Jetzt soll ein KMU-Mann den Club der Grosskonzerne wieder auf Vordermann bringen
Grösser könnte der Bruch mit der Vergangenheit nicht sein: Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse, der Club der Grosskonzerne, soll in Zukunft von einem KMU-Mann präsidiert werden – von Silvan Wildhaber, dem Chef der traditionsreichen, familiengeführten St. Galler Textilfirma Filtex. Die überraschende Wahl ist auch ein Eingeständnis, dass es bei Economiesuisse grossen Reformbedarf gibt. Denn viele Erfolge konnte der Dachverband in den vergangenen Jahren nicht verbuchen.
Das alte Rezept, wonach für alle gut ist, was für die Wirtschaft gut ist, wird in der Bevölkerung schon lange nicht mehr befolgt. Auch in Bundesbern hat Economiesuisse kaum mehr Gewicht, und beim Treffen der sechs Wirtschaftskapitäne aus dem ominösen «Team Switzerland» mit Donald Trump, war der einstige Spitzenverband nicht mal richtig informiert. Die Zeiten, als dessen Direktor noch als achter Bundesrat betitelt wurde, sind längst vorbei.
Im September soll nun also mit Wildhaber ein KMU-Unternehmer den langjährigen Rechtschef des Syngenta‑Konzerns, Christoph Mäder, beerben. Er sei ein «guter Typ», sagt eine Person, die Wildhaber schon länger kennt. Und er sei «der richtige für diesen schwierigen Job». In der Tat ist der Economiesuisse-Präsident nicht zu beneiden: Er muss einen Verband führen, der unter seinem Dach divergierende Interessen vereinigt. Oder anders gesagt: Er muss von der Grossbank UBS über die Pharmagiganten Novartis und Roche oder den Staatskonzern Swisscom bis hin zum Ragusa-Hersteller Camille Bloch oder der Privatklinikgruppe Hirslanden alle glücklich machen.
Wildhaber ist das Gegenteil seiner Vorgänger: Er ist mit 48 Jahren vergleichsweise jung, politisch als FDP-Mitglied persönlich engagiert und damit auch exponiert – und er ist ein Unternehmer, kein Manager. Das letzte Mal, dass sich der Spitzenverband der Schweizer Wirtschaft für einen Unternehmer entschied, ist 24 Jahre her: 2002 übernahm mit Ueli Forster vom St. Galler Stickereiunternehmen Forster Rohner das Economiesuisse-Präsidium. Das war aber noch eine andere Zeit. Damals blieb der Präsident im Hintergrund, die Bühne gehörte vornehmlich dem Direktor.
Nach seinem Rücktritt 2007 folgte ein Manager auf den anderen: Den Anfang machte der FDP-Nationalrat und Georg-Fischer-Verwaltungsrat Gerold Bührer, danach gab Clariant-Präsident Rudolf Wehrli ein einjähriges Gastspiel. Dann versuchten der frühere Axpo-Lenker Heinz Karrer und zuletzt Christoph Mäder den Economiesuisse-Tanker wieder auf Kurs zu bringen.
Beobachter werten die Wahl nicht nur als Bruch mit dem alten System, sondern auch als politisches Signal. Denn als Chef eines Textilunternehmens mit rund 100 Angestellten und einem Exportanteil von 80 Prozent weiss Wildhaber wie wichtig für ihn die bilateralen Verträge mit der EU sind. Als FDP-Politiker ist er Mitglied einer Partei, die sich klar hinter das neue Vertragswerk gestellt hat. Das Pro-Europa-Lager bei Economiesuisse dürfte Aufwind erhalten, etliche Unternehmen erwarten in Zukunft klarere Ansagen und weniger diplomatisches Zögern, um allfällige SVP-nahe Mitglieder nicht zu vergrämen.
«Ich geb’ Stoff für die Schweiz». Mit diesem Slogan kandidiert Wildhaber, der in Zürich lebt, im Namen der FDP vorerst am 8. März fürs Parlament der Stadt, die sich ja oft für die Schweiz hält. Ab Herbst gilt dann der Spruch tatsächlich fürs ganze Land.
