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Lukas Gaehwiler, CEO UBS Schweiz, aufgenommen anlaesslich eines Medienfruehstuecks am Donnerstag, 18. April 2013, in Zuerich. (KEYSTONE/Steffen Schmidt)

Lukas Gähwiler hat bei der UBS in unserem Land das Sagen. Per 1. September tritt er als Chef zurück. Bild: KEYSTONE 

UBS-Chef: «Bei einem Brexit droht der Stillstand»

Lukas Gähwiler, der Chef der UBS Schweiz, spricht im Interview über die Schweizer Wirtschaft, die EU und seine künftige Rolle in der Grossbank.

Andreas Schaffner und Roman Seiler / Nordwestschweiz



Herr Gähwiler, der Schweizer Wirtschaft geht es trotz dem starken Franken überraschend gut. Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Aufträge in der Industrie kommen zurück. Wie sehen Sie die Lage?
Lukas Gähwiler: Tatsächlich, die Grundstimmung ist besser als wir noch vor einem Jahr erwartet hätten. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die Margen in der Exportindustrie sind nach wie vor unter starkem Druck. Die wahren Folgen des SNB-Entscheids werden wir erst mit einiger Verzögerung sehen.

Wenn wir die genauen Zahlen anschauen, sieht es weniger rosig aus?
Die Schweiz ist in einer starken Position. Sie hat in den vergangenen fünfzehn Jahren ein Wirtschaftswachstum von 2 Prozent im Schnitt jährlich gehabt. Doch sieht man genauer hin, zeigt sich, dass es vor allem zwischen 1997 und 2008 so gut lief, also vor der Finanzkrise. Der Export war mit einem Beitrag von 60 Prozent die treibende Kraft. Nach 2010 wuchs die Schweizer Wirtschaft im Schnitt nur noch jährlich um 1.7 Prozent – davon sind fast 80 Prozent vom Binnenwachstum getrieben. Ich vergleiche es mit der Formel 1: Wir fahren in der Poleposition, haben aber noch nicht gemerkt, dass der Tank halb leer ist.

Die Zahl der Arbeitsplätze wuchs doch und die Arbeitslosigkeit sinkt.
Vorsicht, in der kernwertschöpfenden Industrie stagnieren die Arbeitsplätze. Dagegen haben wir seit 1991 40 Prozent mehr Arbeitsplätze in der Verwaltung geschaffen. Das sind 200 Stellen pro Monat. Dazu kommen monatlich 900 Stellen im Gesundheitswesen.

«Die schleichende Entvölkerung der Bergtäler hat nichts mit dem Tourismus per se zu tun. Das ist zum Teil auch eine generelle Entwicklung.»

Wir haben noch die Masseneinwanderungsinitiative, die wir umsetzen müssen, ohne dass sie die bilateralen Verträge gefährdet. Ist diese Quadratur des Zirkels möglich?
Ja, das ist sehr wohl machbar. Aber es braucht ein Entgegenkommen von allen Parteien. Einerseits innenpolitisch von der Schweiz. Andererseits von den EU-Partnern. Die Situation ist nicht unlösbar. Aber im Moment sollte man abwarten, wie Grossbritannien am 23. Juni abstimmt.

Der Entscheid über den Brexit.
Ja. Sollte Grossbritannien die EU verlassen, droht erst einmal Stillstand. Wenn die Briten sich entscheiden in der EU zu bleiben, dann haben wir ein Verhandlungsfenster. Darauf sind wir vermutlich viel besser vorbereitet, als die meisten glauben.

Wenn wir es schaffen, uns mit der EU zu einigen, wird es besser?
Als Exportnation haben wir natürlich ein vitales Interesse an einer Lösung. Andererseits exportiert auch die EU sehr viel in die Schweiz. Die EU-Staaten sind also auch an einer Lösung interessiert. Unser Wachstumsproblem löst das aber nicht.

Sie bleiben also eher pessimistisch gestimmt?
Nicht nur. Noch sind wir gut unterwegs. Die Frage ist aber: Was passiert in Zukunft? Wenn man die Zahlen genau analysiert, dann sind wir extrem abhängig von wenigen Industrien. Die produzierende Industrie muss ihre Produktivität steigern, um die Währungsproblematik abfedern zu können. Sie muss in die Automatisierung und die Innovation investieren, um sich weiter an der Spitze zu halten. Wenn aber wegen des harten Frankens die Marge ständig schrumpft, funktioniert das nicht mehr.

Eine Branche leidet besonders: Der Tourismus. Droht nun die Entvölkerung der Berggebiete?
Die schleichende Entvölkerung der Bergtäler hat nichts mit dem Tourismus per se zu tun. Das ist zum Teil auch eine generelle Entwicklung. Unsere Geschäftsstellen in ländlichen Gebieten haben ebenfalls Mühe, Mitarbeitende zu finden. Viele junge Menschen zieht es in die Stadt. Bei der Entwicklung im Tourismus muss man zudem genau hinschauen. Ich war über Pfingsten im Berner Oberland. Da läuft es auch im jetzigen Umfeld relativ gut. Die Betriebe haben sich rechtzeitig umgestellt und auf neue Märkte wie Asien oder die USA gesetzt. Ein anderes Beispiel ist das Engadin – wohl das schönste Hochtal von Europa, wenn nicht der Welt. Und doch musste Graubünden und das Engadin in der letzten Wintersaison mit fast 7 Prozent den deutlichsten Einbruch aller Tourismusregionen verkraften. Aber ich bin sicher, mit innovativen Ideen und Geschäftsmodellen kann auch diese schwierige Phase gemeistert werden.

Schauen wir doch auch einmal Ihre eigene Branche an. Auch die Finanzbranche als Ganzes kommt unter Druck. Und das nicht nur wegen der laufenden Digitalisierung von Geschäftsprozessen.
Natürlich ist auch unser Umfeld extrem anspruchsvoll. Trotzdem haben zahlreiche Banken kürzlich den Schweizer Markt neu entdeckt und setzen hier auf Wachstum. Wir haben als UBS einen grossen Vorteil: Wir haben bereits vor sechs Jahren als Erste auf den Schweizer Markt gesetzt. Mit Erfolg: Die Schweiz trug schon früher über 30 Prozent zum Konzernergebnis bei. Jetzt liegt dieser Beitrag bei rund 40 Prozent, im ersten Quartal dieses Jahres sogar darüber. Wir haben in den letzten sechs Jahren auch über 1.2 Milliarden Franken in den Schweizer Markt investiert: in Geschäftsstellen, in die Digitalisierung, in neue Produkte und Dienstleistungen für unsere Kunden und die Ausbildung unserer Mitarbeiter.

«Für mich persönlich war die Gründung der neuen Schweiz-Einheit, der UBS Switzerland AG, das Gesellenstück: Hier haben wir im letzten Jahr eine Punktlandung geschafft.»

Nun ist es ja so, dass Sie gehen – einer, der den Schweizer Markt kennt wie kaum ein Zweiter.
Danke, da gibt es noch andere. Und ich war ja nicht allein unterwegs (lacht).

Muss man Sie behalten, ja zum Chairman der Region Schweiz machen, weil sonst die UBS Kunden verliert?
Nein. Darum geht es nicht. Wir hatten in den letzten Jahren immer wieder Rekordergebnisse. Wir haben neue Kunden gewonnen, die Kundenzufriedenheit ist gestiegen und die Neugeldzuflüsse steigen auch. Für mich persönlich war die Gründung der neuen Schweiz-Einheit, der UBS Switzerland AG, das Gesellenstück: Hier haben wir im letzten Jahr eine Punktlandung geschafft.

Also kein Grund zu gehen ...
Ich bin seit 35 Jahren im Bankgeschäft, zuletzt 6.5 Jahre bei der UBS. Als Sportler habe ich es immer so gehalten: Man sollte zurücktreten, wenn es der Mannschaft gut geht. Zudem sind meine Kinder noch schulpflichtig. Ich habe den Plausch an meiner Familie. Wenn ich mit meiner Familie mehr Zeit verbringen will, dann muss ich das jetzt tun. Dies war auch ein Teil der Entscheidung.

ZUR MELDUNG, DASS LUKAS GAEHWILER NEUER CHEF DER NEUEN UBS SWITZERLAND AG WIRD, STELLEN WIR IHNEN AM MITTWOCH, 6. MAI 2015, FOLGENDES SYMBOLBILD VERFUEGUNG -  Lukas Gaehwiler, CEO UBS Schweiz, aufgenommen anlaesslich eines Medienfruehstuecks am Donnerstag, 18. April 2013, in Zuerich. (KEYSTONE/Steffen Schmidt)

Bild: KEYSTONE

Nun werden Sie Chairman der Region Schweiz. Was tun Sie genau?
Ich werde der Bank weiter verbunden bleiben. Ich werde nach wie vor grosse Kunden betreuen, mein politisches Netzwerk zur Verfügung stellen und Mandate wahrnehmen. Die UBS und deren Schweizer Geschäft liegt mir am Herzen.

Es gibt ja noch einen Job, der zu vergeben ist: Das Präsidium der Bankiervereinigung.
Ich bin nicht auf der Suche nach einem neuen Job. Ich habe eine
gute Aufgabe.

Wie hoch ist Ihr Pensum nachher?
Im Moment arbeite ich oft 80 Stunden in der Woche. So gesehen werden es künftig wohl um die 50 Prozent meines bisherigen Pensums sein. Ich habe 1981 am Schalter in der Filiale der St. Galler Kantonalbank in Rorschach als Lehrling angefangen. Damals liefen 95 Prozent der Kundenkontakte über Schaltertransaktionen. Heute betreffen noch 2 Prozent der Kontakte Bargeldzahlungen. Ich habe den besten Job, den ich mir vorstellen kann. Ich durfte mit einem tollen Team den Turnaround nach der Finanzkrise erzielen. Ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich mich jetzt auf einer strategischen Ebene neu ausrichten und gleichzeitig mehr Zeit mit der Familie verbringen kann. 

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