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Selecta geführt wie eine Sekte? Dieses Video wirft viele Fragen auf

Video: watson

Dieses Geheimvideo zeigt, weshalb sich Selecta-Angestellte in einer Sekte wähnen

Derzeit zirkuliert eine Aufnahme unter Mitarbeitenden der Snackautomatenfirma. Darin müssen alle Anwesenden auf Anforderung des Chefs Glaubenssätze aufsagen.
20.09.2022, 13:2820.09.2022, 19:20
Benjamin Weinmann / ch media
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Das Geschäft der Schweizer Firma Selecta ist an sich simpel. Cola-Flaschen, Linzertörtchen und Pommes-Chips werden in Snackautomaten an Bahnhöfen und Flughäfen verkauft, und in Büros gibt es Kaffeemaschinen und Kühlschränke mit frischer Verpflegung.

Nur: Seit längerem kommt Selecta nicht zur Ruhe. Die Inhaberin, die US-Private-Equity-Gesellschaft KKR, will schnell schwarze Zahlen sehen und die zuletzt serbelnde Firma gewinnbringend an die Börse bringen.

Dafür hat sie vor zwei Jahren mit dem deutschen Jungmanager Christian Schmitz und dem US-Wall-Street-Veteranen Joe Plumeri zwei Haudegen an die Spitze der Firma beordert, die mit Vollgas das Geschäft auf Vordermann bringen sollen.

Christian Schmitz ist Chef der Snackautomatenfirma Selecta.
Christian Schmitz ist Chef der Snackautomatenfirma Selecta.Bild: zvg

Doch ihr Führungsstil sorgt beim Personal für Verängstigung und Frustration, wie die «Schweiz am Wochenende» kürzlich publik machte. Die Rede ist von einer Angstkultur, in der Kaderleute ständig neu angestellt und wieder entlassen werden und praktisch rund um die Uhr einsatzbereit sein müssten. Und: Schmitz sorge zuweilen für eine sektenhafte Stimmung.

Dafür verantwortlich sind auch ein Leitfaden mit zehn Geboten auf Englisch, die der 41-Jährige verfasst hat. Der Titel: «Selecta CULTure: Principles, values and our path to Greatness» – zu Deutsch: Selecta-KULTur: Prinzipien, Werte und unser Weg zur Grossartigkeit. Darin heisst es unter anderem:

«Teil von Selecta zu sein, ist wie Teil eines ‹Kults› zu sein – es ist der fanatische Glaube an das, was wir tun, und das totale Engagement dafür.»
«Jeder, der zu Selecta kommt, muss die Kultur, von der er kommt, vor der Tür ablegen.»
«Wir glauben, dass das Einbringen neuer Kulturen unsere Kultur nicht besser macht, sondern eher verwässert, was wir aufgebaut haben.»

In manchen Sitzungen hätten Manager die Sätze gegenüber Schmitz vortragen müssen, quasi als Identifikationsbeweis, sagt ein Insider. «Es war einfach nur bizarr. Und eigentlich wäre es zum Lachen, wenn es nicht ernst gemeint wäre.» Schmitz steht auch konfrontiert mit der Kritik zu den Leitlinien.

Hinzu kommt Schmitz' sogenanntes «Belief System» mit Zielsätzen für das Unternehmen. Es fasse zusammen, woran man bei Selecta glaube, sagt Schmitz stolz dazu. «Dieses ‹Belief System› ist unser Kompass für alles, was wir tun.» Und daran muss sich jede und jeder halten, wie ein Video suggeriert, das derzeit unter Selecta-Angestellten zirkuliert.

Video: watson

Die Aufnahme, die CH Media vorliegt, stammt von einem virtuellen Townhall-Meeting mit Schmitz und seinem Förderer und Präsidenten Joe Plumeri. Es fand vor wenigen Tagen statt - und untermauert die Sektenvorwürfe, die zahlreiche Insider in der «Schweiz am Wochenende» äusserten.

Ein Wall-Street-Mann, wie er im Buche steht: Joe Plumeri ist Selecta-Präsident.
Ein Wall-Street-Mann, wie er im Buche steht: Joe Plumeri ist Selecta-Präsident.Bild: zvg

Schmitz zeigt im Präsentationsmodus die Sätze des «Belief Systems» und fordert alle Zuhörenden im Online-Meeting auf, sie mit ihm zusammen laut vorzutragen. Auch Plumeri macht bei der bizarren Übung mit. Und so sprechen alle zusammen PR-Sätze aus, die jeweils beginnen mit «We believe» – wir glauben. Dabei geht es darum, der Kundschaft jeden Tag Glücksmomente zu liefern und innovative Lösungen für freudige Erlebnisse zu kreieren.

Selecta-Chef Christian Schmitz ist stolz auf sein «Belief System», das von Angestellten vorgetragen werden muss.
Selecta-Chef Christian Schmitz ist stolz auf sein «Belief System», das von Angestellten vorgetragen werden muss.Bild: zvg

Nachdem Selecta beinahe Konkurs gegangen sei, habe es eine neue Kultur gebraucht, sagte Schmitz bei der Publikation des Insider-Reports der «Schweiz am Wochenende». «Ich habe aber vollstes Verständnis, wenn jemand sagt, dass dieses enge Korsett und unser hohes Tempo nicht zu einem passen.» Niemand müsse für Selecta arbeiten. «Aber bei unserer neuen Kultur gibt es keine Kompromisse.»

Vor wenigen Tagen hat der Finanzchef angekündigt, die Firma nach knapp zwei Jahren zu verlassen.

Der krisengesch
Für seine rot-weissen Snackautomaten ist der Selecta-Konzern in ganz Europa bekannt.Bild: sda
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So war es damals mit dem Ersten Geldautomat der Schweiz
Video: srf
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153 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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ast1
20.09.2022 09:54registriert März 2014
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lumpensammlerin
20.09.2022 09:38registriert Mai 2019
Ich kann mir gut vorstellen, dass nun nicht die Umsatzzahl, dafür aber die Fluktuationszahl unter den Mitarbeitenden steigt.
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Pontifax
20.09.2022 09:47registriert Mai 2021
Herr Schmitz soll erst mal normale Geschäftsgebaren kultivieren. Seit Monaten versuchen wir vergeblich, einen Selecta Kundenberater zu Gesprächen an den Tisch zu bekommen. Wahrscheinlich müssen wir die Zahlungen stoppen um eine Reaktion zu erhalten.
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