sohn von Donald Trumps ehemaligem Kommunikationsdirektor Anthony Scaramucci.

Jolina Gisèle Collection: Pokémon Schweizer Familie Sammlung
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Die extrem seltene Karte «Illustrator Pikachu» lässt die Herzen von Sammlerinnen und Sammlern höher schlagen. Die Schweizer Familie hat gleich zwei von ihnen.Bild: zvg

Aus Sicherheitsgründen hat die Familie die Sammlung nun ausgelagert. Das war aufwendig und kostspielig. Inzwischen befindet sie sich an einem sicheren Ort – so sicher, dass auch für unsere Zeitung kein Besuch möglich war. Die Vorsicht ist begründet: In Frankreich wurden etwa im April bei einem bewaffneten Überfall Pokémon-Karten im Wert von 300'000 Euro geklaut, wie «TF1» berichtet. Diebstähle in Kartenläden oder -lager haben weltweit zugenommen, besonders in den USA. Der neue Lagerort sorgt bei Jolinas Mutter auch deshalb für Erleichterung, weil es wieder mehr Platz im Haus gibt. «Die Karten nahmen ein ganzes Zimmer ein.»

Museum wäre im Sinne der Familie

Der Familie ist es ein Anliegen, die Sammlung als Ganzes zu verkaufen. «Sie gehört zusammen», findet der Vater. «Es würde uns sehr freuen, wenn jemand ein Museum daraus machen könnte, damit diese historischen Karten für alle sichtbar werden.» Leider übersteige dies die Ressourcen der Familie – zumindest derzeit noch. Die Familie habe bereits einige seriöse Angebote erhalten, will aber nichts überstürzen. «Mehrere Interessenten möchten aufgrund der steigenden Entwicklung im Pokémon-Markt jedoch zeitnah handeln», sagt der Vater.

Und was ist mit der Namensgeberin der «Jolina Gisèle Collection»? Sie schliesst zurzeit die Matura ab. «Ihr Interesse für Pokémon ist nicht mehr so gross», erzählt ihre Mutter. Die Eltern sind sich ohnehin nicht sicher, ob sie weiterhin im Rampenlicht stehen soll, da sie sich auf die Abschlussprüfungen fokussieren will.

Nach einem allfälligen Verkauf würden Jolinas Sammelordner aus Kindheitstagen zurückbleiben. «Die werden wir sicher nicht verkaufen», betont ihr Vater. Auch er selbst werde wahrscheinlich eine oder zwei Karten als Erinnerung behalten. Mit dem Sammeln aber habe er abgeschlossen – zumindest vorerst.

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37 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Peter R.aus W.
03.05.2026 14:02registriert April 2023
sie ist Nur Milionen wert wen jemand gefunden wird der den Preis zahlt.
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Hans Jürg
03.05.2026 14:44registriert Januar 2015
Tulpenzwiebeln, Swatch-Uhren, waren auch mal extrem teuer, bis die Spekulationsblase gepatzt ist.
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