Schielen bleibt, Bier macht eine Wampe, und 13 weitere Gesundheitsmythen im Check
Wer hat es nicht als Kind erlebt: Gut gemeinte Warnungen oder RatschlÀge von besorgten Eltern, die den Nachwuchs vor Schaden bewahren wollen. Zum Beispiel: «Hör auf zu schielen, sonst bleibt es!» Es gibt viele dieser Gesundheitsmythen. Die Frage ist: An welchen ist wirklich was dran? Und welche sind nichts als MÀrchen?
Schielen bleibt
Beginnen wir gleich mit dem Schielen. Vor allem Kinder lieben es, ihre Augen zu verdrehen. Nicht selten ernten sie dafĂŒr mahnende Worte. Denn viele Leute glauben, das Schielen könne permanent werden, wenn man zu lange schielt oder dabei erschreckt wird â als wĂŒrden die verdrehten Augen in ihrer unvorteilhaften Position quasi einrasten.
Manche wĂŒrzen dieses hartnĂ€ckige GerĂŒcht noch mit einer Portion Aberglauben: So soll die Fehlstellung der Augen etwa beim nĂ€chsten Glockenschlag stehen bleiben. Doch es handelt sich in der Tat um ein MĂ€rchen: Es gibt keine dokumentierten FĂ€lle, dass Strabismus (das ist das Fachwort fĂŒr Schielen) jemals auf diese Weise entstanden wĂ€re.
Wunden heilen besser an der frischen Luft
Es klingt einleuchtend: Frische Luft hilft dabei, dass Wunden schneller heilen. Die Wunde trocknet immerhin rascher; es bildet sich schneller eine Kruste. Wie so manche Dinge, die einleuchtend klingen, ist aber auch diese Behauptung falsch. Zwar kann man kleine Kratzer durchaus ohne Pflaster heilen lassen â schneller geht es deswegen aber nicht. Grössere Verletzungen hingegen sollte man unbedingt mit einem Wundverband vor Schmutz schĂŒtzen, andernfalls drohen schwere EntzĂŒndungen.
Die schnellere Trocknung einer Wunde an der Luft ist ĂŒberdies gar kein Vorteil, sondern ein Nachteil: Dadurch, dass die Wunde lĂ€nger feucht bleibt, kann das Wundsekret Enzyme, Hormone und Antikörper besser dorthin bringen, wo sie gebraucht werden. Neues Gewebe kann sich zudem leichter bilden, wenn es ungestört bleibt.
ErkÀltungen kann man ausschwitzen
Der Körper macht es vor: Bei Grippe, ErkĂ€ltungen und auch bei Infekten steigt oft die Körpertemperatur; das Immunsystem wird bei Fieber zwischen 37 und 40 Grad mit Viren und Bakterien besser fertig. Leider ist es aber nicht so, dass wir diesen Prozess mit absichtlich herbeigefĂŒhrten SchweissausbrĂŒchen unterstĂŒtzen können. Viren lassen sich ohnehin nicht ausschwitzen.
WÀhrend SaunagÀnge den Kreislauf stÀrken und anregend wirken, solange man gesund ist, belasten sie den Körper zusÀtzlich, wenn man bereits gesundheitlich angeschlagen ist. Zwar steigert die WÀrmezufuhr die Durchblutung, aber Herz und Kreislauf werden bei einem bereits belasteten Körper zusÀtzlich gefordert. Bei Fieber droht zudem ein Hitzestau, weil der Körper die WÀrme nicht nach aussen ableiten kann. Wer erkÀltet eine öffentliche Sauna aufsucht, kann ausserdem andere Leute anstecken.
Kaffee dehydriert den Körper
Dem anregenden GetrĂ€nk werden allerhand positive und negative Eigenschaften nachgesagt. Eine der am hĂ€ufigsten genannten ist: Kaffee wirkt dehydrierend, entzieht dem Körper also Wasser. Deshalb gehört zum Espresso ein Glas Wasser. Es stimmt jedoch nicht, dass Kaffee dehydriert, wie zahlreiche Studien nachgewiesen haben. Er wirkt kaum anders auf den FlĂŒssigkeitshaushalt des Körpers als Wasser â wĂ€hrend man bei Kaffeegenuss bis zu 84 Prozent der aufgenommenen FlĂŒssigkeit innerhalb eines Tages wieder ĂŒber den Urin ausscheidet, sind es bei reinem Wasser bis zu 81 Prozent.
Allerdings wirkt das im Genussmittel enthaltene Koffein harntreibend, das heisst, man muss schneller zur Toilette gehen. Dieser Effekt wird als entwÀssernd wahrgenommen, doch tatsÀchlich verliert man nicht mehr Wasser als sonst.
Frauen frieren mehr als MĂ€nner
MĂ€nner, die ihr Bett mit einer Frau teilen, können ein Lied davon singen: Das frierende Geschlecht wĂ€rmt oft seine kalten FĂŒsse am warmen mĂ€nnlichen Körper. Frauen frieren mehr als MĂ€nner, sagt die Alltagserfahrung â und die Wissenschaft pflichtet ihr bei. Es sind gleich mehrere Faktoren, die dazu fĂŒhren: Frauen haben einen bedeutend kleineren Muskelanteil (rund 25% gegenĂŒber 40%) als MĂ€nner, das heisst, sie produzieren weniger WĂ€rme.
Zudem haben sie eine dĂŒnnere Haut, die weniger gut isoliert und schneller abkĂŒhlt. Frauen sind obendrein meistens kleiner als MĂ€nner, so dass sie im Vergleich zu ihrem Körpervolumen eine grössere OberflĂ€che haben und daher mehr WĂ€rme abstrahlen.
Fingerknacken fĂŒhrt zu Arthritis
Manche Leute tun es nahezu unablĂ€ssig: Sie ziehen an ihren Fingern, bis es im Gelenk hörbar knackt. Was fĂŒr sie eine TĂ€tigkeit ist, mit der sie sich entspannen können, ist fĂŒr ihre unfreiwilligen Zuhörer oft weniger angenehm. Die Frage hier ist aber: Schadet diese Gewohnheit den Gelenken? Oft liest man, die Gewohnheit fĂŒhre zu ausgeleierten Gelenken und BĂ€ndern. Oder noch schlimmer zu Rheuma, Arthrose oder Arthritis.
Doch Mediziner geben Entwarnung: Kurzfristig kann Fingerknacken zwar Schwellungen am Finger hervorrufen und die Kraft in den HĂ€nden verringern. Langfristige, ernsthafte SchĂ€den seien indes selbst bei jahrelangem Fingerknacken nicht zu befĂŒrchten. Vorsicht ist aber angebracht, wenn es in den Gelenken ab und zu ohne eigenes Zutun knackt und dabei noch weitere Beschwerden oder Schmerzen auftreten. In diesem Fall sollte man einen Arzt aufsuchen.
Beine ĂŒberkreuzen gibt Krampfadern
Wer die Beine oft ĂŒbereinanderschlĂ€gt, bekommt irgendwann Krampfadern. Diese Behauptung gehört ins Reich der MĂ€rchen, auch wenn diese Sitzposition nicht unbedingt die gesundeste ist. Dass sie Krampfadern auslöst oder begĂŒnstigt, wurde jedoch noch nie durch Untersuchungen bestĂ€tigt. Die Vene verlĂ€uft in der Kniekehle geschĂŒtzt in einer knöchernen Rinne; die Gefahr, dass sie abgedrĂŒckt wird, ist eher gering.
Ohnehin verharren wir instinktiv nicht allzu lange in dieser Position â wir empfinden langes Ăbereinanderschlagen der Beine als unangenehm. DafĂŒr verantwortlich ist der Umstand, dass Nervenbahnen eingeklemmt werden können, was zu einem Kribbeln in den Beinen fĂŒhrt. Die wahren ĂbeltĂ€ter bei der Entstehung von Krampfadern sind ĂŒbrigens â neben einer genetisch bedingten BindegewebsschwĂ€che â Ăbergewicht, Rauchen und Bewegungsmangel.
Milch verschleimt die Atemwege
Wer erkĂ€ltet ist und schnieft und hustet, der sollte keine Milch trinken. Sonst, so sagt es der Volksglaube, verschleimen die Atemwege noch mehr und die ErkĂ€ltung wird schlimmer. Dies ist eine alte Behauptung, die bereits von Ărzten im Mittelalter vorgebracht wurde â aber nicht zutrifft. Studien haben nachgewiesen, dass der Konsum von Milch keinen Einfluss auf die Schleimproduktion in den Atemwegen hat.
Es gibt zwar ein Abbauprodukt der Milch namens Beta-Casomorphin-7, das im Darm die Schleimproduktion anregt. Doch Beta-Casomorphin-7 entsteht erst bei der Verdauung und hat nichts mit den Atemwegen zu tun. Dass dennoch viele Menschen ĂŒberzeugt sind, dass Milch bei ihnen den genannten Effekt hat, liegt einzig an der Nocebo-Wirkung.
Bier macht eine Bierwampe
Man kennt die T-Shirts mit der Aufschrift «Bier formte diesen wunderschönen Körper». Sie werden vorzugsweise von MĂ€nnern getragen, die neben einer beachtlichen Wampe auch einen Sinn fĂŒr Selbstironie besitzen. Die Frage ist allerdings, ob das, was der Volksmund «Bierbauch» nennt, denn tatsĂ€chlich vornehmlich mit dem Gerstensaft zu tun hat. In der Tat ist das so. Alkohol hat ohnehin viel Kalorien â so kommt ein halber Liter Bier schnell auf 230 bis 250 Kalorien.
Aber Bier wirkt nicht nur durch Kalorien; schliesslich spricht ja niemand von Weinwampe oder Sektschwarte, obwohl diese GetrĂ€nke es kalorienmĂ€ssig ebenfalls in sich haben. Hopfen, ein wesentlicher Bestandteil von Bier, enthĂ€lt nĂ€mlich Phytoöstrogene, also pflanzliche Stoffe, die dem weiblichen Sexualhormon Ăstrogen Ă€hneln. Diese Stoffe fördern die Einlagerung von Fett im Gewebe (Frauen haben einen höheren Fettanteil als MĂ€nner), und zwar besonders im Bauch- und Brustbereich. Und der ist genetisch bedingt sowieso der Ort, wo MĂ€nner bevorzugt Fett ansetzen.
Man soll gleich nach dem Essen die ZĂ€hne putzen
Schon den Kindern blĂ€ut man es ein: «Nach dem Essen ZĂ€hneputzen nicht vergessen!» Das ist grundsĂ€tzlich auch richtig, denn regelmĂ€ssiges ZĂ€hneputzen verhindert Zahnbelag und hĂ€lt die Bakterien in Schach, die Karies verursachen. Wer aber unmittelbar nach dem Essen zur ZahnbĂŒrste greift, tut sich keinen Gefallen. Der Grund liegt darin, dass Bakterien in der Nahrung enthaltene Kohlenhydrate in SĂ€uren umwandeln, die den Zahnschmelz angreifen.
SĂ€uren sind zudem in vielen Nahrungsmitteln und besonders GetrĂ€nken enthalten. Ist der Zahnschmelz dadurch angegriffen, wirkt sich die mechanische Beanspruchung durch das ZĂ€hneputzen negativ auf diese wichtige Schicht aus â statt den Zahnschmelz zu schĂŒtzen, schĂ€digt man ihn. Es ist daher ratsam, nach dem Essen mindestens eine halbe Stunde zu warten, bevor man die ZĂ€hne putzt. In dieser Zeit kann der Speichel die SĂ€uren wieder neutralisieren.
Im Alter wÀchst Krebs langsamer
Oft hört man, Krebs sei bei Ă€lteren Leuten weniger aggressiv als bei jĂŒngeren. DafĂŒr gibt es aber bisher keinen belastbaren Beleg â manchmal trifft sogar das Gegenteil ein, und Tumoren wachsen schneller im Alter. Bei vielen Senioren sind die AbwehrkrĂ€fte bereits durch andere Erkrankungen geschwĂ€cht, so dass ihr Körper den Krebszellen weniger entgegenzusetzen hat. Diese Zellen wachsen an sich in jedem Alter gleich schnell oder langsam â die Anzahl der Lebensjahre spielt dagegen keine bedeutende Rolle.
Eine Ausnahme besteht einzig beim Prostatakrebs, der nur sehr langsam wĂ€chst, wenn er in höherem Alter â ab etwa 60 Jahren â auftritt. Mit dem Alter steigt allerdings die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken. Viel wichtiger als das Alter ist ohnehin die Krebsform: Es gibt schnell wachsende, nur langsam voranschreitende und sich abkapselnde Tumoren.
Nase hochziehen ist ungesund
Es gilt nicht gerade als gutes Benehmen, wenn man Schleim durch die Nase hochzieht. Dazu kommt noch, dass es ungesund sein soll â durch den Druck könnte der Rotz nĂ€mlich in die Nasennebenhöhlen geraten und dort fĂŒr Probleme sorgen. Manche Ărzte empfehlen daher, sich eher in ein Taschentuch zu schnĂ€uzen. Dies aber ohne zu starken Druck, denn auch dann droht der Schleim an Orte zu gelangen, wo er besser nicht hingehört â im schlimmsten Fall durch einen Kanal im Nasen-Rachen-Raum ins Mittelohr. Beim SchnĂ€uzen kann sich nĂ€mlich in der Nase ein Innendruck aufbauen, der zehnmal höher ist als beim Niesen.
Sowohl beim Hochziehen wie beim SchnĂ€uzen entsteht im Rachen ein Luftwirbel, der die meisten Keime daran hindert, in die Bronchien zu gelangen. Beim Hochziehen gelangt der Schleim allerdings in den Rachen und wird dann geschluckt. In der Regel landen die Erreger im Magen, wo sie keinen Schaden anrichten und von der MagensĂ€ure eliminiert werden. Schlimmstenfalls können aber doch einige in die Bronchien gelangen und dort eine Bronchitis auslösen. Insgesamt ist Hochziehen nicht ungesĂŒnder als SchnĂ€uzen â aber es ist gesellschaftlich nicht akzeptiert.
Im Dunklen lesen macht die Augen kaputt
Kaum ein Kind hat das nicht zu hören bekommen: «Lies nicht bei schlechtem Licht, du machst dir die Augen kaputt!» Um es vorwegzunehmen: Hier herrscht pure Uneinigkeit. Die einen Mediziner sagen, dass Lesen bei DĂ€mmerlicht keine schĂ€dlichen Auswirkungen habe, sofern man es nicht ĂŒbertreibe â das heisst, jeden Abend mehrere Stunden. Höchstens lasse die Sehkraft durch die Anstrengung kurzfristig nach, das Auge erhole sich dann aber wieder schnell.
Andere Ărzte sehen jedoch durchaus eine Gefahr, besonders fĂŒr Kinder bis zum Ende der Grundschule, deren Augen sich noch in Entwicklung befinden. HĂ€ufiges Lesen bei schummrigem Licht strenge die Augen ĂŒber GebĂŒhr an und fĂŒhre langfristig zu Kurzsichtigkeit, da Kontraste aufgrund der mangelnden Beleuchtung auf der Netzhaut verschwimmen wĂŒrden und sich die Augen also oft und lange auf kurze Entfernung einstellen mĂŒssten.
WattestĂ€bchen sind schlecht fĂŒr die Ohren
WattestĂ€bchen sollen nicht gut fĂŒr die Ohren sein, hört man allenthalben. Das trifft zu, denn die StĂ€bchen werden oft falsch verwendet. FĂŒhrt man sie in den Gehörgang ein, drĂŒcken sie den Ohrenschmalz noch weiter hinein, was zu Verstopfungen und im Extremfall zu einer SchĂ€digung des Trommelfells fĂŒhrt. Auch die StĂ€bchen selber können Verletzungen verursachen, wenn sie durch brĂŒske Bewegungen â beispielsweise, wenn man sich gerade beim Putzen erschrickt â zu tief in den Gehörgang eindringen.
Falls man ĂŒberhaupt solche StĂ€bchen verwendet, um die Ohren zu sĂ€ubern, dann dĂŒrfen sie nur ausserhalb des Gehörgangs eingesetzt werden. Ohnehin benötigt man sie gar nicht; ein mit lauwarmem Wasser befeuchteter Waschlappen oder Wattebausch reicht völlig aus. Der Gehörgang reinigt sich selber â Schmutz und dergleichen wird von feinsten HĂ€rchen nach draussen befördert. Falls sich dennoch zu viel Schmalz ansammelt, kann der Ohrenarzt diesen schonend entfernen.
Eier erhöhen den Cholesterinspiegel
Cholesterin geniesst nicht den besten Ruf. Ein erhöhter Cholesterinspiegel ist ein wichtiger Risikofaktor fĂŒr Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Man unterscheidet zwei Arten von Cholesterin: das «gute» HDL-Cholesterin und das «schlechte» LDL-Cholesterin. Wenn zu viel LDL-Cholesterin im Blut vorhanden ist, lagert es sich an den InnenwĂ€nden der Arterien ab, was zu Arteriosklerose fĂŒhrt. Blutfette, zu denen Cholesterin gehört, sind aber durchaus lebenswichtig; sie spielen eine Rolle bei der Produktion von Nervengewebe und Sexualhormonen.
Der Körper stellt Cholesterin selber in der Leber her, es wird aber auch ĂŒber die Nahrung aufgenommen. Eier, die viel Cholesterin enthalten, galten deshalb lange als bedenklich. Allerdings stoppt die Leber die Produktion, wenn zu viel Cholesterin ĂŒber die Nahrung in den Körper gelangt. FĂŒr gesunde Menschen gilt heute daher, dass der Verzehr von bis zu fĂŒnf Eiern pro Woche unbedenklich ist. Dies gilt jedoch nicht fĂŒr jene Personen, die unter einer genetisch bedingten familiĂ€ren HypercholesterinĂ€mie leiden. Ihre Cholesterinwerte sind lebenslang stark erhöht. Auch bei Diabetikern ist möglicherweise Vorsicht beim Eierkonsum geboten; hier sind jedoch noch weitere Untersuchungen notwendig.
