DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Deutlich weniger Menschen leiden an Long-Covid als in früheren Studien befürchtet

Eine britische Studie zeigt, dass nur 13 Prozent von etwa 4000 Covid-19-Patienten langfristig Beschwerden hatten. Befragt wurden in der gross angelegten Untersuchung aber eher unter 70-jährige, die eine App bedienen konnten.
30.03.2021, 21:55
Bruno Knellwolf / ch media
Covid-Patienten leiden laut neuster Studie nicht so häufig an langwirigen Folgen der Krankheit.
Covid-Patienten leiden laut neuster Studie nicht so häufig an langwirigen Folgen der Krankheit.
Bild: keystone

Die meisten Corona-Infizierten haben einen milden Verlauf und Covid-19 ist nach einigen Tagen ausgestanden. Doch ein gewisser Teil der Covid-19-Patienten leidet längerfristig, möglicherweise auch nach einem eher harmloseren Verlauf. Da die Krankheit erst seit einem Jahr die Welt in Angst und Schrecken versetzt, ist das Wissen über das sogenannte Long Covid naturgemäss noch beschränkt. Da – wenn auch selten – selbst jüngere Menschen davon betroffen sind, ist die Angst vor Langzeitfolgen aber verbreitet.

In der Schweiz ist man bis jetzt davon ausgegangen, dass etwa ein Viertel der Covid-19-Patienten von langfristigen Beschwerden geplagt ist. Genau genommen erholen sich gemäss einer Kohortenstudie des Instituts für Epidemiologie, Biostatik und Prävention der Universität Zürich 26 Prozent innerhalb von sechs Monaten nicht vollständig nach einer Corona-Infektion. Die Befragten im Kanton Zürich klagten dabei langfristig über starke Müdigkeit, Kurzatmigkeit, Husten, leichte Depressionen und Angststörungen. Wer einen schweren Verlauf hatte, trägt demnach ein grösseres Risiko von Langzeitbeschwerden, aber auch bei milderem Verlauf wurden sie in dieser Zürcher Untersuchung festgestellt.

Doch nun zeigt eine aktuelle Studie des King’s College in London, welche dieser Tage im US-Fachjournal «Medicine Nature» veröffentlicht worden ist, dass von gut 4000 Covid-19-Patienten aus Grossbritannien, den USA und Schweden nur 13,3 Prozent länger als 28 Tage unter den Folgen von Covid-19 litten. Und nur 4,6 Prozent hatten länger als 56 Tage und nochmals die Hälfte davon länger als vier Monate Beschwerden.

Corona-Schnelltest nimmt plötzlich unangenehme Wendung

Video: watson

38 Prozent der 4182 mit einer App befragten Covid-Patienten litten lediglich zwischen vier und acht Tagen an Corona-Symptomen. Die Ergebnisse waren gemäss den britischen Studienautoren und Autorinnen in allen drei Ländern vergleichbar.

Die Studie zeigt auch, dass das Risiko von Long Covid mit dem höheren Alter steigt und dass bei den jüngeren Patienten die Frauen mehr betroffen waren als die Männer. Bei Erkrankten über 70 waren die Geschlechter-Verhältnisse gleich.

Müdigkeit bei 98 Prozent der Long Covid-Patienten

Die befragten Covid-19-Patienten, die länger als 28 Tage Beschwerden hatten, klagten in der für die Studie beinahe täglich verwendeten App zu 98 Prozent über Müdigkeit, zu 91 Prozent über Kopfschmerzen. Neben diesen am häufigsten gemeldeten Beschwerden beklagten viele den Verlust des Geruchssinns, gefolgt von Symptomen in den Atemwegen.

Weitere, aber weniger oft festgestellte Long-Covid-Symptome, waren kardiale Symptome wie zum Beispiel Herzklopfen, sowie auch Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Tinnitus, Ohrenschmerzen sowie Kribbeln und Taubheitsgefühle. Die meisten dieser zusätzlichen Symptome traten etwa drei bis vier Wochen nach den ersten Symptomen auf.

Zwei Hauptmuster an Symptomen

«Wir fanden zwei Hauptmuster der Symptomatik innerhalb der Long Covid-Patienten», schreiben die Autoren um die Studienleiterin Claire J. Steves. Personen, die ausschliesslich über Müdigkeit, Kopfschmerzen und obere Atemwegsbeschwerden wie Kurzatmigkeit, Halsschmerzen, anhaltender Husten und Geruchsverlust klagten und solche mit zusätzlichen Beschwerden, vor allem mit anhaltendem Fieber und gastroenterologischen Symptomen wie Bauchschmerzen und Durchfall.

Dieser Mann hängt am Beatmungsgerät und hat eine Message für Corona-Leugner

Video: watson/jah

Jene, die an wiederkehrendem Fieber litten, mussten meistens auch ins Spital. Müdigkeit, Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit, heisere Stimme und Muskelschmerz waren die fünf Symptome, die in den ersten Wochen auftraten und die Langzeitbeschwerden andeuteten.

Die Symptome sind in allen Long-Covid-Studien ähnlich und sehr vielfältig. Allen Studien gemeinsam ist unter den unterschiedlichen Symptomen die lang anhaltende Müdigkeit bei Long Covid. Diese könnte damit zu tun haben, dass die Erkrankung teilweise auch ins Hirn geht. Und nicht immer ist sicher, ob wirklich Covid-19 die Ursache ist, oder ob beispielsweise die Depression eher eine pandemiebegünstigte Folgeerkrankung ist. Das klärt auch die neue Studie nicht.

Die Studie ist differenziert und positiver als bisherige

«Die Studie ist differenziert und im Vergleich zur Schweizer und auch anderen internationalen Studien sind die Resultate der Nature-Studie positiver», sagt Aurélien Martinez, Oberarzt an der Klinik Infektiologie und Spitalhygiene des Universitätsspitals Basel. Für bemerkenswert hält Martinez, dass in dieser Studie nach 84 Tagen noch 2,6 Prozent der Patienten Symptome aufwiesen, was mit dieser Studie erstmals mit einer Kontrollgruppe gezeigt werden konnte.

Allerdings habe der Natur Medicine-Artikel auch Schwächen. «Unter anderem nahmen nur Personen teil, die selbständig die App heruntergeladen haben. Somit handelt es sich um eine relativ gesunde, fitte und eher junge Gruppe», sagt der Infektiologe. Die Studienautoren schränken denn auch selbst ein, dass der Anteil der über 70-Jährigen in der Gruppe klein war. Die Zürcher Studie hat dagegen eine heterogene Gruppe von Covid-19-Patienten untersucht und fragte mehr Symptome nach. Zudem seien mit der App nicht alle Symptome abgefragt worden. Martinez sagt:

«Zusammenfassend halte ich die Ergebnisse für plausibel. Je nach Patientengruppe könnten die Ergebnisse aber etwas anders aussehen»

Generell kann man aber sagen, dass die grosse Mehrheit der Erkrankten wieder gesund wird. «Gemäss der Nature Medicine Studie geben weit über 90 Prozent der Patienten nach drei Monaten an, wieder gesund so wie vorher zu sein. Unsere Erfahrungen mit den Nachkontrollen von Patienten mit schweren Verläufen sind diesbezüglich nicht ganz so positiv», sagt Martinez.

Auch im Universitätsspital Basel erholen sich zwar die meisten Patienten mit schweren Verläufen innert drei Monaten weitgehend. Aber nach den Basler Infektiologen genesen nur 70 bis 80 Prozent komplett. Dazu sei passend, dass in der Nature Medicine Studie «visit to hospital», also ein Spitalaufenthalt, der grösste Risikofaktor für lange anhaltende Corona-Symptome sei, sagt der Infektiologe Martinez. Spital-Patienten haben häufiger Long-Covid.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Coronavirus: Was du wissen musst

1 / 15
Coronavirus: Was du wissen musst
quelle: ap / zoltan balogh
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Mexikanische Forscher erfinden die Hygienemaske nur für die Nase

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Die 7 grössten Ängste der Impf-Gegner – und die Antworten darauf

Ein grosser Teil der Schweizer Bevölkerung ist nach wie vor nicht geimpft. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich. Wir haben euch gefragt, warum ihr euch nicht impfen lasst und eure Antworten auf ihre Richtigkeit überprüft.

«Warum lasst ihr euch nicht impfen?» Diese Frage stellten wir euch vor ein paar Tagen und baten, uns eure Begründungen zuzusenden. Einige argwöhnten, wir starteten unseren Aufruf nur, um impfskeptische Personen auflaufen zu lassen oder vorzuführen. Doch vielmehr geht es uns darum, Ängste und Zweifel ernst zu nehmen und darauf einzugehen.

So haben wir eure Antworten gelesen, die häufigsten Gründe und Argumente gesammelt und sie für euch auf die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse …

Artikel lesen
Link zum Artikel