Zurück an den Herd: Wie junge Frauen auf Instagram das Leben als Magd glorifizieren
Es ist der letzte Tag eines Lebens, das sie sich immer vorgestellt hat: Die US-amerikanische Autorin Claire Caro Burke nimmt den Höllentrip vorweg, der ihrer Protagonistin im Debütroman «Yesteryear» blüht. Schockiert ist man trotzdem. Denn so humorvoll und absurd die Geschichte um Natalie auch ist, bleibt sie nicht nur ein fiktiver Charakter. Stellvertretend steht sie für eine ganze Subkultur, in welcher der Feminismus am Ende ist.
Zunächst aber zum Vokabular dieses Romans: Natalie ist Influencerin, verdient ihr Geld also mit Online-Beiträgen in sozialen Netzwerken. Und sie ist eine Tradwife – eine «traditionelle Ehefrau» und lebt auf einer Farm. Anstelle von moderner Selbstbestimmung entscheidet sie sich für ein Leben zwischen Haushalt, selbstgemachtem Sauerteigbrot und früher Mutterschaft. «Wie traditionell ist sie genau?» könnte man fragen. Die Antwort lautet: Amerika, 1855.
In diesem Jahr wacht Natalie eines Tages auf. Ohne Smartphone, ohne Luxus und ohne Medienteam, das ihr bei den Beiträgen behilflich ist – dafür herrschen genau jene «traditionellen Werte» vor, die sie zuvor gepredigt hat. Die Frau ist dazu da, den Mann zu beglücken. Plötzlich ist das keine ästhetische Entscheidung mehr, sondern Realität. Und die gefällt ihr gar nicht.
Verfilmung mit Anne Hathaway steht fest
Das Debüt wurde in amerikanischen Medien als eines der «Bücher des Jahres» angekündigt. Und schon vor Erscheinen suchen Filmproduzenten nach einer Hauptdarstellerin, um «Yesteryear» ins Kino zu bringen.
Die Wahl fiel auf Superstar Anne Hathaway, was nicht nur viel über den Erfolg des Buches aussagt, sondern auch die Verbreitung seines Themas. Tradwives sind in aller Munde. Sie trenden auf Tiktok, gründen eigene Unternehmen und sind nun in der Literatur angelangt.
Was die Debatte so heiss macht: Man muss gar nicht weit suchen, um das vermittelte Frauenbild zu finden. Ein Blick in alte Werbungen reicht. Da ist zum Beispiel jener millionenfach angeklickte Spot von Dr.Oetker. Das Video aus den Fünfzigern dient heute als Hintergrundsound mancher Tradwives. «Ein Mann will täglich aufs Neue gewonnen sein!», heisst es da und: «Eine Frau hat zwei Lebensfragen. Was soll ich anziehen und was soll ich kochen?»
Regressiver und reaktionärer Trend
In den USA erreichen Tradwives ein Millionenpublikum. Hierzulande treten Figuren wie die Influencerin XMalischka auf. Auf Instagram folgen ihr fast 30'000 Menschen. Sie betont, jede Frau könne frei wählen, ob sie den Beruf oder das Hausfrauendasein bevorzuge. Ihr eigener Alltag beginnt derweil damit, sich «für den Mann schön zu machen».
Die Reaktionen darauf reichen von Bewunderung bis Spott oder Kritik. Für die meisten Frauen würde ein solcher Lebensstil nicht in einer Social Media Karriere enden, sondern in Altersarmut, kritisiert etwa die Psychologin und Medienforscherin Ines Imdahl. Reportagen zeigen gleichzeitig die Anschlussfähigkeit solcher Bilder an reaktionäre Ideologien. Auch Kulturwissenschaftler machen auf diese potenzielle Gefahr aufmerksam.
Genau in dieser Gemengelage setzt «Yesteryear» an. Natalies Umfeld ist konservativ-christlich, die Angst vor dem Aussterben der weissen Rasse allgegenwärtig und der Schwiegervater als perfekter Patriarch gleicht Cowboy-Ikone John Wayne.
Als sich Natalie in Harvard, angewidert von Alkohol- und Sexexzessen, von ihrer Umgebung abwendet, trifft sie auf den reichen Sohn eines Politikers. Er ist Retter, Ehemann und finanzieller Versorger. Mit ihm hat sie Kinder, kauft eine Ranch, wird berühmt und glücklich. Womit Natalie auch an ein reales Vorbild erinnert.
Kritik der «wütenden Weiber»
Hannah Neeleman, besser bekannt unter dem Namen «Ballerina Farm» erreicht mit ästhetisch inszenierten Einblicken in ihr Landleben auf Social Media ein Millionenpublikum. Die frühere Balletttänzerin lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern auf einer Farm im US-Bundesstaat Utah, wo sie ein idealisiertes Bild von Selbstversorgung, Mutterschaft und traditioneller Rollenverteilung vermittelt.
Sie backt Brot wie Natalie, hält Nutztiere und versorgt ihre Grossfamilie. In romantischer, nostalgischer Bildsprache. Und genau wie Natalie steht auch sie dafür in der Kritik. Die von ihr vermittelten Bilder seien unrealistisch, stark kuratiert und sexistisch. So konterkarieren sie die Errungenschaften feministischer Bemühungen. Auch im Roman werden solche Stimmen laut, doch Natalie tut dies als Eifersucht «wütender Weiber» ab.
Das Buch geht selbst viral
Schwer abzuschätzen ist, ob die mediale Verbreitung der Tradwives auf deren Beliebtheit zurückzuführen ist. Wahrscheinlich scheint es aber nicht zu sein. Das deutsche Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat dazu eine Umfrage durchgeführt, die ergab, dass weniger als jede fünfte Frau zwischen 20 und 30 Jahren ähnliche Tendenzen aufweist, wie sie Tradwives präsentieren.
Viel wahrscheinlicher ist, dass auch die kritischen Stimmen zur medialen Aufmerksamkeit beigetragen haben. So werden Tradwives in Talkshows eingeladen und in Fernsehbeiträgen vorgestellt. Es geht also nicht nur um einen Hype, sondern eine grössere, kritisch geführte Debatte. Davon profitiert «Yesteryear». Auf Instagram geht auch sie mit ihrem Buch gerade viral.
Claire Caro Burke. Yesteryear. 2026. Heyne. 464 Seiten. (aargauerzeitung.ch)
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