DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild: Arnulfo Franco/AP/KEYSTONE
Technisches Weltwunder

Vor 100 Jahren triumphierte die Technik über die Natur: Das erste Schiff durchquerte den Panamakanal

Die Wasserstrasse zwischen Atlantik und Pazifik gilt noch immer als eine der grössten Ingenieursleistungen. Der Bau kostete tausende Arbeiter das Leben und verschlang Millionen. 100 Jahre nach der Eröffnung wird der Kanal für eine neue Schiffsgeneration ausgebaut.
14.08.2014, 20:2126.11.2014, 13:33

Als die «SS Ancon» am 15. August 1914 als erstes Schiff den Panamakanal durchfuhr, wurde ein Jahrhunderte alter Menschheitstraum Wirklichkeit. Bereits im 16. Jahrhundert liess der spanische Kaiser Karl V. Baupläne für eine Wasserstrasse zwischen Atlantik und Pazifik entwerfen. Auch der deutsche Forschungsreisende Alexander von Humboldt träumte von einem Kanal über den Isthmus. 

Doch es sollte bis Anfang des 20. Jahrhunderts dauern sowie tausende Menschenleben und Millionen Dollar kosten, bis die interozeanische Wasserstrasse Realität wurde. Zunächst versuchten sich die Franzosen am Bau des Kanals. 1880 begannen die Arbeiten unter der Leitung des Suez-Kanal-Erbauers Ferdinand de Lesseps. 

Die «SS Ancon» bei ihrer historischen Kanaldurchfahrt.
Die «SS Ancon» bei ihrer historischen Kanaldurchfahrt.
Bild: Wikipedia/PD

Allerdings unterschätzten die Franzosen die schwierigen geologischen Verhältnisse und die Gefahr durch Tropenkrankheiten. Nach neun Jahren waren schätzungsweise 20'000 Arbeiter der Malaria und dem Gelbfieber zum Opfer gefallen und die aufwendigen Arbeiten hatten die Kanalgesellschaft in den Konkurs getrieben. 

Die USA übernahmen die Konzession und zettelten im damals noch zu Kolumbien gehörenden Panama eine Revolution an, um eine Washington freundliche Regierung zu installieren. In einem Vertrag liessen sie sich schliesslich die Kontrolle über die Kanalzone zusichern.  

1904 begannen die Amerikaner mit den Bauarbeiten. Sie hoben rund 180 Millionen Kubikmeter Erdreich aus, errichteten drei Schleusen und stauten den Gatún-See auf. Der Bau kostete 375 Millionen Dollar und war zu diesem Zeitpunkt das teuerste Bauprojekt der USA. Der US-Ingenieursverband nahm den Kanal 1995 in seine Liste der Weltwunder der modernen Welt auf.

Fakten und Daten
Der Panamakanal ist eine der wichtigsten Wasserstrassen der Welt und verbindet den Atlantik mit dem Pazifik. Der Kanal ist rund 80 Kilometer lang. Er beginnt in Colón im Norden und endet nahe Panama-Stadt im Süden.

Die Wasserstrasse verfügt über drei Schleusen, in denen die Schiffe auf das Niveau des 27 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Gatún-Sees angehoben und später wieder abgesenkt werden. Für die Durchfahrt benötigen die Schiffe durchschnittlich 13 Stunden.

Pro Jahr passieren etwa 14'000 Schiffe den Kanal, das entspricht ungefähr 6 Prozent des Welthandels.

Um künftig auch Frachter mit bis zu 14'000 Containern schleusen zu können, wird die Wasserstrasse derzeit ausgebaut. Das 5,25 Milliarden US-Dollar teure Projekt soll Ende kommenden Jahres abgeschlossen werden. (sda/dpa)

Mehr zum Thema

Arbeiter aus der ganzen Welt

«Der Kanalbau wurde damals als Triumph der Technik über die Natur gewertet», sagt die US-Wissenschaftlerin Julie Greene von der Universität von Maryland. «Tatsächlich war das Besondere aber die logistische Organisation und die straffe Führung der Arbeiter.»

Menschen aus der ganzen Welt kamen nach Panama, um auf der Baustelle zu arbeiten. Mindestens 35'000 Arbeiter aus der Karibik und 6000 Amerikaner waren zwischenzeitlich am Kanal beschäftigt, hinzu kamen Vertragsarbeiter aus Spanien und Nordeuropa. Die Kanalverwaltung errichtete ein autoritäres System in der Kanalzone.

«Der Verwalter George Washington Goethals verstand sich als wohlmeinender Diktator», sagt Greene. «Er kümmerte sich um seine Leute, duldete aber keinen Widerspruch». Nur die spanischen Vertragsarbeiter probten hin und wieder den Aufstand. Goethals liess die Streiks von der Kanal-eigenen Polizei niederschlagen und deportierte die Rädelsführer nach Europa.

Ein Dampfbagger bei der Arbeit, 1908.
Ein Dampfbagger bei der Arbeit, 1908.

In der Kanalzone herrschte zudem strikte Trennung zwischen den Beschäftigten. Die Weissen wurden in Gold bezahlt, erhielten eine gute Gesundheitsversorgung und durften kostenlos mit Dampfschiffen in den Heimaturlaub fahren. Die schwarzen Arbeiter wurden in Silber entlohnt, lebten in Baracken und litten häufig an Tropenkrankheiten. 

«Trotzdem war die Arbeit am Kanal für die Menschen aus der Karibik recht attraktiv», sagt Historikerin Greene. «Viele konnten ihre Lebensbedingungen verbessern und kauften später Land in ihren Herkunftsländern.»

Bau des Panamakanals, 1913.
Bau des Panamakanals, 1913.

Grosse wirtschaftliche Bedeutung für Panama

Fast ein Jahrhundert behielten die USA die Kontrolle über die Kanalzone, erst im Jahr 2000 erhielt Panama die vollständige Souveränität über die Wasserstrasse. Seitdem hat sich die strategische Ausrichtung des Kanals grundlegend geändert.

«Für die USA war der Kanal vor allem eine Möglichkeit, ihre eigenen Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen in alle Welt zu verschiffen. Er war Mittel zum Zweck», sagt der stellvertretende Kanalverwalter Manuel Benítez. «Für uns ist der Kanal ein Geschäft, wir wollen Geld verdienen.»

Den Grossteil ihrer Gewinne führt die Kanalverwaltung an den Fiskus ab. Im vergangenen Geschäftsjahr überwies sie 981,8 Millionen Dollar an das panamaische Finanzamt. Damit ist der Kanal eine der bedeutendsten Einnahmequellen des mittelamerikanischen Landes.

Viel wichtiger als die direkten Abgaben ist allerdings die Multiplikator-Wirkung des Kanals für die panamaische Wirtschaft. «Für ausländische Investoren ist unser Land ein Sprungbrett, um in der Region Geschäfte zu machen», sagt der Leiter der Analyseabteilung im Finanzministerium Eloy Fisher.

Derzeit wird der Kanal ausgebaut.
Derzeit wird der Kanal ausgebaut.
Bild: EPA/EFE
Konkurrenz für Panama
Als Alternative zum Panamakanal will Nicaragua eine eigene Wasserstrasse zwischen Atlantik und Pazifik bauen. Der Kanal soll auf 278 Kilometern von der Flussmündung des Río Punta Gorda an der Karibikküste durch den Nicaragua-See im Landesinneren bis zur Mündung des Río Brito auf der Pazifikseite führen.

Die Durchfahrt wird etwa 30 Stunden dauern. Neben der Wasserstrasse sind Häfen, ein internationaler Flughafen und eine Freihandelszone geplant. Die Bauarbeiten sollen Ende dieses Jahres beginnen. 

 Verantwortlich für das rund 40 Milliarden US-Dollar teure Projekt ist die HKND Group aus Hongkong. Bis zu 100 Jahre lang soll das Unternehmen den Kanal betreiben dürfen. Der Staat erhält ein Aktienpaket an der Betreibergesellschaft. Das zweitärmste Land Lateinamerikas erhofft sich vom Megaprojekt einen wirtschaftlichen Aufschwung. (sda/dpa)

100 Jahre nach der Eröffnung des Kanals droht Panama erstmals Konkurrenz auf der Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik. Nicaragua will ebenfalls eine Wasserstrasse bauen und vom florierenden Seehandel profitieren.

Um den immer grösseren Frachtschiffen Rechnung zu tragen, baut Panama zudem seinen Kanal derzeit für 5,25 Milliarden Dollar aus. Der Zukunft sieht Vize-Chef Benítez gelassen entgegen: «Solange wir in einer globalisierten Welt Handel treiben, wird es den Panamakanal geben.» (dhr/sda/dpa) 

Mit offenen Karten - Hat der Panamakanal eine Zukunft?

Chronologie

Vor 100 Jahren passierte zum ersten Mal ein Schiff offiziell den Panamakanal. 85 Jahre lang kontrollierten die USA die Wasserstrasse zwischen Atlantik und Pazifik. Seit dem Jahr 2000 steht der Kanal unter panamaischer Verwaltung. Derzeit wird er für eine neue Generation von Frachtschiffen ausgebaut. 

  • 23. Februar 1903: Der US-Senat billigt das Abkommen zum Panamakanal. 
  • 1904: Das Ingenieurskorps des US-Heeres beginnt mit dem Bau des Kanals. 
  • 15. August 1914: Die «SS Ancon» passiert als erstes Schiff offiziell den Panamakanal. Wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs werden die Eröffnungsfeierlichkeiten allerdings abgesagt. 
  • 14. - 23. August 1928: US-Abenteurer Richard Halliburton schwimmt durch den Panamakanal und zahlt mit 36 Cent die niedrigste jemals entrichtete Passagegebühr.
  • 12. Mai 1963: Nach der Installation von Lampen am Culebra Cut und den Schleusen nimmt der Kanal den 24-Stunden-Betrieb auf.
  • 9. Januar 1964: Bei Protesten gegen die US-Verwaltung des Kanals kommen 22 Panamaer und vier US-Bürger ums Leben.
  • 7. September 1977: Unterzeichnung des Torrijos-Carter-Vertrags. Das Abkommen sieht die Gründung einer binationalen Kanal-Verwaltung vor und schreibt die endgültige Übergabe des Kanals an Panama für Ende 1999 fest.
  • 1. Oktober 1979: Der Torrijos-Carter-Vertrag tritt in Kraft. Panama erlangt die Souveränität über sein gesamtes Staatsgebiet zurück.
  • 20. Dezember 1989: Um den in Drogengeschäfte verwickelten Machthaber Manuel Noriega zu stürzen, marschieren US-Truppen in Panama ein. Erstmals in der Geschichte des Kanals wird der Verkehr für über 29 Stunden eingestellt.
  • 1994: Per Verfassungszusatz wird die heutige Kanalverwaltung (ACP) geschaffen. Die Behörde ist unabhängig, überweist aber einen grossen Teil der Einnahmen an die Staatskasse.
  • 31. Dezember 1999: Die USA übergeben die Kanalverwaltung an Panama.
  • 22. Oktober 2006: Per Volksentscheid wird die Erweiterung des Kanals mit grosser Mehrheit angenommen.
  • 3. September 2007: Der Kanalausbau beginnt.
  • Februar 2014: Wegen eines Streits zwischen der Kanalverwaltung und dem Baukonsortium Gupc über Zusatzkosten stehen die Arbeiten für zwei Wochen still. Mit dem Abschluss des Ausbaus wird Ende 2015 gerechnet. (sda/dpa) 
Der Panamakanal
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Fernseh­test­bild – eine ferne Erinne­rung an die Sendepause

Früher sendeten die Fernsehstationen nicht rund um die Uhr. Zu später Stunde und vormittags war Sendepause. Symbol für diese Auszeiten war das Fernsehtestbild der PTT. Ein Rückblick auf einen nicht allzu fernen Erinnerungsort der Entschleunigung – denn so lange ist das Testbild noch gar nicht verschwunden.

Testbilder sind Zeitzeugen des terrestrischen Fernsehempfangs. Die vom Sendeturm ausgestrahlten Signale wurden zuhause mit einer Antenne eingefangen. In erster Linie diente das Testbild dem Justieren der Empfänger. Durch analytisches Betrachten auf dem Bildschirm konnte die Empfangsqualität bestimmt und Störungen oder Defekte identifiziert werden.

Dafür waren eigens ausgebildete Radio- und Fernsehelektriker zuständig – ein Blick auf das damalige Vokabular lässt vermuten, wieso dabei …

Artikel lesen
Link zum Artikel